Sonntag, 17. Februar 2013

Neues Leben konstruieren

Ich bin ein wenig herumgereist in letzter Zeit. Zwar zeitlich nie so lange, wie auf Abenteurer-Rucksackreisen durch Australien, Neusee- und Thailand, aber dafür mindestens ebenso aufregend und alles verrückend. Ich wähle absichtlich das Wort "verrückt", weil ich das Wort in sich sehr passend für den Zustand finde, in dem ich mich derzeit wähne. Mit dem Zug war ich unterwegs nach Graz, nach München, nach Liechtenstein, also nicht unbedingt gigantische geographische Distanzen. Doch die mentalen Distanzen waren für mich umso größer. Denn wäre mein Kopf ein Zimmer, so war und bin ich dabei, ordentlich auszumisten, die Raumgestaltung noch einmal gründlich zu überdenken und - eben - sämtliche Möbel zu "verrücken". Ein kleiner mentaler Bauarbeiter, so fühlte ich mich. Dabei, mir mein Leben neu auf eine Plakatwand zu malen.

An einem besonders kalten Tag stieg ich aus dem Zug aus und begab mich in die nächtliche Finsternis von Graz. Mein Handy hatte ich vergessen, aber ich hatte eine Karte. Auf der war der Hauptbahnhof und eine von Google Maps (ja, ohne GPS aber bitte, das wird ja wohl noch erlaubt sein) entworfene Route zu meiner Unterkunft zu sehen. Ein bisschen sah das Ganze aus wie Salzburg, fand ich. Ein Fluß, ein Berg mit Schloss drauf, ja kann hinkommen. Wie ich sie vor mir hatte, wurde mir schlagartig klar, dass man sich eine Stadt wohl nicht nach einer schematischen Darstellung aus dem Internet imaginieren kann. Wie seltsam.

Ich fühlte mich beängstigt, verloren und dann wieder so froh wie sich wohl Columbus auf seiner Reise nach Amerika gefühlt haben muss. Mindestens. Ich machte mehr, als Reisepläne. Ich entwarf hier echte Lebenspläne. Denn in Graz war es nicht irgendein Haus mit irgendeinem Bett, in dem ich schlief. Es war eine potenzielle Wohnung, in der ich hätte wohnen können. Die wirklich lieben Menschen drinnen meine möglichen künftigen Mitbewohner. Es war ein Eintauchen in ein neues Leben. Denn von vorneherein stand die Aussicht offen vor mir: Du kannst hier bleiben. Genauso weiter ging es am nächsten Tag beim Vorstellungsgespräch in einem fröhlichen und freundlichen Büro. Auch hier: Du kannst hier arbeiten.
Was man nicht alles kann, dachte ich mir erst freudig-erregt. Doch wie die Euphorie abklang, war es mehr ein klägliches Stimmchen das seufze: "Tjaja, was man nicht alles kann...." Daraufhin dieser fiese Gnom, der immer genau dann das sagt, was ich nicht hören will, in dem Moment, wo ich es genau am wenigsten hören will: "Aber was willst du denn???!" Scht, nicht so laut! Ich denk ja schon nach.

Es ist ein Tauchen durch Möglichkeiten, eine Reise durch potenzielle Leben und Zukunfts-Malerei in der echten Welt, die ich betrieben habe.
Es ist niemand zu Schaden gekommen, weil ich rechtzeitig für mich erkannt habe, dass der richtige Weg meist doch eher eine Mischung aus Sehnsucht und pflichtbewusster Notwendigkeit ist.

Mir konnte jedoch nur wieder zu Sinne kommen, weil ich mir erlaubt habe, zu probieren. So weit zu schwimmen bis ich müde wurde und so tief zu buddeln, bis ich anstieß. Wäre ich da gesessen und meine Aufbruchstimmung mühevoll in ihr Grab gedrückt, hätte ich doch nie gewusst, wie das ist. Zu viel, zu müde, zu tief. Bevor man etwas glaubt, das man gehört hat, will man es erst mal mit eigenen Augen sehen. Man will etwas anfassen, bevor man akzeptiert, dass es existiert. So ging es mir eben mit Träumen.

Das Internet bietet das Ganze in virtueller Form. Man klickt sich durch Studiengänge in Amerika, Yogalehrerausbildungen in Indien und Entwicklungshilfe in Südafrika. Man sucht sich Freunde in der ganzen Welt via Couchsurfing, man beamt sich mit Google Maps gedanklich zu deren Wohnorten und schaut sie sich über Skype an. Und irgendwann fahr ich dann hin.
Und bleib dann dort? Genau hier beginnt der Traum. 

