Montag, 29. Dezember 2014

Die Besten


„Ich trinke auf alte Freunde...“, so oder so ähnlich beginnt der Refrain eines bekannten Böhse-Onkelz-Lieds. Die nun durchaus in die Jahre gekommenen Onkel kann man finden, wie man möchte – diese Worte sind denkbar wahr. Ich habe das jüngst am eigenen Leib erfahren. Es war Weihnachten.

Das Seltsame ist: Wenn ich ehrlich bin, denke ich zwar hin und wieder an früher und die damit verbundenen Menschen. Wirklich vermissen tue ich aber nicht. Nicht, weil ich sie nicht ehrlich lieb habe und schätze, sondern weil das Leben nun mal anders spielt. Da gibt es einen Haufen Arbeit zu erledigen, da will ich noch joggen und schwimmen gehen und bevor der Tag rum ist, bleibt noch ein bisschen Zeit für den Hausputz, die Spülmaschine und den Herzallerliebsten. Und wo ist da die Zeit zum Vermissen? Eben.

Wir trafen uns in einem italienischen Lokal, es war verglichen mit vorhergehenden Jahren eine deutlich dezimierte Zahl. Auch das scheint ein deutliches Zeichens des Alterns zu sein – klar, nicht nur ich habe mit zunehmend fortschreitendem Lebensstatus meine eigenen Pläne, auch die anderen haben sie. Ein paar haben doch den Weg am 23. Nnach Ebersberg gefunden. Und da hat es mich ein bisschen überschwemmt, dieses Gefühl der Wiedersehensfreude.

Es begann damit, dass mich meine allererste beste Freundin von der Haustür abholte – schon das ein altgewohntes Ritual. So hatten wir es Jahrelang gemacht, um gemeinsam zu Grundschule, Gymnasium oder zum Fortgehen zu stiefeln. Wir waren beide nicht die Helden der Pünktlichkeit, und immer wenn die eine unpünktlich war, war es der anderen grad furchtbar eilig – so implizierte dieses Verfahren einen ganzen Haufen Konfliktpotenzial. Wir haben uns auch durchaus oft gerauft, wie Mädchen das eben tun. Ohne Haue, dafür mit Sticheleien und ab und zu wutentbrannten Schreien. Um Pferdedeckchen eines Plastiktieres, darum, wer Nala beim Rollenspiel sein darf und manchmal halt auch einfach so.

Vielleicht ist das das, was eine echte Freundschaft ausmacht. Oder zumindest: Wenn sie es aushält, dann ist sie echt gut. Denn ich habe mich mit der überwiegenden Mehrheit meiner richtig guten alten Freunde eigentlich nicht gezofft – oder kann mich nicht erinnern. Wie ich sie alle in den Arm nahm, wie sie da im Italiener schon auf uns warteten, freute ich mich viel mehr, als ich mir das vorgestellt hatte. Auf einmal schien mir wieder alles möglich. Wir würden zusammen den Mond erobern können, oder zumindest die Welt – so wie einst mit dem Radel quer durch die Umgebung unserer bildschönen Heimat. Und früher war gar nicht mehr so weit weg. Vielleicht sollten wir bald mal wieder fortgehen, mit schief gezogenem Eye-Liner, zu viel Wimperntusche und Push-Up-BH?

Nein, Scherz, solche Aufreißer respektive Tussis waren wir eigentlich gar nicht. Wir waren mehr auf Wein- und Bauernfesten unterwegs denn in noblen Münchner Clubs. Die Pampa rund um uns herum hatte es so an sich, hier und da mal ein großes Bierzelt aufzustellen und dort nebst traditioneller Heimatmusik auch mal die Musik, die in den letzten zehn Jahren hip war, zu spielen. Wir genossens und tranken Malibu Kirsch und Wodka-O dazu.

Bevor ich jetzt noch von durch besagte wenig kultivierte Gegenden getragenen Bierkästen anfange, komme ich wieder zur Sache. Auch wenn wir heute eine Maracuja-Saftschorle den dürftig gemixten hoch alkoholischen Getränken von damals vorziehen: Die Freunde von daheim sind doch die allerbesten.

Montag, 15. Dezember 2014

Die verstoßene Strumpfhose

Ich habe da so eine Strumpfhose. Sie ist alt, ihre früher strahlend "lilane" Farbe ist längst irgendwo in den Abgründen der Waschmaschine verschwunden. Früher war sie mal dick und flauschig, jetzt ist sie dünn und leicht. Früher ein beliebter Begleiter zu festlichen Anlässen (sie ist eine ganz feine Dame, aus Kaschmir und von Falke), verbringt sie nun ihren Lebensabend auf eine ganz andere Weise: Sie ist meine Lieblings-Über-die-Radlhosen-zieh-Hose. Denn jetzt wo es draußen zwischen 0 und 3 Grad hat, hat sie genau die perfekte Konsistenz, um meine Waden zu wärmen.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Tja, also die Sache ist die: Die Strumpfhose hat noch ein anderes Manko. Sie hat ein Loch. Mitten am Hintern. Bevor jetzt wilde Spekulationen starten, werfe ich es gleich vorweg: An dem Loch war früher ein Etikett. Ich hasse Etiketten, so fühlte ich mich bemüht, es restlos zu entfernen, was leider nicht ohne Folgen blieb für das arme lila Geschöpf. Und jetzt ist da eben ein Loch, wo einmal das Etikett war. Früher hat man das Loch nicht gesehen, da ich die Strumpfhose schließlich UNTER Rock und kurzer Hose trug. Nun kommt sie über die Radlhose – und das Loch entblößt nicht etwa nackten Hintern sondern schlichtweg ein schwarzes Stück Polyamid-Elasthan-Gemisch.

Die Menschen um mich rum zeigen sich dennoch pikiert. Als mich neulich eine ältere Dame im Pelzmantel darauf ansprach, ich hätte da ein Loch, und ich ihr daraufhin strahlend berichtete: "Ja, ich weiß, das zieh ich immer über meine Radlhose an", war ihre Reaktion nicht "Ah, natürlich, wie konnte ich das übersehen!" sondern ein Paar überaus skeptisch hochgezogene Brauen. Ich hielt sie für dämlich und eitel und versuchte anschließend meinen Ärger über sie hinfort zu strampeln. Auf einmal hatte ich das Gefühl, ein Straßenpenner oder ein Drogenjunkie zu sein. Vielleicht beides.

Dann war eine Weile Ruhe. Ich strampelte in alle Herren Richtungen, genoss die Sonne, den Wind und den Bergblick und dachte an nichts Böses. Dann kaufte ich im Supermarkt meines Vertrauens ein und wie ich an der Kassa stand, erhob sich meine Lieblingsverkäuferin auf einmal von ihrem Stuhl. Sie kam auf mich zu. Ich war verwirrt. Da nahm sie mich beim Arm und flüsterte mir ganz ganz leise ins Ohr: "Du, du hast da ein Loch! Am Popo!" Plötzlich fühlte ich mich erneut vom Pein geplagt. Meine Erwiderung "Ja ich weiß, die trage ich immer über meiner Radlhosen" klang schon deutlich schwächer.

Zuhause sah ich mich im Spiegel von hinten an. Ja, ein kleines Loch am Popo, stimmt schon. Aber doch über der Radlhosen. Mein Hintern ist ja wohl kaum schwarz. Jetzt frage ich mich: Soll ich so eine schöne Strumpfhose wegwerfen, die genau jetzt die perfekte Konsistenz erreicht hat, um mir noch viele Monate, vielleicht sogar Jahre, einen treuen Dienst zu erweisen? Ich will sie nicht auf Business-Meetings und Hochzeiten tragen. Es geht doch nur um meine geliebten Stunden alleine, nur mit mir und meinem Radl-Ross. Und gelegentliche Abstecher in den Supermarkt.

Fast schon treibt mich das Sujet zu einer viel übergeordneteren Frage: Muss man sich dann anpassen, wenn alle sagen, dass etwas nicht richtig ist? Oder kann man so weiter machen, wenn man ganz genau weiß, dass man bestimmt niemandem weh tut und sich alles ganz locker flockig anfühlt?

Neulich hatte ich dann eine schwarze Leggins über der Radlhosen an. Ohne Loch versteht sich. Die lila Strumpfhose blickte mich traurig an und fragte: "Wirklich? Wegen denen?" Und ich kann ihr gerade keine Antwort geben. Ich muss darüber nachdenken.

Sonntag, 7. Dezember 2014

Alle Jahre wieder...

Hurra, die Weihnachtszeit ist wieder da. Mit ihr ziehen leuchtende Sterne, Rentiere und Nikoläuse in jeden einzelnen Winkel Salzburgs. Selbst Industriegebiete erwärmen sich neuerdings für Lichterketten hier und da – klar, auch Ingenieure und Bauarbeiter haben schließlich ihre Bedürfnisse. Der Christkindlmarkt hat wie jedes Jahr vorsorglich schon gefühlt Anfang Oktober, tatsächlich Mitte November Einzug gehalten, damit schon viele Wochen vor dem eigentlichen Fest ordentlich Glühwein gebechert und entsprechend Geld auf den Kopf gehauen werden kann. Hachja, alle Jahre wieder.

Mit der herrlichen Weihnachtszeit kommen auch die vielen lieben Touristen in unsere schöne Stadt. Höchstwahrscheinlich sind es zu dieser Zeit mehr als zur berühmten Festspielzeit – denn während Mozart und Jedermann ein eher erlauchtes Publikum ansprechen, erfreut sich Weihnachten in unseren Breitengraden doch einer recht allgemeinen Beliebtheit. Kinder, die noch zu klein zum Selber-Entscheiden sind und eher unwillige Gatten werden da bei Widerworten ganz einfach mitgeschleift.

Da sind sie nun, die Heerscharen an Touristen. Die, die schon mal mit dem Auto da waren, begehen den Fehler selten ein zweites Mal. Stattdessen reisen sie mit der Bahn an. Doch seltsam: Man fällt tatsächlich nicht vom Bahnhof direkt in den Christkindlmarkt hinein – man muss sich entweder im verqueren Busnetz zurechtfinden oder den Weg zu Fuß finden. Beides eine komplizierte Angelegenheit, wie es scheint. Nicht selten picke ich arme Gestrandete irgendwo in Schallmoos oder Itzling auf – meilenweit weg vom Ziel.

Wenn sie sich dann auf dem richtigen Weg befinden, müssen sie sich oft furchtbar ärgern über die Salzburger Einheimischen. Dass das mitnichten freundliche Menschen sind, sondern vor sich hin grummelnde und nicht gerne Auskunft gebende Grantler, das mussten schon viele arme Touristen feststellen. Besonders jene, die sich auf einem Fahrrad fortbewegen, gelten als mit Vorsicht zu genießen. Sie bleiben nie stehen, sie steigen erst recht nicht ab und wenn es sein muss, fahren sie einen schon mal über den Haufen. Natürlich nicht ohne mit wutverzerrtem Gesicht düstere unverständliche Schwüre von sich zu geben.

Ok, ich geb's zu: Ich bin der Radlfahrer. Über den Haufen gefahren habe ich aber noch niemanden. Nur werde ich an Weihnachten, wenn die Brücken, Straßen, Gassen und eigentlich alles was sich im vagen Umkreis der Innenstadt befindet mit Touristen vollgestopft sind (erkennbar an den Fotokameras, asiatischen Gesichtern oder hochdeutschen Sprache), ganz besonders oft ermahnt und in meine Schranken gewiesen. Beispielsweise wenn ich mich erdreiste, auf dem Fahrradweg zu fahren und zu klingeln, wenn jedes einzelne Familienmitglied bei seinem Marsch geschätzte drei Quadratmeter für sich beansprucht und damit den eigentlich sehr breitangelegten Weg komplett versperrt.

Es gibt aber auch sehr nette Touristen. Sehr gerne zeige ich anderen Besuchern, kennengelernt über die Plattform "Couchsurfing.org" meine Wahlheimat und führe sie zu den Plätzchen, die mir persönlich am besten gefallen. Aber manchmal wäre andersrum ein bisschen Rücksicht auf und Nachsicht für die Einheimischen wirklich schön. Zum Beispiel wenn man es im Gegensatz zur bummelnden Besucherschaft gerade sehr eilig hat. Dankeschön.

Samstag, 29. November 2014

Arme Generation Y?

Also, ich muss jetzt mal ein Wort für meine Leute einlegen. Meine Leute, das ist die mittlerweile verschrien-bekannte Generation Y. Per Definition all jene Menschen, die zwischen den 70ern und bis in den Anfang der 90er Jahre hinein geboren sind. Mit meinem Geburtsdatum darf ich mich zu dieser ominösen Gruppe zählen.

In einem jüngst publizierten Artikel in der Welt doziert ein Hobbyphilosoph anhand vieler hübscher Bilder, weshalb ich und meine gesamte Generation "so unglücklich sind". Gut, dass sich da mal einer äußert. Bis dato war mir nämlich gar nicht bewusst, dass wir so unglücklich seien, geschweige denn warum. Der Autor kam jedenfalls zum Schluss, dass wir uns eine bunte ekstatisch florierende Blumenwiese wünschen, jedoch entgegen unserer Eltern nicht bereit sind, für diese zu arbeiten und sie uns selbst zu verdienen. Stattdessen solle uns bitte alles ins offene Maul fliegen.

Hinsichtlich der Frage, woraus diese bunten Blumenwiese für jeden Einzelnen von uns besteht, ist der Autor überzeugt: Eine himmelhochjauchzende Karriere inklusive Glanz und Gloria. Ich stelle nun eine gewagte Hypothese auf: Das ist Bullshit. Mit einem mag der Autor vielleicht Recht haben: Viele von uns wollen kein langweiliges Mittelmaß, sondern etwas erleben. Spannung, Spaß und vielleicht noch Schokolade.

Dank der zumindest in unseren Breitengraden verwöhnten Kriegs-befreiten Wohlstandsgesellschaft, in die wir hineingeboren wurden, müssen wir nur noch aufgrund selbsterlegter No-Carb-Kasteiungen um unser täglich Brot bangen und können uns auf tiefere Lebenssinne und, ja, höhere Wünsche einlassen. Als Regenbogen-speihende Einhörner stellen die anrührenden Grafiken im Artikel diese Wünsche dar. Aber wer sagt denn a) dass das eine beispiellose Karriere sein muss, die mich berühmter als Angela Merkel und Miley Cyrus zusammen macht, und b) dass ich mein kotzendes Einhorn nicht schon gefunden habe?

Ich schaue mich um und muss sagen: Eine verzweifelt, blind nach unrealistischen Hoffnungen strebende Generation sieht für mich anders aus. Da ist die eine Bekannte, die von Timbuktu, nach Thailand, nach Australien und wieder zurück reist und dabei das tut, wovon sie schon als kleines Mädchen träumte: Die Welt erkunden. Das Geld dafür verdient sie sich hart beim Kellnern. Das ist es ihr wert. Wann immer ich sie treffe, wirkt sie sehr ausgeglichen und glücklich.

Ich sehe eine alte Schulfreundin, die Lehrerin wird und derzeit ihr Referendariat absolviert – auch sie ist happy, sie sagt, sie hat eindeutig den richtigen Beruf gewählt. Immer mehr kriegen auch langsam Kinder. Die scheinen ziemlich müde aber auch ziemlich erfüllt zu machen. Überhaupt kenne ich mehr Gleichaltrige mit abgeschlossenen Ausbildungen und glücklich stimmenden Jobs und/oder Familien, als jene Sinnsuchende und faule Kollegschaft, von der der Autor berichtet.

Vielleicht meint der Autor, dass wir uns alle selbst belügen und in Wahrheit ganz was anderes wollen. Nun, dann und wann liebäugelt man sicher mal mit einer anderen Realität, einem Abenteuer. Ich frage nur: Wer tut das bitte nicht? Wer weiß denn, ob sich nicht auch vorangegangene Generationen ganz tief drinnen ab und an nach mehr gesehnt haben, als das, was sie ihr Tagwerk nannten?

Aber wir wollen ja nicht so sein. Man darf Hobbyphilosophen schließlich nicht ihr Lieblingsspielzeug wegnehmen: Über unsere arme Generation Y zu sinnieren.

Montag, 20. Oktober 2014

Mysterium Mensch

Wenn es etwas gibt, über das ich mich vermutlich für immer wundern werde, dann ist das: Der Mensch. Eben noch ist mir ein Radlfahrer hineingefahren und lässt mich am Boden liegen während er hastig seinen Weg verfolgt. Da steht schon eine andere junge Frau bei mir, reicht mir die eine Hand und umarmt mich mit der anderen. "Hast du dir weh getan?", fragte sie und ich überlegte, vielleicht auch aus einem akuten Schockzustand heraus, ob das vielleicht ein Engel war.

Ich gehöre zu der Gattung Mensch, die man, meint man es nett mit ihnr, als sensibel bezeichnet. Die anderen nennen es einfach Weichei und Drama-Queen, überempfindlich und viel zu dünnhäutig. Auch ich würde eher eine negativ gefärbte Variante wählen, denn, um es kurz zu fassen: Das Leben ist nicht einfach als Sensibelchen. Ständig sind irgendwo Schwingungen, Tonfälle und gehobene Augenbrauen, die außer mir anscheinend niemand sieht. Aber sie sind da und sie versprühen einen Vibe! Die Menschen senden Signale aus. Und man selbst schaukelt in einem Boot, das sich von einer Welle zum nächsten Tief treiben lässt, sich hebt und senkt mit den Äußerungen und Gefühlen der Menschen um einen herum. Nur dass ich das Gefühl habe, den Menschen selbst ist ihr eigener Vibe oftmals nicht bewusst.

Mein Herzallerliebster bezichtigt mich sehr charmant des Öfteren, es läge vielleicht an mir, dass mir so seltsame Dinge passieren. Ihm jedenfalls passiere sowas nicht. Im einen Moment unterhalte ich mich lachend mit einer wildfremden Person und fühle mich zu ihr verbunden wie das frühlingsknospende Blatt zum Baum. Dann wieder werde ich fies von der Seite angefahren (wörtlich oder im übertragenen Sinne), beschimpft und/oder belächelt. Natürlich, es gibt einfach depperte Menschen auf der Welt, die sich in der bitteren Realität einfach nur in ihrem eigenen Elend suhlen und wenn sie schon dabei sind gerne noch ein paar Menschen mit hineinziehen möchten. Aber trifft das wirklich auf alle notorischen Aggressoren zu?

Ja und solche Erlebnisse lassen mich immer verwundert im Gang stehen: Ist der Mensch nun schlecht oder gut? Ich trage einen unanfechtbaren Grundoptimismus in mir, von daher glaube ich, ob ich will oder nicht, ob mir das Gegenteil immer wieder vor die Nase gehalten wird oder nicht, an das Gute im Menschen. Dass am Ende eigentlich alle miteinander am Lagerfeuer sitzen und sich vertragen könnten.

Und dann passieren Kriege. Menschen schneiden anderen Menschen den Kopf ab. Legen Bomben, vergewaltigen Frauen, verstümmeln Männer. Die selbe Gattung Tier, die mir die Hand reichte, mich umarmte und mir das Gefühl gab, nun endlich im Himmel angekommen zu sein, befördert die Hölle auf irdischen Boden. Oder ist der Mensch ganz einfach die Hölle?

Ich glaube, deswegen faszinieren sie mich so, diese Menschen. Es sind eigenartige Strukturen, in denen sie sich bewegen und die sie formen, auch Gesellschaft genannt. Ist das Böse letztlich das, was diese Strukturen gebären, oder liegt es tief in jedem von uns verankert (wie es ja manch ein Kriminologe und Hobbydetektiv behauptet)?

Und dann kommt für mich die Mutter aller Fragen: Wenn ein kleines Kind in Not herzzerreißend nach seiner Mama weint, ein kleines Kätzchen um Aufmerksamkeit buhlt. Lässt das wirklich irgendwen kalt? Ich hoffe dass ich bis zum Ende meiner Tage daran glauben kann: Nein. Im tiefsten Herzen nicht.

Montag, 29. September 2014

Die Leiden des jungen Rauhaardackels

Ich wäre gern ein großer Hund. Einer, der mit klugen und beruhigend trägen Augen in die Welt sieht und den die Menschen schon aufgrund seiner Größe nicht dumm anmachen und respektieren. Einer, der gemächlich seines Weges schreitet, in der ruhigen Gewissheit, dass es nur sehr wenige gibt, die ihn angreifen würden. Leider muss ich sagen: Ich bin eher ein Rauhaardackel.

Wann immer ich etwas sehe, das mich reizt, fange ich an zu kläffen. Meiner nicht besonders tiefen Stimme geschuldet klingt das nicht wie das von mir angestrebte kräftige Bellen sondern wie das Gezeter eines kleinen Gnoms. Auch wenn ich auf viele Menschen einen ruhigen Eindruck zu machen scheine, muss ich mich hier als Choleriker outen.

Der Mann, der einfach mitten auf den Krauthügel mit seinem Münchner-Kennzeichen-Auto fährt, auf dem Weg, der links vom Naturschutzgebiet- und rechts vom Autos-Verbotenschild umgeben ist. Dem Kerl, dem es nichts auszumachen scheint, dass sich Mutter und Kind vor seinem Dobermann, der sie bellend und Zähne-fletschend begrüßt, zu Tode fürchten. Und, mein Liebling: Leute, die einem auf dem Zebrastreifen fast überfahren. Das macht mich sauer.

Und bin ich erstmal sauer, gibt es kein Pardon. Hätte ich (mehr) Haare, es würde sich aufstellen, mir einen Buckel verleihen und mich noch fieser und grimmiger erscheinen lassen. Meine Augen glänzen vor Wut, vorm Mund beginnt es zu schäumen. Ich schaRre noch kurz mit den Hufen und dann geht es auf ihn mit Gebrüll.

Ich komme aus gutem Hause, meine ich zumindest. So wird die primäre Wortwahl noch Begriffe wie "Ars**loc*, H*rens*hn" geflissentlich umgehen. Es beginnt meistens mit einem "Entschuldigen Sie, ist Ihnen eigentlich klar...". Mein Herzallerliebster nennt das das Deutschen-Gen. Vielleicht hat er Recht. Aber ich muss schon ehrlich sagen. Wenn jemand was nicht richtig macht, dann muss man doch was sagen.

Tja und es liegt in der Natur der Sache, dass man bei Konflikten wie mit dem seelenruhigen Dobermann-Herrchen und den Beinahe-Umbringern auf dem Zebrastreifen selten an angenehme Gesellen gerät, die auf den zunächst halbwegs freundlichen Hinweis mit Sätzen wie "Oh, ja, herzlichen Dank. Mensch, sowas blödes, hab ich doch nicht aufgepasst!" eingehen. "Hoit dei Mei" und "Geht di nix o!" sind da die weitaus häufigeren Varianten.

