Montag, 9. Juni 2014

Seensucht

Immer wenn es heiß wird, kommt in mir diese Sehnsucht auf. Nach Wasserplatschen, nach dem Geruch von Gegrilltem und Pommes in der Luft und nach möglichst realistisch aussehenden Aufblastieren. Am Besten in wahlweise Delfin-, Wal- oder Schildkrötenform. Bestens kann ich mich erinnern, wie meine jüngere Cousine einen Seestern und damit die Begierde des damalsjährigen Urlaubs als ihr Eigen wähnte. Nicht etwa ein echter Seestern, sondern eben einer aus Plastik und zum Aufblasen. Gerade groß genug, um sich als Sechsjährige daran zu krallen und über die Wogen des Meeres schaukeln zu lassen.

Erst mit den Füßen im Sand zu stehen und dann, zusammen mit dem Seestern wieder in die Höhe gewirbelt zu werden. Meine wirklich großzügige Cousine hätte mir den Stern, der einem zu solch luftikosen Höhenflügen verhalf (pfui, wer hier an Drogen natürlicher oder synthetischer Form denkt!), sicher öfter geliehen, doch ich war da erstens zu eitel und zweitens zu stur. Was die Cousine konnte, konnte ich ja wohl auch. Und reine Leihgaben, das war mir im zarten Kindesalter schon bewusst, darauf konnte man schließlich nicht bauen. Es musste also ein eigenes Tier her. Es wurde ein Delfin, den ich wählte, weil ich in diesem Fall als Mädchen nicht unbedingt besonders kreativ war und schon allein meinem Geschlecht geschuldet Delfine liebte. Und weil er so schön hellblau war (wunderbar, wie den Kindern die Meeresbiologie mithilfe maritimen Kinderspielzeuges näher gebracht wird). 

Jetzt hatte ich also meine eigene kleine Attraktion, deklarierte das Tier natürlich sofort zur Weiblichkeit und nannte es "Ella". Auf einer Tretbootfahrt ging Ella dann verloren. Ich weiß noch, dass mein Papa so weit ins Meer hinausgeschwommen war, um sie für mich wieder zu holen, dass wir alle ganz schreckliche Angst hatten, er wäre ertrunken. Wir starrten angsterfüllt an den Horizont, an dem wir ihn einfach nicht mehr erblicken konnten. Als er dann doch ziemlich geschafft zurückkam, war er betreten, dass er Ella nicht mehr fangen konnte. Und verstand erst gar nicht, dass ich nicht aus Trauer weinte, sondern vor Glück.

Solche Erinnerungen strömen immer wieder durch meinen Kopf und tanzen umher wie sie lustig sind, sobald ich eine Weile spazieren gehe, mich irgendwo hinlege und die Augen schließe oder im Wasser mit geschlossenen Augen meine Züge mache. Hachja, Wasser. Immer wenn es so heiß wird, muss ich bei einem Spaziergang nur mal irgendwo vorbeikommen, wo ich das Wasser im Kinderplanschbecken spritzen höre und diesen Plastikgeruch rieche, und schon ist es um mich geschehen.

Eine riesige Sehnsucht ergreift mich. Will ich in den Urlaub? Vielleicht. Will ich an den See? Ganz sicher! Meer ist toll, See ist es aber auch schon, meist auch in greifbarer Nähe. Wesentlich später nach den vielen Meer- und Italienerlebnissen mit der Familie ging es mit Freunden immer wieder zu diversen Gewässern, an die man sich nicht nur Getränke und Knabbereien, sondern Kartenspiele, Wasserpfeifen, Bücher (die die ganze Zeit unbeachtet am äußersten Rand irgendwo unter dem Handtuch lagen und nur nass statt gelesen wurden) und Federballschlägern. Letztere waren meist mein Werk. Wie ein spielsüchtiger Labrador sprang ich munter von einem zum nächsten, um irgendwen IRGENDWEN zu überzeugen, mit mir zu spielen. Ich weiß nicht mehr, ob mir die Zunge dabei heraushing. Kann gut sein.

Ich weiß nicht, ob es auch den anderen ging, aber ich packte mir auch meistens noch ganz andere Sachen ein: Besagte Sehnsucht, Träume, das Gefühl, gerade die Jugend meines Lebens zu erleben. Entweder total cool mit den Radln unser Zielobjekt ansteuerten, besser als in jedem Bohemian-Sommer-Film oder, damals natürlich noch cooler da bei weitem noch nicht jeder Führerschein geschweige denn Auto hatte, mit dem Auto. Ein Schlüsselerlebnis bestand aus zwei Freunden, einer Freundin und mir, wie wir im Auto saßen, laut "Time to Pretend" von MGMT aufdrehten und dazu buntes Eis lutschten. Es war heiß, die Fenster waren natürlich runter(gekurbelt!!) und die Picknickdecken warteten im Kofferraum. Klischee total? Ach was. Sommer!

Und dann waren da noch die lauen Abende, die wir auf besagten Picknickdecken (ja, die strahlen für mich bis heute einen ganz besonderen Flair aus) saßen und uns so frei fühlten, wie vielleicht noch nie jemand jemals. Wir versuchten, Kringel mit dem Rauch der Shisha zu machen und mir wurde immer ganz schwindelig von dem Nikotin und den diversen Teerstoffen, die wir da so inhalierten. Dazu gab es höchstens ein Bier, nicht so viel Alkohol, wie man es den Jugendlichen immer anlastet. Es war auch einer dabei, den ich toll fand. Vielleicht war das, trotz der tollen Atmosphäre in der Luft, der vibrierenden Basstöne der allerbesten Musik (damals konnte man sich noch auf einen Musikgeschmack einigen. Seeed. Passt.), das eigentlich spannendste Unterfangen des Abends, herauszufinden, ob er mich denn vielleicht auch ein bisschen toll fand.

Ja und was war sonst so. Am See verliebte ich mich am allermeisten in einen und am See weinte ich auch am allermeisten über meinen Liebeskummer. Heute habe ich zum Glück keinen Liebeskummer mehr und sitze glücklich und zufrieden mit meinem Herzallerliebsten auf dem Steg, lasse die Füße ins türkisblaue Wasser des Fuschlsees baumeln und schaue abwechselnd in seine braunen Augen, in die weite Natur oder auf den nächsten Jump-Versuch eines Frischlings.

Ein bisschen hat der See seinen Zauber verloren, irgendwie. So als ob es als Kind megaspannend war, als Jugendlicher dann gerade noch spannend und je älter man wird, desto mehr ist es halt eigentlich nur Wasser und schon schön aber dann muss man ja noch die Rechnungen begleichen, die Seminararbeit schreiben. Und einkaufen muss man ja auch noch. Aber nein, ich fange jetzt sicherlich nicht mit dem viiel zu oft gehörten Plädoyer à la Julia Engelmann an, wir sollten doch bitte mehr leben und mehr im Moment sein und überhaupt ist alles magisch und blah.

Es kommt wies kommt. Der Thailandurlaub war ja dann doch wieder so, ja, magisch wie eh und je. Wir müssen echt bald mal wieder die Picknickdecken einpacken und an den See fahren. Dazu MGMT hören und buntes Eis schlecken. Klischee total? Ach was. Sommer!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen