Samstag, 17. Mai 2014

Mag ich überhaupt noch weg?

In letzter Zeit habe ich immer wieder den selben Traum. Jedes mal finde ich mich darin auf einem anderen Fleck in der Erde wieder. Mal in der australischen Stadt Brisbane (war ich tatsächlich schon), dann wieder in einer sumpfig-moorigen Landschaft in wahlweise Schott-, Ir- oder Island (war ich noch nie). Jedes mal ist es ein an und für sich toller Blick, der sich mir bietet. Doch jedes Mal denke ich mir in diesen nächtlichen Trips das selbe: "Ach man, ist ja toll hier, aber ich will hier eigentlich gar nicht sein. Ich will viel lieber heim." (Ja, mir ist aufgefallen, dass sich das reimt. Scheinbar bin ich ein nächtlicher Poet.)

Jetzt, im wachen Zustand, geht in meinem Kopf eine Frage um, die vermutlich unnötig und ganz sicher ein Luxusproblem ist: "Bin ich zu faul zum Reisen?" "Geworden", müsste man hinzufügen. Denn in früheren Jahren habe ich mich bereits mit dem Rucksack ausgetobt, bin durch australische, neuseeländische und südostasiatische Gefilde gereist und habe dabei eine Menge Menschen, Hostels, Flughäfen und seltsame Gefühlsgemische kennen gelernt. Nicht immer hat mir das gut getan, aber das ist wohl eine andere Geschichte.

Oder ist es das wirklich? Denn immer, so stellte ich (zumindest für mich) fest, betritt mit fremdem Territorium auch ganz neue Arten von Seltsamkeiten. Man fühlt sich total aus den Angeln gehoben, wie ein Fisch der wider Erwarten auch an Land atmen kann, aber sonst keine Ahnung hat, wie er sich nun bitte zu verhalten hat. Das gilt insbesondere für die Gelegenheiten, bei denen man alleine verreist. Sonst tägliche Abläufe und eine deftige Portion Routine gewöhnt, kann es als seltsam leeres Gefühl daherkommen, plötzlich frei zu sein.

Eine der angesprochenen Seltsamkeiten stellte ich bereits früh in Australien fest. Was eigentlich reines Heimweh war, wurde mir besonders angesichts der einkaufenden Damen im Supermarkt klar. Manch eine hatte ein kleines Kind vorne im Einkaufswagerl sitzen, der anderen konnte man allein an den Windeln, Salatköpfen und überdimensionalen Schokokekspackungen, die sie vor sich herschub, dass sicher auf direktem Weg zurück heim in ein gemütliches Nest unterwegs war. Heim. Seufz. Der Gedanke an ein Zuhause saß wie ein tiefer Schmerz in mir fest. Wie ein Schluckauf, der nicht weg geht und mit jedem Hicksen noch mehr weh tut, der aber nicht weggehen will. Nicht mit Luft anhalten und auch nicht mit drei glatzköpfigen Männern.

Seltsam daran war, dass ich zuhause immer genervt war vom Zuhause. Nicht im Sinne einer tatsächlichen Unzufriedenheit oder gar unglücklichen Kindheit - nein. Aber ab einem gewissen Alter sehnt man, oder sagen wir sehnte zumindest ich mich nach etwas anderem. In der privilegierten Situation innerhalb einer intakten Familie und immer im gleichen schönen Städtchen behütet aufgewachsen zu sein, war die logische Konsequenz, dass ich mich als Spätpubertierende nach dem entsprechenden Kontrastprogramm sehnte. Abenteuer, Ferne.

Natürlich habe ich auch tolle Sachen auf Reisen erlebt. Das Heimweh suchte mich immer wieder heim, dazwischen lernte ich jedoch tolle Menschen, schöne Orte und all das kennen, was man sich als rucksackreisendes junges Mädl mit wilden Träumen eigentlich nur so wünschen kann. Ich hatte eine (wenn auch wirklich sehr unschuldige) Liebelei mit einem Tauchlehrer, mit dem ich mich weit ins australische Meer getraut und sogar einen Hai gesehen hatte, ich habe eine sehr lustige Woche mit sehr sehr netten Holländern in einem Bungalow mitten im Dschungel verbracht, konnte sämtliche romantischen Vorstellungen von den "wilden Cowboys im Outback" anhand meiner Nanny-Erfahrung auf einer Farm in der roten Wüste restlos beseitigen und fütterte kleine unglaublich niedliche und extrem zutrauliche Mini-Känguruhs, sogenannte Wallabys, mit der Hand. 

Aber eine wichtige Sache habe ich auf all den Reisen und insbesondere nun, da ich mich hier auf der überdimensionalen Couch (eigentlich ein umfunktioniertes Bett, aber pssst) neben meinem Herzallerliebsten gemütlich da fläzend mit dem wärmenden Laptop auf den Oberschenkeln wähnen darf, über mich selbst gelernt: Ich bin ein Nest-Mensch. Abenteuer schön, Erfahrung toll, Landkarten juhu. Aber nichts und ich wiederhole nichts ist schöner, als das Gefühl, angekommen zu sein. Und, um dieses Klischee noch zu vervollständigen, komme ich nicht umhin die Metapher vom weit gereisten und nun doch recht strapazierten Boot zu bemühen, das nach scheinbar endlosen Odyseen endlich in seinem Hafen angelangt ist.