Schüchtert mich nicht ein. Im Gegenteil. Wenn ich das Feuer wäre, wäre das das Kerosin. Denn jetzt geht die Show erst richtig los. Ich werde zum Giftzwerg, spucke Gift und Galle, bin im Fall des Falles auch schonmal bereit, es jederzeit mit einer Schlägerei aufzunehmen. Spiderman, Catwoman, Herkules, alles Waschlappen. Jetzt komme ich!

Ja und da wäre ich jetzt wieder beim großen Hund und beim Dackel. Während Dackel des Öfteren dabei beobachtet werden können, wie sie sich kläffend und in finstersten Absichten bevorzugt auf jene Hunde stürzen, die fünfmal so groß wie sie sind, sieht man bei genannten großen Hunden meistens nur eins: Gelassenheit. Pf, was will der denn. Soll mal in Kindergarten gehen, der Kleine.

Da ich auch mindestens so verletzlich wie ein kleiner Rauhaardackel bin, würde es mir, so denke ich, also gut tun, mir von dem großen ruhigen Hund eine dicke Scheibe abzuschneiden. Denn soviel Spaß es auch macht, zu streiten: Das kostet verdammt viel Energie.

Die ich brauche, wenn mir mal wieder einer die Vorfahrt nimmt. Grrr.....

Dienstag, 9. September 2014

Warum ich Hippies mag

Neulich sah ich wieder eine von ihnen. Mit nackerten Füßen saß sie am Rande des Fußgängerweges an der Salzach, zwirbelte eine ihrer blonden Dreadlocks durch die Finger und las dabei ganz konzentriert in einem Buch mit buntem Umschlag. Ihre Beine waren angezogen, die viel zu große Baumwollhose flatterte im Flusswind.

Ich radelte an ihr vorbei und konnte gar nicht anders, als sie fröhlich anzugrinsen. Komplett versunken in ihrer Lektüre bemerkte sie mich nicht. Doch die mir entgegen kommende Dame, ebenfalls Radl, schätzungsweise Ende 50, fing meinen freudigen Blick auf, warf einen kurzen Blick auf das Dreadlockmädchen und erwiderte dann mein Grinsen. So grinsten wir uns an, als teilten wir ein gemeinsames Geheimnis.

Woher stammte es, das Grinsen? Was war das Geheimnis? Ich glaube es war schlicht und ergreifend: So sehr wir Hippies und ähnliche fleischgewordene Interpretationsformen manchmal belächeln, so beflügelnd und befreiend ist ihr Anblick.

Es ist doch so: Männer in Anzügen mit Aktenkoffern wie sie sie mit ernstem und gelangweilten Blick durch die Gegend tragen, sehen wir oft genug. Genauso das weibliche Pendant, das statt gerade geschnittener Hose vielleicht gerade noch so mutig ist, einen – das Knie natürlich bedeckenden – grauen oder dunkelblauen Rock über der anthrazitfarbenen Strumpfhose zu ziehen und mit möglichst lauten Stampfestöckelschuhen durch die Gegend zu jonglieren.

Ebenso der Einheitslook, den man in mittel- bis nordeuropäischen Breitengraden nun einmal gerne trägt. Funktionsjacken von Tchibo, die die Strickjacke respektive das weiße T-Shirt von C&A überdeckt, mitteleng geschnittene Jeans mit Gesäßapplikation, farblose Turnschuh oder Sandalen von Geox und dazu vielleicht noch ein möglichst wenig individuell designter Rucksack. Praktisch, einfach, komfortabel.

