Dienstag, 20. März 2012

"Savoir Vivre"

Zu deutsch: "Wissen, wie man lebt." Ob auf dem Flyer einer Weinwerbung oder an einer vollgeschmierten Bank in der Uni: Irgendwo ist mir dieser Satz neulich in die Augen gesprungen und hat sich in meinem Hirn weiter gesponnen. Erstmal scheint die Formulierung dämlich. Sicher, es geht darum, zu wissen, wie man "gut" lebt. Dennoch: Wer nicht weiß zu leben, der ist doch wohl tot, denkt man sich und verdreht im Geiste die Augen gen Himmel. Da hat mal wieder mit zwei Worten ein philosophisches Zitat erbracht. Hört sich ganz schlau an, jaja, danke, kenns schon. Genießen und so. Man denkt an Franzosen und Wein und Italiener, die im Café sitzen und je nach Tages- und Nachtszeit (oder auch nicht) kräftige Espressi oder aber Vini trinken (im stiefelförmigen Land ist "Savoir Vivre" eben dann die "Belllllla Dolce Vita"). Nein, verzeih, sie trinken nicht: Sie genießen! Sie kosten das Heiß- oder Kaltgetränk bis zum letzten Tropfen aus. Schließen vielleicht ab und an genießerisch die Augen; aber auch nur wenn sie nicht zu beschäftigt sind, mit "Parlare". Denn richtig, sie reden nicht, sie parlaren, will heißen mit schwungvoller Gestik und Mimik, mit lauter Stimme, voll Inbrunst und Emotionen. Erst klang es, als würden sie sich hassen und beschimpfen, im nächsten Moment lachen sie fröhlich miteinander.

Verzeihung, ich schweife ab. Ich liebe das französische und italienische Lebensklischee, auch wenn das mal wieder sarkastischer klang als gemeint. Nur: Können das echt nur die Franzosen? Die Italiener? Vielleicht noch die Spanier und ganz sicher auch die Australier? Was genau ist denn das, diese besondere Kunst, zu leben? Wissen, wie man RICHTIG lebt und nicht einfach nur lebt?

Ich glaube, es ist eine Kombination aus "Sich selber mögen", "Andere mögen" und "Das, was man tut, mögen". Wenn eins der drei Dinge die meiste Zeit des Lebens nicht zutrifft, könnte was schief laufen. Wer jetzt hofft, beim Weiterlesen das Patentrezept für ein glückliches, erfülltes, "gekonntes" Leben zu führen, den muss ich leider enttäuschen.

Aber manchmal habe ich so eine Idee: Wie wäre es wenn bei allem was wir tun und lassen im Hintergrund ein schönes, ruhiges und fröhliches Lied laufen würde? Für mich wäre es wohl das Auenland-Lied (ja ich weiß, das ist definitiv nicht der korrekte Titelname, aber fängt die Flöte nicht an zu trällern, sobald sie an das Auenland denken?), aber das ist sicher individuell je nach Geschmack und bevorzugter Musikrichtung. Was wäre dann? Stellen Sie sich vor, sie gehen an einem grauen, trüben Tag einen hässlichen Weg entlang. Düster oder? Trist. Jetzt stellen Sie sich das Ganze mit dem Lied vor. Sicher, Wolken, Sorgen, Trauer und Ängste werden von den schönsten Panflöten nicht weggeblasen. Doch die vier gehören unter anderem eben zu dem, was das Leben eben halt ist. Nur die Sichtweise ändert sich. Und wir besinnen uns auf das zurück, was wir mit dem Lied verbinden: Stärke, Träume, Ziele, Wünsche... das Lied kann viel in sich tragen.

Einerseits gestalten wir unser Leben selbst, andererseits ertrinken wir in genau der Riesenpalette an Möglichkeiten, die es uns bietet. Sein Leben in die Hand zu nehmen, seinen Tag zu gestalten, wie man möchte, ihn mit Menschen zu verbringen, die man gern hat und sich auch Zeit für sich und für Ruhe zu nehmen: Das kennt man, das weiß man.
Doch das Leben ist eben kein Ponyhof und nicht immer so, wie wir es haben wollen. Und manchmal wie wir es haben wollten und dennoch finden wir uns statt glücklich eher leer und zufrieden vor.

Ich glaube "Savoir vivre" greift weiter. Wissen, wie man lebt, heißt für mich nicht nur, den Moment zu genießen. Für mich bedeutet es eher, das Leben entspannt zu nehmen. Sich bei dem was man tut, fragen, wie man sich dabei fühlt. Ob es sich richtig anfühlt. Ob wir das wirklich wollen, oder glauben es zu wollen. Ob wir es wirklich NICHT wollen, oder glauben, wir dürfen einfach nicht.

Für mich ist "Savoir Vivre" letztlich genau das, was ich eigentlich vermeiden wollte, in diesem Wortlaut zu schreiben:
Seinem Herzen zu folgen.

Freitag, 16. März 2012

Ich muss gar nichts?

Ich beneide Jungs (verzeihung, junge Männer) um ihren Zivildienst. So jetzt ist es raus. In Deutschland wurde dieser offenbar bereits abgeschafft, aber hier in Österreich ist er nach wie vor Usus. Nach der Schule gehts demnach erstmal ins soziale Feld (oder aber ins Militär). Krankenhaus, Altersheim, Rotes Kreuz... die Möglichkeiten sind groß. Sie haben eins gemein: Man sammelt Erfahrungen. Mitunter vielleicht deswegen die wertvollsten aller Erfahrungen, weil im Umgang mit Menschen.

Man kann mir mit Fug und Recht vorwerfen, ich habe leicht reden. Schließlich bin ich ein Mädl und bin somit ohnehin "fein raus". Argumente wie "Dafür werds dann halt schwanger" und ähnliche greifen heutzutage auch nicht mehr so treffsicher wie noch vor vielleicht zwanzig Jahren. Aber das sei jetzt mal dahingestellt.

Warum beneide ich die Zivildienstleistenden? Der Grund ist einfach: Sie werden gewissermaßen zu ihrem "Glück" gezwungen. Natürlich ist Glück hier ein eher weitläufiger Begriff und wäre wohl besser mit "Dazulernen" und "wertvolle Lebenserfahrungen" zu ersetzen. Dass eben diese neuen Eindrücke letztlich jedoch ein wichtiger Schritt zum Glück sind, davon bin ich überzeugt. In einem Gespräch mit einem Freund bin ich überhaupt erst darauf gekommen. "Freiwillig hätt ich des nie gemacht", so sagte er. "Aber dann war's echt cool, weil ich wusste, ich muss das eh. Dann hab ich mich halt drauf eingelassen und das beste draus gemacht. Es wurde ne echt gute Zeit."

Doch es geht mir nicht nur um soziale Ehrenämter und Tätigkeiten. Man kann das auf so vieles im Leben projezieren. Egal ob selbstloser Akt der Nächstenliebe oder auch nur die ersten harten Wochen in einem schwierigen Job: Heutzutage sind Freiheit und Möglichkeiten manchmal vielleicht mehr Fluch denn Segen. Erscheint eine Situation schwierig, gibt es einfach oft genug Möglichkeiten, dem auszuweichen. "Ich muss gar nichts", scheint ein gewisses Credo zu sein, das zunächst nach Selbstbewusstsein und nach selbstbestimmtem Leben klingt. Im Prinzip ist das ein guter Leitsatz, der einem, richtig angewandt, gleichzeitig ein wärmender Mantel und ein sicheres Schutzschild zugleich bietet. Doch der Teufel liegt schon in dem Satz: "richtig angewandt".
Denn es ist die latente Verlockung da, einfach wegzulaufen. Oder es gar nicht erst zu beginnen, wenn man denn nicht muss.

Sich selber zwingen, könnte eine Alternative sein. Ist jedoch alles andere als leicht, denn letztlich versucht man, sich selbst auszutricksen. "Du musst das!", versucht man sich einzureden, wähernd ein sicheres Gefühl und Bewusstsein in einem kontert: "Ne, stimmt nicht. Musst du garnicht."
Selbstredend ist das hier mal wieder ein Luxusproblem und ich möchte nicht bestreiten, dass es durchaus Situationen gibt, in denen man eben durchaus muss.

Ich spreche mehr von dem, was man könnte, es aber nicht tut, weil man es eben auch lassen kann.
Dann einfach lassen? Schade um die tollen Erfahrungen. Wie soll man wachsen, wenn man sich nicht über den Horizont hinaus wagt. Wie neues lernen, wenn man sich immer an Altgewohntes hält.
Ja richtig, es geht hier auch um Dinge, vor denen man sich fürchtet, die man sich aber wünscht. Reisen in ein fernes Land, allein und nur mit Rucksack als Gesellschaft. Freiwilligenprojekt in Südafrika. Sich selbstständig machen als Webdesignerin. Vielleicht auch nur, endlich diesen Yoga- oder Sprachkurs zu machen. Man profitiert in so vielen Weisen, am allermeisten im Herzen: Denn man wird offener, froher, glücklicher, je mehr Alternativen und Perspektiven man im Leben kennenlernt. Das hat mich das Leben bereits gelehrt. Und was gibt es denn Schöneres zu erreichen, als einfach mehr Glück und Zufriedenheit durch neue Erfahrungen?

Sehnsuchtsvoll wünscht man sich jemanden, der sagt: "So, ne, Schluss mit denken, du machst das jetzt. Das ist so festgelegt, und weil das so ist, kannst du dich einfach deinem Schicksal fügen. Brauchst auch nix mehr zu hinterfragen, das wird einfach gemacht. Wird nicht immer leicht und toll sein, aber am Ende hast du was geschafft!"

Kann man das lernen? Ich hoffe es.
Denn es bedeutet: Lernen, das zu tun, was man möchte.
Und letztlich: Sein Leben auch wirklich zu leben.

Samstag, 10. März 2012

Wieviel Feierei ist noch feierlich?

Mittlerweile ist es beinahe unumgänglich geworden, die Trends aus Übersee, speziell den USA, mitzubekommen, mitzuerleben und in Form von Film, Fernsehen und weiteren Medien zu konsumieren. Auffällig ist, was dort nicht alles gefeiert wird. Nicht nur finden die Amis am laufenden Bande Anlässe des alltäglichen Lebens, die sich nach ihrem Ermessen absolut lohnen, mit vollstem Herzen und Alkoholpegel zu zelebrieren; Nein auch das Drumherum kann garnicht bunt, kitschig und ausgefallen genug sein. Bei so viel Herzlichkeit und Rührseligkeit ist man als nordischer Europäer mal wieder skeptisch: Wieviel "volles Herz" steckt da denn noch wirklich dahinter? Was sind da noch echte Gefühle, echtes Miterleben und was reine Effekthascherei und Showzelebrierung?

Auch wenn diese Einleitung auch von meiner Seite aus eher Skepsis vermuten lässt, bin ich nicht sicher. Wahrscheinlich ist es so, wie meistens, wenn man gerne einmal alle über einen Kamm scheren und verallgemeinern möchte um etwas Ordnung in die Funktionsweise der Menschen und des Lebens zu schaffen: Es geht nicht. Weil eben keiner gleich ist. Und somit lässt sich wohl auch nicht sagen, was nun zu zelebrieren übertrieben ist und was nicht.

In meinem Leben hat es viele Momente gegeben, in denen ich mich über die Ruhe, die vor, in und nach ihnen herrschte, sehr gewundert habe. So das Abschließen des der letzten Prüfung beim Abitur, wie man das Klassenzimmer und das Schulgebäude ein für alle mal verlassen hat, hinaus in die Welt gegangen ist und da war: nichts. Doch, das Geräusch der heranfahrenden S-Bahn. Und ich glaube, es hat ein Auto gehupt. Was hatte ich erwartet? Trommelwirbel, Paukenschlag, laute Musik oder zumindest eine Heerschar von Menschen, die mich jubelnd applaudierend begrüßen und in ihre fröhliche Sektrunde einladen?
Sicher, die Abifeier kam dann schon. Aber das war dann auch wieder zu einem Zeitpunkt, wo in den Köpfen aller schon ganz andere Dinge herumwuselten: Studium, Auslandspraktikum oder freiwilliges soziales Jahr. Das Leben geht schnell und so auch die Gedanken. Man kann das Gefühl kurz nach einem einschneidenden Erlebnis ja nicht einfach konservieren, bis denn dann der (meist um einiges später) gemeinsam vereinbarte Termin kommt, an dem gefeiert wird.

Der Schulabschluss ist nur eines der einschneidenden Ereignisse im Leben eines Menschen. Da kommt eine Menge hinzu: Erste Beziehung, Studiumbeginn, Studienabschluss, erster Job, erste Kündigung, erster gemeinsamer Urlaub mit Freunden, Hochzeit, erstes Kind, erster Tod in der Verwandschaft. Glückliche wie traurige Momente sind immer wieder dabei, unser Leben komplett auf den Kopf zu stellen und unser Lebensgefühl für alle Zeiten zu ändern. Da fragt man sich natürlich schon manchmal die alte Baumfrage: Wenn ein Baum umfällt und keiner sieht es, ist er dann umgefallen?
Bei traurigen Momenten der Anlass, zusammen zu kommen, um sich Trost zu spenden. Bei glücklichen Momenten gemeinsam die Korken knallen zu lassen und sich zu freuen. Das Leben zu feiern, die Besonderheit des Momentes zu feiern.