Den Hafen wieder verlassen? Mal wieder rausspitzen? Trotz Gemütlich- und Wohligkeit ist diese Sehnsucht noch lange nicht erloschen. Fast jeden Tag schaue ich mich nach günstigen Flügen um, klicke mich wahlweise durch Bilder von Thailand, Island, Grönland, Nepal und jedem Ort an, den ich finden kann. Die Landkarte auf Google Maps studiere ich wie andere die Speisekarte oder die aktuelle Kollektion von Zalando.

Und doch sind da diese Träume, die mir eher nahelegen, zuhause auf der gemütlichen Couch zu bleiben und in der Umgebung, die ich liebe: Der Mönchsberg, die ganze Stadt Salzburg, die Menschen und ja auch Arbeit und Uni eingeschlossen. Soll ich auf sie hören? Ist das Leben auch lohnenswert wenn man nicht reist?

Ich glaube, da gibt es keine finale Antwort. Ich glaube nicht, dass ein Leben nur dann schön und erfüllend sein kann, wenn man möglichst viele Orte auf der Welt erkundet hat. Dafür kenne ich zu viele, bei denen Reisen eher einem Weglaufen vor sich selbst oder was auch immer gleich kommt. Und zu viele, denen man ihr Lebensglück ansieht, die meines Wissens niemals außerhalb der europäischen Grenzen waren.

Aber es gibt so viel Schönes auf der Welt zu sehen. Und wer weiß - das Heimkommen wird vielleicht noch viel schöner, nachdem man mal wieder Grenzen gecheckt und geschmeckt hat. Denn eins ist sicher: Nach dem Nest ist vor dem Nest.

Sonntag, 11. Mai 2014

Die Conchita-Ära

Gerade noch herrschte hyperaktives Gehüpfe auf der überdimensionalen Bühne. Mit ein paar letzten halbmotivierten Sprüngen auf dem eigens hergestellten Trampolin verließen die Griechen die Bühne. Dann geht das Licht aus. Man sieht, dass da eine Person steht. Sie beginnt zu singen. Und hätte die Funken, die um sie anfangen zu sprühen gar nicht gebraucht, damit alle zwanzigtausend Augenpaare ausnahmslos auf sie gerichtet sind.

Nicht mal der ORF-Moderator, der das Geschehen beim Eurovision Song Contest 2014 für die österreichischen Zuschauer kommentierte und begleitete, hatte an einen Sieg geglaubt. Klar, sie sei schon gut, sowohl von ihrer Aufmachung als von der Stimme. Aber Song Contest Gewinner? Die Frage, die er sich vielleicht wie viele andere gestellt hat, war: Sind wir wirklich schon weit genug, SO eine öffentlich zum europäischen Sieger und damit auch ein bisschen zum Gesicht zu erklären?

"From the fading light I fly - Riiise like a phoenix!" Ich höre mir diese Stelle immer und immer wieder an und die Gänsehaut will nicht weggehen. Vielleicht geht es momentan ganz vielen Menschen auf der Welt oder zumindest in Europa sowie den teilnehmenden Wählern der Show genauso. Denn irgendwie hat die Dame Wurst da einiges bewegt. Auch in mir drin.

Nein, ich bin kein Transvestit und nein, soweit mein Bewusstsein da nicht Meisterleistungen erbringt, um das unter ihm zu unterdrücken, habe ich auch kein Bedürfnis danach, ein Mann zu sein. Ich sehe nicht den Bart selbst als Inspiration, den Conchita als absolut unverwechselbares Markenzeichen trägt. Auch dieses divenhafte kann ich an ganz gewöhnlichen Mädls und Frauen eigentlich nicht ausstehen. Aber es ist ja nun mal wie es ist: Miss Conchita Wurst ist in Wahrheit ein Mister und somit in meinen und den Augen vieler vor allem eins: Ein wahnsinnig mutiger und inspirierender Mensch!

Ich bin eigentlich ein Mann? Egal. Ich muss mich vor vielen Menschen fürchten, wenn ich das anziehe, was ich am liebsten anziehe (nämlich Kleidchen und hohe Schuhe)? Seis drum. Ich bin mir sicher, im Alltag gab es vor dem großen Sieg für Conchita sicher genug Probleme in Form von vorurteilenden und pöbelnden Skeptikern, deren Hirnspannweite offensichtlich nicht reicht, um etwas anderes nicht automatisch als etwas zu bekämpfendes (oder wenigstens zu verurteilendes) anzusehen. Nach ihrem großen Erfolg gibt es nun auch Theater. Aber anders.

Auf ihrer Facebookseite schlagen sich die Menschen gegenseitig die Köpfe ein. Die, die sie lieben und die, die sie hassen. Dominanz erringen dabei relativ eindeutig die Fans. Mit gutem Grund (und ja, hier beziehe ich selbst Stellung und ich sage es frei heraus): Conchita ist nicht etwa nur ein Star oder Unternehmer, die sich schon allein durch ihre letztlichen Profitabsichten kritisier- und angreifbar macht. Einen Schuhhersteller kann man gut oder schlecht finden und das mit Fug und Recht. Man kann auch Conchita doof finden, ihren Stil, ihre Stimme, was auch immer.

Aber sie gibt den Menschen etwas mit auf den Weg. Kurz ist mir, muss ich gestehen, sogar ein bisschen die Metapher von Jesus eingefallen. Der ist ja in gewisser Maßen auch "gerised", auch wenn vielleicht ein wenig dramatischer mit Von-den-Toten-Auferstehen und so. Ok, diesen Vergleich aber nur kurz als Hirngespinst mit angeführt. Übersteigert ist er vermutlich sicher. Ich finde aber schon, dass es mindestens eine Parallele gibt: Beide brachten und bringen die Menschen zum Umdenken.

Conchita rised zwar nicht in einer komplett konservativen Gesellschaft, da sie ja von eben dieser gewählt wurde (wenngleich auch Recherchen interessante Ergebnisse ergeben, wer da tatsächlich am Hebel stand), dafür wird sie es angesichts von Morddrohungen und zahllosen Dissern wohl immer wieder tun müssen. Sie zeigt uns: Kopf hoch, Brust raus. Zeig, wer du bist, bleib so, lass dir nichts sagen. Nichts in der Welt ist es wert, sich selbst zu belügen. Europa steht damit nun vor einem Zwist, offenkundig speziell (mal wieder) ein Ost-West-Konflikt: Frau und doch keine, Mann und doch keiner - geht das? Die Russen haben sich ja schon zu Wort gemeldet. Ihre eigene Beliebtheit konnten sie unschwer an den überwiegenden Buh-Rufen angesichts ihrer eigenen zwei blond-bezopften Pferdchen beim Contest ermessen. Conchita jedenfalls hat ihre Fans und diese Fans - das ist in meinen Augen das Schönste - tragen nicht nur sie, sondern ihre ganze Gesinnung. Ich glaube daran, dass das ein Schutzschild darstellen könnte für jeden einzelnen Transsexuellen, Schwulen oder was auch immer, der Angst hat, anders zu sein. Zumindest gedanklich.

Und so wird Conchita nun ihren Weg gehen. Jeden Morgen die Augen aufschlagen, um sie anschließend genau so lange und intensiv zu tuschen, wie sie das möchte.

Und genau das wünsche ich ihr von ganzem Herzen.

Samstag, 5. April 2014

Phänomen Hipster?

Ich glaube es ist noch gar nicht so lange her, seit irgendjemand den Begriff zuerst in den Mund genommen hat. Seither schwirrt er durch Straßen und Magazine. Nachdem er zunächst nur die urbane Gesellschaft erreichte, scheint er dank der virtuellen Vernetzbarkeit nun auch zunehmend ländliche Regionen und vielleicht sogar die ganze Welt zu erobern. Die Rede ist vom Begriff des Hipsters.

Der/Die/Das Hipster wird auch von Facebook als eine Erscheinung des frühen 21. Jahrhunderts eingeordnet, deren Angehörige sich durch ein explizites "Szenebewusstsein" definieren und offenbaren. In die zu beobachtende Realität übersetzt heißt das: Farbiges und möglichst seltsam verformt aussehendes Radl, bevorzugt mit Ein-Gang-Schaltung, wenn schon Auto dann aber bitte Elektro (der Hipster ist schließlich umweltbewusst) aber bloß nicht in biederer Optik (es sei denn SO bieder, das es schon wieder hip sein könnte). Der jeweilig drauf bzw. drin Sitzende ist männlich wie weiblich idealerweise mit einem Haarknoten sowie -Reifen und am besten zwei Paar Kopfhörern ausgestattet: Eins zum Hören und eins zum lässig um den Hals arrangieren. Gleich neben dem Pakistani-Tuch, der überdimensionalen Bonbonkette aus Holzperlen und dem Kolibri-Tattoo auf dem Schlüsselbein. Es ist verdammt hart, ein Hipster zu sein.

Ferner bedarf es natürlich auch der richtigen Gangart durchs Leben. Eine rege Teilnahme an allen namhaften Social Media-Institutionen à la Facebook, Youtube und vor allem bitte auch den bei uns noch nicht so verbreiteten wie Pinterest ist unabdingbar. Dort reicht es nicht, nur mehr die so eben ausgeführte Tätigkeit zu posten, viel mehr ist eine kreative Darstellungsweise der Innen- wie Außenwelt durch bis zur Unkenntlichkeit ge-instagramte Fotos sowie das Kreieren interessanter Situationen gefragt, nur um sie schließlich (natürlich nicht sichtbar) stolz den Facebookfreunden und am besten der ganzen Welt zu präsentieren. Da wird gestrickt, gekocht, gemalt und gebacken. Denn was als eine derartig gelungene Dokumentation der eigenen vielseitig kreativen Tätigkeiten könnte mehr von einem erfüllten Leben zeugen? Eben.

Was mich an der ganzen Sache wundert, ist nicht etwa die Frage, wieso Hipster tun was sie nunmal tun. Das zu hinterfragen wäre in meinen Augen vergleichbar mit der Frage, warum ein Traditionalist das Haus am liebsten im akribisch gebügelten Hemd zur Bundfaltenhose und mit fein sortiertem Aktenköfferchen verlässt. Unsere Sicht der Dinge und unser Lebensgefühl spiegeln sich nun mal in dem wieder, was wir kaufen, tragen, machen. Und wenn ich mich als hippe und unabhängige Publizistin fühlen möchte, dann verfasse ich eben einen Blog (ha, ertappt!).

Was mich wundert: Was soll denn jetzt dieser Heckmeck darum und wer kam darauf, dass das Hipsterdasein eine neuzeitliche Erscheinung sei? Ich kann mich nicht fundiertermaßen auf die Zeit vor meinem 6. Lebensjahr berufen. Den sechsten Geburtstag feierte ich allerdings 1996, also streng genommen doch noch vor dem 21. Jahrhundert und ich muss sagen: Die Hipster, die gabs ja schon im Kindergarten.

Da war die Julia, die diesen unglaublich tollen Haarreifen (siehe oben) mit dem Glitzerstern hatte, dessen Erstehensort sie ähnlich dem Hipster, der die Quelle seiner heißesten Vintageteile peinlichst geheim hält, nicht verriet. Dabei lächelte sie in sich hinein - ja, sie fühle sich individuell. Szenemäßig. Hip. Und da war auch der Florian, dessen abgewetzte Hose nicht selten kritische Worte seitens der Erzieherinnen ernteten. Aber Florian wusste schon, warum er sie anhatte. Die Mädels fanden ihn alle toll.

Auch später im Laufe meiner Jugend, die sich zugegebenermaßen bereits im 21. Jahrhundert von statten zog, gab es sie immer, die "Hipster". Es waren nie die, die auf Teufel komm raus versuchten schick (Tussis), cool (Prolos) oder alternativ (seltsame Typen mit Pickeln und schlecht sitzenden Hosen) zu sein, sondern die, die mit Leichtigkeit einen natürlichen Charme mit den perfekten Accessoires kombinieren konnten und am Ende wirkten, als wären sie so, wie sie gerade durch die Straßen mit ihrem Radl tuckerten und selbst gebackenen Muffins (ok, heute wären es wohl Cakepops) in ihrer Häkeltasche transportierten, bereits geboren worden. In ihrer Freizeit verteilten die Plakate von Festivals, damit sie dort umsonst in ihren coolen weil individuell bedruckten Zelten aufwarten konnten, organisierten Slackline-Nachmittage und Karaoke-Abende. Ich war ziemlich neidisch, ich wollte auch so sein. Und so waren es die anderen.

Ohne dass der Begriff Hipster je gefallen wäre. Auf Nachfrage in früheren Generationen konnten auch die sich alle an die Julias und Florians von damals erinnern. Immer schon gab es offensichtlich diese Zauberwesen, die mit einer Selbstverständlichkeit hinaus in den Tag schritten und in ihrer Optik und in ihrem Wesen das Bewusstsein einer ganz eigenen Szene zu prägen vermochten. Somit auch die, die es ihnen verzweifelt versuchten, nachzutun. Irgendeiner fing mal an, sich schwarz anzuziehen und sich Metallringe durch die Nase schießen zu lassen, andere adaptierten es. Ein anderer zog sich die Hosen soweit hinunter, bis kein Gürtel der Welt sie mehr zu halten vermochte und setzt sich das Kapperl schief rum auf. Auch hier folgte eine Heeresschar an Menschen, die dies als nachahmenswert erachteten. Was ist also nun neu daran, wenn jemand sich bunt bekleidet, sauteure aber unbedingt billig aussehende Radln fährt und ausschließlich wahlweise Indie- oder Elektrotönen aus seinen Kopfhörer-Lautsprechern lauscht? Ich bin mir sicher: Hip wollen sie alle sein.

Aber bitte, man soll ja offen sein für Neues und es würde ja langweilig ohne neue Szenebegriffe. Irgendwie müssen wir es ja mit Müh und Not schaffen uns von unserem extrem Ereignis- und Trendreichem Vorgängerjahrhunderts abzugrenzen. Nennen wir sie also Hipster.

Dienstag, 1. April 2014

Menschen wie Wunder

Manchmal begegnet einem ganz unverhofft ein kleines Wunder. Man stolpert so durch den Tag, freut sich hier mal auf die eine Tätigkeit (Essen, die ersten Schritte an der frischen Luft), scheut oder fürchtet sich gar vor der anderen (Präsentation im Seminar). Oftmals "gfreits" einen, wie der Salzburger sagt, schlicht und ergreifend nicht, die nächstanliegende Aufgabe anzupacken. Und dann kommt da dieses Wunder.

Nein, ich spreche nicht von einer sich in zwei Hälften teilenden Salzach gleich der biblischen Durchquerung des Roten Meeres durch die Hand Moses und auch nicht von esoterischen Heilsteinen, Zaubertricks oder ähnlichem Firlefanz (Steinefans bzw. Zauberer mögen mir an dieser Stelle bitte verzeihen). Es geht um Menschen. Ganz besondere Menschen.

Wer jetzt zuerst an das "BAM!" einer Liebe auf den ersten Blick denkt, liegt zwar nicht komplett falsch, aber irgendwie doch. Denn hier und jetzt und in diesem Artikel beziehe ich mich auf ein heute getroffenes Beispiel, das für meine hetero gepolten Sinnesorgane aus sexueller Sicht uninteressant  ist. Denn es handelte sich um eine Frau.

Sie lachte und dabei zogen sich Lachfalten über ihre Augen, die sie nicht älter sondern jünger aussehen ließen. Sie hatte leichte Sommersprossen auf der Nase und wirklich kein im landläufigen Sinne schönes Gesicht. Dennoch kam sie mir in diesem Augenblick vor wie das schönste Wesen in diesem Universum. Ihre Figur ging dem aktuellen Schönheitsideal nicht gerecht werdend ziemlich in die Breite, ihre Kleidung glich ebenfalls nicht der eines Engels oder wenigstens Supermodels. Aber wie sie lachte, konnte ich mir gut vorstellen, warum ein Mann sie spontan heiraten würde.

Denn sie lachte nicht nur, sie strahlte auch eine tiefe Ruhe aus und schien den Lebensmut und gleichzeitig Beständigkeit von (mindestens) drei zu haben. Wäre sie quirliger gewesen, hätte es (mich) vermutlich genervt. Wäre sie ruhiger gewesen, hätte man möglicherweise erst mit viel Zeit und Geduld gemerkt, welch Lebensglück unter den tiefen Wassern sprudelte. So wie sie war, wollte ich trotz meiner Heterosexualität in ihrer Nähe bleiben. Eben nicht zum Knutschen, sondern einfach, weil ich mich verdammt gut fühlte. Ich komme wohl nicht darum, die bereits recht verbrauchte Metapher des "Felsen in der Brandung" zu bedienen. Denn so ruhig und stark, wie sie wirkte, war ich mir sicher: Mir kann in dieser Welt nichts mehr etwas anhaben.

Solche Menschen sind kostbar. Wie ungeschliffene Diamanten glänzen oder glitzern sie nicht, und in einem größeren Menschenauflauf würde man sie wohl kaum als das erkennen, was sie sind. Doch lernt man sie durch Zufall ein wenig kennen, machen sie das Leben auf einmal schöner. Sie geben einem, besonders wenn man grad mutlos und/oder "ungfreidig" ist plötzlich wieder Motivation, alles im Leben anzupacken, was man möchte.

Nicht zu kitschig möchte ich werden, wenn ich nun weiter erzähle, aber eine Sache muss an dieser Stelle gesagt werden. Ohne eine Ahnung, wie, habe einen dieser seltenen Steine gefunden und bewahre ihn seither so gut es geht an meiner Seite. Seit neuestem wohne ich mit ihm zusammen.

Vielleicht kann so mit ein bisschen Glück jeder Tag zum Wunder werden?

Dienstag, 21. Januar 2014

One day baby we'll be old...

Immer wieder gibt es so virtuelle Kuriositäten, die sich in kürzester Zeit einer rasant wachsenden Beliebtheit erfreuen und, wenige Stunden nach ihrer Veröffentlichung, bereits zu Berühmtheiten auf internationaler Ebene zählen. Gerade in Zeiten von Facebook, Twitter und des 24/7-Online-Daseins haben besagte Kuriositäten ganz besonders große Chancen. Ein soziales Netzwerk, immer offen dafür, neuen Stoff aufzusaugen und so mitreißend wie ein Schwarm bunter Fische im Wasser.

Mal waren das schmollende Miezekätzchen, mal von Privatpersonen initiierte Covers von beliebten Liedern, dann wieder die Serie von mehr oder minder witzigen Posts eines selbsternannten Komikers auf Facebook. In einem aktuellen Fall handelt es sich um den Mitschnitt des Auftritts von Julia Engelmann, Psychologiestudentin und Ex-Darstellerin der RTL-Soap "Alles was zählt". Es ist ein sogenannter "Poetry-Slam"-Auftritt, sprich eine Reihe von aneinanderklebenden und möglichst wohlskandierten Worten, die gemeinsam fast schon dem Rhythmus eines Musikstückes wiedergeben sollen. Nicht etwa der Auftritt ist neu, der war bereits im Frühling 2013. Nein, neu ist der frische Wirbel, der nun um das Video und drumherum gemacht wird. 


Grundsätzlich mal finde ich den Auftritt nicht schlecht. Mutig stellt sich das blonde Mädl vors Mikrofon und spricht klar, mit ruhiger, dunkler Stimme, während man ihr das aufgeregt pulsierende Herz dennoch an der Nasenspitze ansieht. Gerade am Anfang noch ein wenig zittrig, fängt sie sich, und man möchte sie einmal ganz fest drücken und ihr auf die Schulter klopfen. Mal hebt sie die Arme und ein bisschen schütteln sie (wohl auch aus Nervosität) mit ihren skandierten Sätzen mit, doch ihre Performance kommt beruhigend und erfrischend  zugleich ohne große Körperartikulation aus. Dafür mal, in Facebooksprache, ein Like.

Aaaber... Was redet sie eigentlich? "Ich würd gern so vieles tun. Meine Liste ist so lang. Aber ich werd eh nie alles schaffen, darum fang ich gar nicht an", sagt sie gedankenvoll und setzt bald nach: "Lass uns Nachts lange wach bleiben, aufs höchste Hausdach der Stadt steigend, lachend und vom Takt frei die allertollsten Lieder singen. Lass uns Feste wie Konfetti schmeißen..." und so geht es weiter. Klingt schon schön, klingt sehr gehaltvoll. Aber irgendwie spricht sie damit genau etwas an, was mir schon seit einiger Zeit tierisch auf den Senkel geht.

