Freitag, 19. Juli 2013

Erinnerungen an eine Insel

Wann immer ich die Augen schloss, konnte ich das blaue Wasser spüren, wie es sich um meine Arme schmiegte. Das Gefühl, wenn man nur mit dem Nötigsten bekleidet und ganz ohne modernen Schnickschnack wie Schminke oder Armbändern durch den Tag geht auf nackten Fußsohlen. Wenn die Haut braun und das Gesicht abends ganz rot wird, weil man auch die Sonnencreme glatt vergessen hat. Auf dem Körper sind Hautfetzen, Schrammen, am Fuß ist die Hornhaut schon dicker. Die Lässigkeit lässt ihre Spuren, doch du nimmst es in Kauf, weil du dich nie im Leben so frei gefühlt hast. Ein bisschen ist es wie das Leben eines Wilden, hier am Meer und umgeben von Landschaft, die so riecht, wie du dir vorstellst, dass der Amazonas riechen könnte. Es knackt, fremde Vögel schreien eigentümliche Lieder, eine Kröte mit dem Resonanzkörper eines ausgewachsenen Ochsen röhrt, selbst die Luft scheint hier zu wispern.



Du kämpfst dich so durchs Gestrüpp, kletterst über Felse und schlenderst von Menschen notdürftig errichtete Holzpfade über die Küste entlang. Schaust den Menschen bei ihrer Arbeit zu. Wie die eine Dame, die wie 80 aussieht, aber vermutlich schon weit über hundert Lebensjahre zählt, sorgsam Kleider für den örtlichen Basar zusammenschneidet. Wie andere gemeinsam in einem größeren Menschengesammel ihren Müll verbrennen und es plötzlich so eigentümlich schlecht und auf fremde geheimnisvolle Art gut riecht. Wie Obst und Gemüse auf den Märkten angepriesen werden und Fleisch und Undefinierbares auf offener Straße gegrillt und direkt von der Hand in den Mund gegessen werden. Es duftet himmlisch, es stinkt bestialisch, es ist ein Mix, der süchtig macht.

Am liebsten siehst du den Fischern zu, wie sie auf ihren Kajaks aus dunklem Holz gen Horizont lossegeln, um für ihr täglich Fisch zu sorgen. Natürlich gibt es auch die Motorboote, die frech ihre Bahnen entlang der Strandung ziehen, die lärmen und ein bisschen so riechen, wie der Müll, der verbrennt. Aber hier ist alles viel zu träge, um sich an etwaigen Widersprüchen aufzureiben. Der 7Eleven existiert hier neben dem für diese Insel typischen Krimskrams-Wirhabenalles-Laden, ohne dass sie sich zanken müssten. Miete zahlen sie vermutlich beide nicht. Überhaupt, was du hier kaufen kannst, kennst du zu 95 Prozent noch nicht. Das Sortiment im Laden ist so fremd wie der Geruchscocktail in der Luft und die Gedanken des Menschens dir gegenüber, wie er dich anlächelt.

Es ist ein Inselleben hier, man hat es nie weit. Am Anfang gingst du noch alles zu Fuß, schließlich machte aber die Hitze den Roller, DEM Vehikel hier, nicht nur den Einwohnern sondern auch dir selbst sympatisch. Das Brummen und Wackeln und Scheppern ist ohnehin ein eigenes Highlight, fasziniert dich wie als Kind der Looping in der Achterbahn. Allein schon mit dem Tragen des Helms umgeben von wilder Dschungellandschaft und fremdartigen Holzbauten lässt dich so fühlen, als wärst du Teil irgendeines ziemlich coolen Sondereinsatzkommandos. Und dann, wrummwrumm, geht es los und du hältst dich fest und die Trillerpfeifen der Abenteuerlust stimmen ein Jubelkonzert im Magenbereich an.

Und dann dieses Essen. Ebenso einfach, wie du hier deine kurze Baumwohlhose und weit schlabberndes Batikoberteil auf nackter Haut trägst, setzt du dich hier an Tische aus Plastik oder Holz, ohne Formalitäten achten zu müssen. Sie sitzen hier und essen und reden und lachen und essen. Du setzt dich dazu, verstehst kein Wort, aber fühlst dich auch nicht alleine. Und du empfindest jeden Bissen als den größten Gaumengenuss, den du je kosten hast dürfen, wie das entscheidende Stück, das dich vor dem sicheren Hungertod rettet und nun Teil deiner Seele wird.

Sind es vielleicht doch nur die preisgünstigen Massagen und die feine Küche, die dieses Ort zu so einem Nirvana der Seligwerdung machen? Mitnichten, denn schon als du deinen ersten Thai getroffen hast, wurdest du neugierig auf ihr Leben. Wie sie dachten, was sie fühlten, warum sie die Dinge taten, die sie taten, überhaupt, wer sie sind.
Und dann ist es die Essenz der Insel selber, die dich auch ohne jede Annehmlichkeit in ihren Bann zieht und dich ganz stumm und aufmerksam werden lässt für das, was dich umgibt. Wie geht das, fragst du dich, dass man schon nach ein paar Tagen alles in eine Kiste packt, was man nicht mehr braucht, und auf dem Meeresgrund des türkisblauen Wassers blubbernd versinken lässt?