Es hat seinen Grund, dass Menschen seit jeher Feste und Rituale in ihrem Jahreskalender notiert haben. Es ist Feiern und Abwechslung vom ständigen Alltag. Es ist ein Durchschnaufen und das Kennzeichnen eines neuen Abschnittes, eines neuen Erlebnisses oder sogar einer ganz neuen Ära.
Denn wenn man da gemeinsam glücklich mit Freunden und Familie zusammen ist, leckeres isst, gute Gespräche führt und sich wohl behütet und aufgehoben fühlt, da wird einem vielleicht erst klar: Hey, das ist ein besonderer Moment in  meinem Leben!
Es wäre schade, wenn das einfach an einem vorbeiziehen würde.

Was folgt also daraus? Feiern bis zum Umfallen? Haben die Amis recht?
Jein.
Ich denke, es ist gut, Anlässe nicht unter den Tisch zu kehren. Jeder hat das Recht, alles zu feiern, was ihm feiernswert erscheint. Egal ob das nun der erste erfolgreich gemeisterte Tag  im neuen Beruf oder die Verlobung ist.
Ich glaube nur, dass man auf dem Holzweg ist, wenn man glaubt, eine Feier impliziert automatisch ein Riesenheer an Menschen, einen noch größeren Alkohol- und Fressalienvorrat sowie ein kompliziert ausgetüfteltes Buffet und selbstredend eine bahnbrechende Location.
Jeder Mensch ist anders und somit feiert auch jeder Mensch anders.
Zelebrieren kann man Momente ganz unterschiedlich. Ob man viele Menschen um sich herum haben möchte oder nur ein paar wenige im gemütlichen Kreise, vielleicht sogar nur diese eine Person: Das ist so individuell wie der Geschmack und die Person selber. Und mancheiner kann hin und wieder vielleicht auch ganz allein mit sich selbst feiern und sich des Lebens freuen. Sich besinnen und wertschätzen, was war.

Ich erinnere mich an eine ziemlich schwere Klausur meines Studiums. Ich hatte lange darauf hingelernt und als ich das Blatt schließlich abgab, hatte ich ein gutes Gefühl und sonst einfach das erleichternde "Ich habe es hinter mir". Ich spürte, dass ich jetzt nicht einfach heim gehen wollte. Ich war fröhlich, erleichtert und wollte etwas besonderes, um diesen Moment für mich zu feiern. Ich ging auf den Mönchsberg, die Sonne strahlte und die Vögel zwitscherten. Dann hörte ich mein Lieblingslied, sah die Umgebung meiner neuen Heimat und merkte: Hier habe ich gefunden, was ich gesucht habe.

Hier über den Dächern der Stadt und nur mit Berg und Sonne freute ich mich über den besonderen Moment und fühlte mich vor allem eins:
Feierlich.

Freitag, 9. März 2012

Reisen verleiht Flügel

In mir ist eine Ruhe eingekehrt, die ich vorher so nicht kannte. Sie ist weder langweilig, noch fühlt sie sich nach Stagnation an. Es ist mehr ein beruhigendes Gefühl, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein und vor allem: Ich empfinde nicht mehr die vorher allgegenwärtige Angst, etwas Grundlegendes in meinem Leben falsch zu machen und dadurch etwas zu verpassen.

Wie kam es dazu? In einem Gespräch mit einem Freund bin ich wohl auf eine der wichtigsten Antworten gestoßen: Das Reisen.

Mal vorweg genommen: Ich rede hier nicht davon, einfach mal so ordentlich die Sau rauszulassen, dass man noch Monate danach davon in einem braveren Leben zehren kann. Ich meine auch nicht, sich so lange auf die faule Haut zu legen, bis denn der Antrieb zum Arbeiten und Schaffen wieder da ist. All das ist schön und gut, hat in sich eine Existenzberechtigung, doch ist nicht der Schwerpunkt meines Plädoyers für das Reisen.