Eine Freundin und Kollegin schrieb auf das auf Facebook kursierende Video den Kommentar: "Was man nicht immer alles TUN muss!!!" Recht hat sie, finde ich. Da ist man dabei, seinen Alltag zu meistern. Geht obligatorischen Verpflichtungen nach, pflegt den Kontakt zu Freunden und Familie, betreibt seine geliebten, wenn auch vielleicht mittlerweile nicht mehr ganz frischen und neuen Hobbys und denkt vielleicht mal über den nächsten Urlaub, die nächste Reise nach. Und das soll dann leer sein? Zu wenig? Wie ein langer Spaziergang immer am Fluss entlang erscheint dieser Alltag manchmal sehr eingängig und fast schon trostlos, im nächsten Moment aber lieben wir genau das: Diese geordnete Routine, die wir uns ausgesucht haben und in der wir glücklich sind. Und in der wir überhaupt erst fähig sind, kleine Details wahrzunehmen, die im Strudel von aufgeregten Ereignissen ganz untergehen würden. Diese süßen Haubentaucher zum Beispiel, eine Vogelsorte, die mir erst sehr spät an den Ufern der Salzach aufgefallen ist. Aber zurück zum Thema.

Aufs höchste Dach steigen also. Die Nächte lang aufbleiben. Wurscht jetzt, ob man um spätestens 7 Uhr aufstehen muss. Dieses "Oh ich muss jetzt was erleben, dringend und zwar viel!" lässt sich anhand vieler Symptome ausmachen. Da wären die dutzenden Fotos von scheinbar unendlich witzigen und aufregenden Aktivitäten, die manch Facebook-Kumpane fast stündlich liefert. Wahlweise an einem Strand oder auf einer Party. Am besten beides. Da wären auch die vielen Storys über Weltenbummler und Lebenskünstler, die uns mehr faszinieren als alles andere.

Was passiert? Man fühlt sich blöd. Langweilig. Grau. Alles was man grad noch toll fand (spazieren gehen, Sims spielen, abends die neue Lieblingsserie kucken) erscheint einem plötzlich nur noch lächerlich. Fast schon verzweifeln könnte man bei dem Gedanken, dass aus all diesen geliebten aber leider langweiligen Tätigkeiten wohl nie genug kuriose Geschichten für die Enkelkinder hervor gehen werden. Oder für die Memoiren oder so. Alles nur weil man noch nie auf ein Dach gestiegen ist, schon gar nicht aufs höchste. Und nachts lieber schlafen möchte.

Ist es das wert? Der Wohlstandsgesellschaft zuliebe ins eigene Leben reinreden zu lassen und alles, was man tut, als nicht spannend genug zu befinden? Man kann ausprobieren. Warum auch nicht. Die Grundaussage von Julia Engelmann könnte ja auch als ein "Schau, was du nicht alles machen kannst" interpretierbar sein. Von daher sehr schön. Wären da nicht die mahnenden Worte ihres Refrains: "Eines Tages, Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können." (Ursprünglich aus einem (tollen tollen tollen weil schööönen) Song des Künstlers Asaf Avidan)

Und wenn man am Ende aller Tage sagen kann: "Man kann viel machen. Ich habe nur ein bisschen was davon gemacht. Hat auch gelangt. War schön." Reicht das nicht? Ich glaube: Mir schon.


Julia Engelmanns Auftritt: http://www.stern.de/panorama/slammerin-julia-engelmann-dieses-video-koennte-ihr-leben-aendern-2083645.html

Das Lied: http://www.youtube.com/watch?v=KRAMNWzfjcg&list=PLfv--IKszaTt8uBAOQKGUZ2_ohIQcMDoQ

Donnerstag, 9. Januar 2014

Übers Biegen und Brechen

Seit Neuestem kann ich mich zu einer neuen Gruppe Menschen zählen. Nicht wie bisher zu den Sport-Wahnsinnigen, zu den Lonely-Wolf-Syndromlern oder zu den Trotz-ihres-Alters-GameboyAdvanceSP-"Zockern", sondern zu einer recht anders gearteten, die das Leben zumindest kurz- bis mittelfristig mehr verändert als es jede Spielkonsole und jede Schwimmbadbesuchfrequenz bewerkstelligen könnte. Seit neuestem gehöre ich zu den Menschen mit den aus diversen Ansagen berühmten Mobilitätseinschränkungen.

Darüber darf ich allerdings nicht den Fehler machen, zu melodramatisch und selbstmitleidig zu werden. Meine Mutter selbst erinnerte mich nach ersten liebevollen Worten des Trostes daran, und es war wohl einer der hilfreichsten Impulse der ersten Stunde mit meinen neuen Begleitern Schiene und Krücken. Denn, neudeutsch-schlechtenglisch gesprochen, gilt es, die Church in dem Village zu lassen. Es ist zwar ein Bruch, den ich mir zugezogen habe, aber ich darf mich weiterhin ohne Gips durch die Welt bewegen und auch die Krücken werden mich voraussichtlich nur eine kurze Zeit begleiten. Derweil sind sie mir, obwohl es nervt, sie in den Alltag zu integrieren, wortwörtlich eine wahre Stütze.