Nein, ich plädiere nicht dafür, dass sich jetzt alle zu Modepüppchen aufstylen, auf dass sich die Salzburger Innenstadt und Salzachwege zu einem semiurbanen Catwalk verwandeln. Erstens tut es das hier und da genauso – japanische und anderweitig asiatische Gäste lassen grüßen – zweitens ist auch das in meinen Augen kein befreienderer Anblick. Statt dem einheitlichen Businesslook ihres Arbeitsplatzes unterwerfen sich die neuschicken Stylo-People den aktuellen Modetrends. So angenehm kann dieser wie Quietscheplastik aussehender Minirock wirklich nicht zu tragen sein.

Da gibt es nur einen Menschenschlag, der mir mit seiner Kluft ein herzliches spontanes Lächeln auf die Lippen zaubert. Sie wandeln durch die Gegend mit unglaublich gemütlich aussehender Kleidung in Größen zwischen XXL und Zirkuszelt, tragen sämtliche vorhandenen Regenbogenfarben (am liebsten alle auf einmal), haben entweder kunstvoll gezwirbelte oder einfach nur ungekämmte Haare und strahlen schon von weitem aus: Es interessiert mich ehrlich einen Scheiß, was die anderen von mir denken.

Herrlich. Ich könnte diese Menschen abknutschen, jeden einzelnen Batik-tragenden von ihnen. Nicht, weil ich mich so gut mit der ursprünglichen Flower-Power-Bewegung auskenne und mich daher mit ihr assoziiere. In diesem Fall bin ich bei weitem nicht so tieftragend in meinen Assoziationen, dass ich Anti-Krieg und Pro-Marihuana mit in Erwägung ziehen würde. Hippie sein bedeutet nach meiner Auffassung einfach, ziemlich lässig und entspannt durchs Leben zu gehen. Mit locker sitzender bunter Kleidung bringen diese Menschen eine Lebensfreude zum Ausdruck, die ich bei grauen Über-Knie-Röcken und gerade geschnittenen Nadelstreifenanzügen schmerzlich vermisse.

Am liebsten hätte ich mich zu dem Mädchen gesetzt. Nicht um mit ihr über glutenfreie Kekse und die Banalitäten dieser Welt zu diskutieren, sondern einfach nur, um mir auch meinerseits die Schuhe und Socken auszuziehen. So wie sie den sonnigen Tag in diesem Moment zu genießen schien, hätte ich mir keine schönere Vergnügungsart vorstellen können. Dieses Mädl brauchte keinen St. Tropez-Strand, brauchte keinen Cocktail mit Schirmchen und auch keinen teuren Schnickschnack.

Vor allem brauchte sie auch kein ausfüllendes Tagesprogramm, keine zu erledigenden Pflichten, ohne die sich in dieser Sekunde schon leer und faul fühlen würde. Genauso wenig kümmerte es sie, wo sie vielleicht sonst noch sitzen könnte (in der Wiese, im Park, im Freibad). Hier und jetzt schien das Plätzchen auf der Promenade am Fluss attraktiv und sie ließ sich mit dem einzigen Gegenstand, den sie bei sich trug, nieder: Ihrer heißgeliebten Lektüre.

Ich gebe zu, vielleicht assoziierte ich in dieser Begegnungssekunde auch zu viel. Vielleicht wartete die junge Frau lediglich auf ihren Bus, der sie in ihre Arbeit befördern sollte (die Haltestelle ist nicht weit entfernt). Das Buch war vielleicht in Wirklichkeit ihre Studienlektüre, die sie insgeheim hasste, dass sie sich furchtbar konzentrieren musste, um es nicht in irgendein Eck zu pfeffern.

Aber ich glaube das nicht. An welche Arbeitsstelle würde man ohne Schuhe (denn die standen auch nicht neben ihr) und in Zirkuszelthose antreten? Nein, das Mädchen war genau das, was ich in diesem Moment in ihr sah: Die Freiheit in Menschengestalt.

Und deswegen mag ich Hippies.