Was bedeutet es für mich, das Rucksackpacken, fliegen, Zug fahren, in (meist eher billigen) Unterkünften einchecken, fremde Gegenden zu erkunden und neue Menschen kennen zu lernen? Ganz einfach: Es ist neuer "Input", wie man es heutzutage wohl formulieren würde. Das eigene Leben mag schön und gut sein (sollte es auch, denn Reisen ist kein Weglaufen, dazu später), doch seien wir ehrlich: Meistens wiederholt sich das Gleiche immer und immer wieder. Negativ spricht man vom Hamsterrad, doch so schlecht würde ich es nicht bewerten. Insofern das ganze Glück und Zufriedenheit mit sich bringt und der Mensch sich mit und in seinem Alltag wohlfühlt - warum nicht?

Doch wer es dennoch wagt, seine sieben Sachen packt und sich auf (mehr oder weniger) Abenteuertrip begibt, öffnet sich und sein Herz (auch wenn das pathetisch klingt) für neue Leute, Erlebnisse, Erkenntnisse, Bilder,  und ein Riesensammelsurium an bunten Eindrücken: Sprich, seinen Horizont zu erweitern.

Das ist ja alles schön und gut, mag man sich nun denken, denn mit dieser Erkenntnis bin ich sicher nicht die Erste. Es ist vielmehr ohnehin der Grund, aus dem sich die meissten  auf Reisen begeben.
Der springende Punkt ist: Ich weiß, dass es das gibt. Dieses Reisen. Es kann in allen Budgetvarianten, allen Transportmitteln und mit und ohne viel Gepäck, allein oder mit Freunden gemacht werden. Nicht jederzeit, aber wenn man wirklich möchte, findet sie sich, die Zeit und die Gelegenheit. (Ich weiß, ich rede mir als Studentin ohne große Verpflichtungen leicht, aber so eine Reise ist es in vielen Fällen wert, sich eine kurze Auszeit zu nehmen.)

Das wiederum heißt: Das Reisen ist für mein Leben eine Art Stützrad, die mich jederzeit auffangen würden, wenn es mit dem Radeln durchs Leben gerade nicht so hinhaut, wie ich das gerne hätte. Wenn das eigene Leben aufeinmal viel zu eng erscheint, die Möglichkeiten zu klein, der Rand zu nahe und irgendwie alles viel zu schwer. Wenn man das Gefühl hat, auszubrennen und nicht mehr das zu tun, was man möchte. Nicht mehr weiß, wofür man im Leben eigentlich steht.

Es ist das Wissen, dass man sich einfach mal eine Auszeit nehmen und alles auf den Kopf stellen kann, um es mal von oben und von neuen Perspektiven aus zu betrachten. Dabei lernen, verstehen und sich besinnen. Sich kennenlernen.
Es heißt nicht: Weglaufen. Denn ich plädiere hier keineswegs dafür, Job, Wohnung und Beziehung ohne weiteres für die eigene Abenteuerreise aufzugeben. Ich spreche hier von ruhig kürzeren Zeiträumen, in denen man dennoch eine Menge mitnehmen kann.

Ist man wieder daheim, ist man manchmal nicht mehr der selbe. Man hat  sich weiterentwickelt und kann nun mit frischem Geist und Atem sein Leben wieder angehen.

Das bedeutet Reisen für mich.

Mittwoch, 7. März 2012

Take it easy: Kunst des Loslassens


Was haben Optimismus und Nihilismus gemeinsam? Die Frage scheint zunächst schon in sich selbst widersprüchlich. Während Optimisten unaufhörlich das Gute im Leben, im Menschen und in allem sehen, was ihnen so unter die Nase kommt, scheinen sich die Nihilisten in apathischer Gleichgültigkeit zu vergraben. Die Optimisten sagen: "Egal was kommt, es wird gut!" Die Nihilisten sagen: "Egal was kommt, du kannst es eh nicht ändern."

Ja was haben sie denn nun gemeinsam? Die Antwort lautet in meinen Augen: Gelassenheit. Beide lassen sie einfach mal locker, statt zwanghaft alles zu kontrollieren und mit einem Etikett versehe zu wollen, um es auch ja richtig einzuordnen. Ob das nun die überzeugte Optimistin Anja tut, weil sie tiefstes Gottesvertrauen hat, oder der düstergestimmte Sven, der einfach nur seine Ruhe vor Anja haben will: Sie sind sich im Geiste verbundener, als sie glauben.