Wie alle Eingriffe ins Leben, seien es die ganz leichten von einem Schnupfen oder einer kleinen Kränkung, bis zu den leicht- bis mittelschweren wie meiner vorübergehenden "Behinderung", ist auch dieser für mich nach einer anfänglich gehegten in Selbstmitleid getränkten Frustration durchaus inspirierend und Erkenntnis-gebend.

Erkenntnis Nummer eins: Mein Gott, ist unsere Gesellschaft lieb! Ich möchte mich ja jetzt weder zu weit aus dem Fenster lehnen, noch einen verklärenden Blick über die Menschheit an sich (die sich ja durchaus einiger Verbrechen verschuldet hat und höchstwahrscheinlich zu jeder anbrechenden Sekunde neu verschuldet) vermitteln, aber ich bin erstaunt. Würde mir jeder Mensch, der mir gegenüber seit der kurzen Zeit von weniger als 72 Stunden auf Krücken sein von Herzen kommendes Mitleid mit einhergehenden fast schon liebevollen Gute-Besserungs-Wünschen geäußert hat, gleich noch 10 Cent mit auf den Weg geben, könnte ich zur Zeit jede Bestrebung zum Geldverdienen getrost ad acta legen. Von allen Seiten regnet es Schulterklopfer (natürlich sehr vorsichtig, ich könnte ja spontan in alle Einzelteile zerbröseln), freundliche Zunicker und helfende Hände, wo immer ich sie theoretisch brauchen könnte. Gleich drei Männer und Frauen unterschiedlichsten Alter stunden auf, als ich mich in den Bus begab, damit ich mich hätte hinsetzen können.

Im Bus blieb ich lieber stehen und auch meinen Rucksack trug ich die Treppen eigenmächtig hinauf. Ich verwende keine Lifte und halte mich ganz an den Hinweis des überaus fürsorglichen Physiotherapeuten, der mir meine Schiene und meine Krücken angepasst hatte: Jeder Stoß, jeden zunehmend weniger mühseligen Schritt, den ich auf meinen Gehhilfen tätige, fördert die Heilung. Tritt dem Bein, so in meiner Vorstellung, gewissermaßen freundlich in den Allerwertesten und drängt mit liebevollem Nachdruck: "Mach mal hinne, Frauchen braucht dich!" Um auch nur vorübergehend meinen "Krüppelbonus" zu nutzen, bin ich erstens zu stolz und zweitens zu stur. Ich werd schon wieder.

Die Hilfestellungen an sich nehme ich zwar (trotz ehrlich empfundener Dankbarkeit) nicht an, aber sie freuen mich in unerwartetem Maße. Mitleid war bisher etwas, das ich ungefähr so schätzte wie einen gebrochenen Hax, doch nun, da beides eingetreten ist, ist es einfach schön zu sehen: Es ist den Leuten nicht wurscht. Sie sehen nicht auf mich herab, sondern verhalten sich eher wohlwollend und bekräftigend. Insgesamt empfinde ich noch mehr als sonst ein Gefühl, das wohl nun pathetisch formuliert klingt, aber der Wahrheit entspricht: Man ist und ich bin auf dieser Welt nicht allein. Nie.

Die zweite Erkenntnis: Wer immer glaubt, alleine zurecht zu kommen und sich komplett auf Arbeit, Sport oder was auch immer stützen zu können, irrt meiner recht frisch aktualisierten Meinung nach gewaltig. Was haben sich meine Prioritäten geändert. Neben meinen liebevollen Eltern gibt es da einen ganz besonderen Menschen, der mir mehr half, hilft und überhaupt in allumfassenderem Maße helfen kann, als ich es je für möglich gehalten habe. Er ist bei mir und das allein scheint mir einerseits Superkräfte zu verleihen und andererseits beruhigend klar zu machen, dass ich diese gar nicht brauche. Seit der kurzen Zeit, die ich mit ihm teilen darf, finde ich mich immer häufiger eine bestimmte Textstelle in einem zugegebenermaßen recht kitschigen Lied summend. "I found a reason for me to change who I used to be. A reason to start over new. And the reason is you."

Ein gebrochener Hax als Impuls für einen Neuanbruch im Leben. Eigentlich eine schöne Metapher.

Montag, 18. November 2013

Du, mal ganz ehrlich...

Viele Menschen begegnen einem auf dem Weg vom ersten Augenreiben am Morgen bis zum letzten Gähnen am Abend. Diese Menschen kennen uns mal gut, mal weniger, mal überhaupt nicht. Manche sind nett, manche tun nur so, und manche machen keinen Hehl daraus, dass sie es nicht sind. Ein paar ganz wertvolle sind lieber als es ihr grantiges Erscheinungsbild suggeriert. Aber hierauf wollte ich nicht hinaus. Denn all diese Menschen, die doch offenkundig so unterschiedlich sind, haben alle eine ganz bestimmte Eigenschaft auf unheimliche Weise gemein: Sie haben eine Meinung und sind vor allen Dingen der Meinung, dass diese Meinung auch jeden und insbesondere dich (!) zu interessieren hat. Weshalb sie diese auch lautstark und ohne mit der Wimper zu zuckern äußern. Ein Vorrecht der Meinungshaber, quasi.