Es ist wohl die Freiheit. Du bist nun da, du hast nicht viel, du brauchst nicht viel, du gehst nicht mehr. Es ist warm und du kannst tagelang nur so sitzen und den Wind um die Nase spüren und deine Träume träge mit der Hand aus der Luft haschen, weil sie nun gar so nah an eben dieser Nase vorbeiziehen. Du kannst sie lesen, kannst nun schlafen und träumen.

Und den Fischern zusehen, wie sie gen Horizont steuern, mit ihren Kajaks.

Mittwoch, 10. Juli 2013

Ja, was will sie denn

"Hast du Probleme, das ist kein Drama. Das ist das Leben. Das ist das Programm(a, im Spanischen schöner gereimt)." So ist wohl das zu übersetzen, was ein Kerl mit dunkler aber irgendwie seltsam verständnisvoller Stimme auf spanisch in meine Ohrstöpsel haucht, wenn ich morgens meine Runden über die Ebersberger Hügel drehe. Ich fühle mich diesem Herren aufs Innerste verbunden, obgleich ich weder seinen Namen kenne, noch weiß, ob er sich diese Zeile überhaupt selbst ausgedacht hat. Aber es ausgesprochen zu hören war und ist für mich eine wahre Erleichterung.

Im Leben kommt es manchmal dicke und manchmal eigentlich nicht aber irgendwie doch. Eine seltsame Formulierung für etwas, das ich leider auf Anhieb nicht besser beschreiben kann. Was heute noch gut und glücklich, voller Tatendrang ist, kann morgen plötzlich stumm werden. Kann einen anschauen, mit unsicherem Blick und einem verlegenem Kopfkratzen. "Ja weiß ich jetzt auch nicht, was will sie denn..."
Wer von düsteren Momenten in seinem Leben spricht, weil die Oma gestorben ist oder das eigene Alkoholproblem endlich als solches samt drastischer Erkenntnisse eingesehen wurde, den versteht man. Man nickt, schaut verständnisvoll, ist es womöglich auch, sollte man bereits ähnliche Erfahrungen gesammelt haben.

Aber was ist, wenn da gar nichts ist? Eine ganze Weile baute man an einem Häuschen, Ziegel für Ziegel, dachte bereits in liebevoller Vorfreude an den zu bepflanzenden Vorgarten und freute sich seiner Dinge. Ein Ziegel hier, ein Ziegel da und die Sonne scheint auch. Doch waren es anfangs beeindruckende Fortschritte, wie aus einem Fundament bereits erste Häuserkonturen entstunden und schließlich sogar ein Dach darauf gesetzt werden konnte, ließ die Euphorie nach, als sich so etwas wie Alltag einkehrte. Es gab nicht jeden Tag einen neuen Ziegel zu platzieren und für den Garten blieb leider derweil keine Zeit.


Es ist die Krux eines jeden Menschen mit zu vielen Sehnsüchten, nehme ich an. Von Erzählungen weiß ich, dass ich mit meinem Häuschen-Problem wohl nicht die einzige bin. Wo ich viele der erzählenden Menschen dabei kennen gelernt habe, ist vermutlich auch kein Zufall: Auf Reisen, wie wir zusammen am Tisch in der gemeinsamen Küche von Hostels saßen oder aber auf der Rückbank eines Four-Wheel-Drives unterwegs durchs Irgendwo im Nirgendwo. Schön kann es fast überall sein. Aber am schönsten ist es eigentlich immer da, wo man gerade nicht ist.

Andere haben Angst davor oder verspüren zumindest deutliche Unlust, älter zu werden. Ich bin mir da nicht so sicher. Vielleicht hören dann irgendwann ja die nagenden Fragen auf. "Wohin willst du, wohin willst du", wird die eine Stimme nicht müde, mit zunehmender Dringlichkeit immer lauter um Gehör zu buhlen, während die andere mich mit Nachdruck erinnert, fast schon warnt: "Nicht stehen bleiben, Mädchen!" Und alle versammelten Kleingeister und Philosophen, die sich selbsternanntermaßen meine Beraterlein nennen, rufen sie im Kanon: "Da gibt es noch mehr!"

Und so kann es kommen, dass auf einmal jede Menge los ist, Gefühlschaos, Leere, Unsicherheit, Angst. Vielleicht sogar Trauer. Nicht, OBWOHL nichts ist, sondern WEIL nichts ist. Weil man das Gefühl hat, nun doch eher so stark gegen den Strom auf dem Tretboot zu rackern, dass man keinen Millimeter vorwärts kommt. Weil man andere vorbeiziehen sieht, die sich mit so vielen Dingen leichter zu tun scheinen. Weil man glaubt seine Ziele zu kennen, doch sich dann kurz vor der Zielgeraden plötzlich nicht mehr sicher ist. Weil man hier und da und leider oft auch an wichtigen Stellen aufs falsche Pferd gesetzt hat.

Das ist also das Programma. Nun gut, wenn das so ist, werde ich damit leben, so wie alle Menschen auch. Denn das bedeutet die Botschaft des oben erwähnten Zitats für mich: "Ja mei, passiert, jetzt stehst wieder auf und fängst was Neues an." Ein anderer Spruch, "Das Leben ist kein Ponyhof", den finde ich denkbar blöd. Mein Ziel: Das Leben zum Ponyhof machen. Auch das nicht ohne Verantwortung, schließlich will sich auch ein Pony versorgt wissen, von einem Hof ganz zu schweigen. Aber mit einem friedlich-fröhlichem Gefühl und der stillschweigend in sich hinein grinsenden Überzeugung, das richtige zu tun.

Geht das? Wir werden sehen.