Einfach mal lockerlassen. Hört sich für die meisten ohnehin erstmal gut an. Nach Freiheit, nach Selbstständigkeit, nach Entspannung. Und wenn es darum geht, mal einen gemütlichen Abend auf der Couch zu verbringen oder mit ein bisschen Alkohol intus das eigene Mundwerk locker und lose zu machen und Bauchweh vor Lachkrämpfen zu kriegen, gelingt das den meisten von uns ja noch ganz gut.
Doch was ist mit den Entscheidungen im Leben, erst recht, wenn diese wichtig und wichtiger bis hin zur Existenzgrundlage werden? Nun, wenn sie keine Existenzgrundlage waren, sind wir in Windeseile dabei, sie zu eben diesem hinaufzustufen und zu ernennen.
Denn mal ehrlich, die einen mehr, die anderen weniger, doch wir neigen schon dazu, uns unsere Probleme selbst zu konstruieren. Auslöser dafür ist oft Angst vor Neuem. Oder Angst vor Altem, das so lange nicht mehr da war, dass es nun neu ist. Vielleicht auch Angst vor den Erwartungen anderer oder den eigenen Erwartungen. Und am groteskesten überhaupt: Die Angst vor der Angst.
Egal, ob es darum geht, nun tatsächlich das lang geplante und schon in tausend von Tagträumen visualisierte Projekt anzupacken, bei einer neuen Arbeitsstelle anzufangen oder aber auch "nur" ein neues Hobby anzufangen: Manch einer kennt die fiese Stimme die dann aufkommt.
Sie ist nicht sehr laut und sie tut sehr einfühlsam, kommt sehr einschmeichelnd und in vertrauensvoller Atmosphäre daher, denn sie kennt uns wie kein anderer. Doch was sie wispert, ist alles andere als nett: "DAS willst du wirklich machen? Ähm ja, ich will ja nix sagen aber... was genau hast du dir denn dabei gedacht? Komm, überleg doch mal, jetzt spinnst du doch nur rum. Du weißt doch genau, dass das nicht hinhaut. Du übertreibst, überlass das doch lieber anderen. Die, zu denen das passt. Das ist garnicht dein Ding."
Und so weiter geht es. Natürlich kann er unterschiedliche Ausmaßen und Formulierungen treffen, dieser fiese kleine Kobold, der so tut, als wollte er ja nur auf uns aufpassen. Doch die Hauptaussage bleibt die gleiche: "Lass es lieber bleiben!" So dass wir uns fragen: "Soll ich jetzt wirklich?"

Was gerade noch locker, frei und ganz  klar erschien, wird aufeinmal vor unseren eigenen Augen enger, verzwickter, schwieriger und voll mit Fragen und giftigen Zweifeln. Die Schaffenslust, die Neugierde und das Feuer wird immer trüber und schwächer angesichts all den kontraproduktiven Vorstellungen von Möglichkeiten, wie alles schief gehen könnte. Man grübelt.

Zwar ist das hier entsprechend auf Entscheidungen gemünzt, doch funktioniert das Prinzip auch bestens für Situationen, in denen es so rein garnichts zu entscheiden gibt. Grübeln kann man über wirklich alles, die Welt der Zweifel ist (leider) grenzenlos.

Zurück zu unseren Optimisten und Nihilisten. Und zurück zu dem Engerwerden. Denn ich denke, auch Optimisten und Nihilisten passiert es, dass sich das Netz enger zusammen zwickt und einem Angst und Bange wird bei den Vorstellungen davon, zu versagen, überfordert oder unglücklich zu werden.
Doch der eine, weil er sagt "Es wird gut" und der andere, weil er überzeugt ist "Es wird, wie es wird", lässt das Leben Leben sein.
Letztlich glaube ich, ist es das, was die meisten von uns, auch ich, erst lernen müssen, um wirklich glücklich zu werden. Sich klar zu machen, dass Zweifel normal sind und wir genauso gut einen Löwenteil davon abgeben können, weil das Leben eh erstens anders kommt und zweitens... ja, genau. Das Leben anzunehmen, wie es kommt. Mitgestalten, doch nicht zu glauben, dass wirklich alles in der eigenen Hand liegt. Was für eine Erleichterung.

Und wenn doch eine Entscheidung fallen soll, das tun, was sich richtig anfühlt. Denn selbst wenn der Kobold am Ende Recht hatte: Wenigstens hat nicht er entschieden, sondern Sie!