Nun will ich nicht gleich im Vorne herein alle Menschen kritisieren, die den Mut aufbringen, eine eben solche Meinung offen zu sagen. Insbesondere bei Engverwandten und Dickbefreundeten ist es in manchen Fällen sogar eine Art heilige Pflicht, wahlweise die eigenen Hosen oder die des anderen herunterzulassen und tacheles zu sprechen. Findet man die beste Freundin zum fünften Mal in Folge in einem Zeitraum von fünf Tagen  umgeben von stetig wechselnden Schnaps- und Wodkaflaschen auf, so empfiehlt sich als erster Schritt durchaus, ein Problem, das kaum zu übersehen ist, auch anzusprechen. Gerne auch mit dem berühmten Tritt in den Hintern und Unterstützung für den ersten Entzug. Für eine Freundschaft selbstverständlich? Weiß ich nicht. In diesem Fall kann Ehrlichkeit etwas bewirken. Im besten Falle, ein Leben zu retten.

Nach dieser leicht dramatisch inszenierten Erläuterung möchte ich nun zu folgenden Fallbeispielen kommen, deren Ehrenhaftigkeit in ihrem Vorgehen des Meinungsvortrags sich mir einfach nicht erschließen will. Ein konkretes Beispiel passierte mir jüngst. Heute. Nach dem Laufen ein paar Runden geschwommen, kam ich erholt aus dem Wasser, trocknete mich ab und fühlte mich wie Gott in Frankreich. Herrlich. Doch mein Unglück nahte bereits an mich nichtsahnende Kreatur heran. Ein Bademeister im weißen T-Shirt. "Scho fertig für heit?" "Ja. "Na, da warst aber nicht fleißig." Bam. Grundschule lässt grüßen. Von Herrlich-wohlig-tralla zu Hilfe-ich-hab-was-falsch-gemacht. Mit dem Kommentar von einem, dem weder mein Nachnamen noch die Tatsache bekannt ist, dass ich zuvor innerhalb zweier Stunden einen beträchtlichen Teil Salzburgs abgelaufen bin.


Ich würde mich ja gerne darüber auslassen, was das nur für ein unseliger Trottel ist, aber eigentlich muss ich gestehen: Ich kenne ihn und er ist eigentlich ganz nett. Der Kommentar war nicht unbedingt ein Meilenstein seiner besten Zitate und war vermutlich auch nicht als solcher angelegt. Will heißen: Er führte vermutlich (auch wenn ich zunächst von Gegenteil fest überzeugt war) nichts Böses im Schilde. Er hat einfach geredet.
Und sowas passiert oft. Die Menschen finden einen in abwechselnder Reihenfolge und unregelmäßigen Abständen zu dick, zu dünn, zu salopp, zu höflich, zu deutsch, zu salzburgerisch, zu schieß-mich-tot.
Allein schon Tonfälle sprechen oft Bände über die tatsächliche Meinung einer Person.

Die wesentlich wichtigere Frage als nach dem "Warum halten die nicht einfache ihre Bappn?" scheint mir doch eher "Warum kratzt's mich?". Und überhaupt: War da nicht was von freier Meinungsäußerung? Menschenrechte und so? Also aus reiner Eitelkeit und Spitzfindigkeit den Menschen künftig das Meinung-Sagen zu verbieten, mündet wohl nicht unbedingt in einen friedvolleren Planeten. Eher das Gegenteil.

Ich ziehe nur meine eigenen Schlüsse daraus und die lauten wie folgt: Ich sage NICHT jedem meine Meinung. Wenn ich jemanden zu fett finde, werde ich einen Teufel tun, und ihn komisch anschauen, wenn er auf der Straße seine Pizza verdrückt. Wenn ich jemanden uncharmant finde, versuche ich ihn weiträumigst zu umgehen, verspüre aber nicht den innerlichen Drang, ihm meine Asympathie mal eben mitzuteilen. Und wenn jemand imZug seine straßenbeschuhten Füße auf die Sitzbank vor ihm parkt und es sich gemütlich macht, bin ich die Letzte, die ihn ruppig darauf hinweist, dass das strengstens verboten ist. Kann ja meinetwegen das Bahnpersonal machen, das wird dafür bezahlt.

Aber neulich, da war da dieser eine Badegast. Der unterhielt sich in einer Lautstärke, dass wohl auch die umliegende Nachbarschaft, vielleicht der ganze Stadtteil an dem Gespräch teilhaben durfte. Seine Gesprächspartnerin sprach mit angenehmer ruhiger Stimme. Die hörbaren Differenzen zwischen sich und seiner Frau (?) schienen weder ihm noch ihr aufzufallen. Ich schwamm und versuchte, ein- und auszuatmen. Peace, alles gut. Doch selbst unter Wasser wurde ich Ohrenzeugin von Verdauungsproblemen und Fußpilz. Da reichte es mir. Ich nahm den Herrn auf meinen Kurs, sah ihn an und fragte: "Reden Sie immer so laut?" Geholfen hat's leider nix. Der Mann hat mich nur erstaunt mit erhobenen Augenbrauen angeblickt, als wäre ich als Lochness so eben aus dem Wasser gestiegen, wandte sich dann wieder wichtigeren Angelegenheiten zu. Fußpilz zum Beispiel.

Was mich die Sache lehrte: Auch ich kann meine Bappn manchmal nicht halten. Und ich fürchte das kann nur eine Ursache haben: Ich bin ein Mensch. Dann muss ich das die anderen wohl auch sein lassen.