Bleibt nur noch die Aufgabe des Lebens, die wahren Träume zu finden. Und sie zu verwirklichen. Eines Tages.

Dienstag, 12. Februar 2013

Schrecklich-schöner Geburtstag

Die Stunde der Wahrheit naht. Mit düsteren Schritten höre ich sie herbei stampfen. Sie lässt sich Zeit, nur wenn ich mal kurz nicht hinsehe, legt sie auf einmal einen deutlichen Gang zu. So hart es ist, ich kann es nicht leugnen: Ich habe bald Geburtstag.

Ach, ich kann mich noch gut erinnern. Als Dreikäsehoch und auch als Teenager gab es wenig das so cool war wie der eigene Geburtstag. In jedem Alter gab es einfach etwas Besonderes an diesem Tag. Wenn man mit fünf schon mit Heißhunger den bei Mama bestellten Schokokuchen erwartete, der erst zum Geburtstag seinen herrlich schokoladig-geburtstagskuchigen Duft und Geschmack entfalten wollte. Ihn im Ofen roch und schon wusste: Ja, das wird ein toller Tag. Natürlich spielten auch Geschenke eine große Rolle. Und dann all die Gratulationen. Überhaupt, man war einfach der Held, an seinem Geburtstag. Mit fünf wollten dann alle neben einem sitzen beim feierlichen Wiener- und Brezenessen im Kindergarten, mit sieben gab's doch auch bei fast jeder Lehrerin irgendein ganz spezielles Geburtstags-Highlight.

Damals schon bedeutungsvoll, kam spätestens beim Erreichen eines zweistelligen Alters noch ein immens wichtiger Faktor hinzu: Die Party! Während man mit fünf noch alles die Mama hat herrichten lassen, angefangen von Kochtopf und Holzlöffel zum Topfschlagen bis zu den lustigen Luftballons, steigt nun der Ehrgeiz. Die eigene fette Party schmeißen, am besten ganz ohne (sonst eigentlich sehr geliebte aber in diesem Moment eben leider leider, sie mögen uns diese undankbaren Gedanken verzeihen) peinliche Eltern, das wär's doch. Besagte Erziehungsberechtigte wurden ins Kino geschickt, Wochen davor der Kopf zerbrochen über die richtige Musik und am Ende Unsummen für möglichst coole (ab einem hier nicht näher eingegrenztem Alter alkoholische) Getränke ausgegeben.

Egal ob noch unschuldige Kindergartenpupser, die brav nachmittags bei Kaba und Schokotorte saßen, oder später die 14-Jährigen, für die die eigentliche Party keinesfalls früher als 19 Uhr losgehen durfte: Da war immer dieses tolle Gefühl. Dieses sich wie ein heller Glücksschein über den ganzen Tag legende "Ich hab Geburtstag". Ein Gefühl, das sich nach einem weichen Kissen anfühlte, nach Kerzen und Schokolade roch und sich wie eine Mischung aus coolem Rock und schnulzig-glücklichem Pop anhörte.

Jetzt ist das irgendwie ein bisschen anders. Ich will mich deutlich abgrenzen von all jenen Geburtstagstragödianten, die weinerlich und nur unter Protest ein weiteres Lebensjahr für abgeschlossen akzeptieren. Die bei Nachfrage kurz aber sehr konzentriert nachdenken, ob sie nicht vielleicht doch lügen sollten, bevor sie seufzend ihr (wahres) Alter bekanntgeben.
Ich finde nicht, dass ich alt bin und ich finde (zumindest bis jetzt) auch die Tatsache an sich nicht schlimm, dass man als irdischen Wesen nunmal gewissen biologischen Notwendigkeiten wie der des Alterns unterworfen ist.

Aber der Geburtstag ist für mich schon irgendwie zu etwas anderem geworden: Der Tag, an dem ein Strich gezogen wird. Altes lasse ich Revue passieren, gesetzte Ziele des gerade abgeschlossenen Lebensjahres überdenke ich, bestimmte Schlussfolgerungen kommen zu Tage. Erkenntnisse, manche schmerzend, manche trügerisch, manche auch erst halbfertig. Es geschieht nicht immer freiwillig, aber es geht nicht anders. Ich weiß nicht mehr genau, was ich mir an Silvester 2011-2012 gedacht habe, aber sehr wohl, was mir an meinem 22. Geburtstag durch den Kopf gegangen ist. Man hat seine Träume und versucht ihnen, manchmal mit warmen Gefühl im Bauch und manchmal mit fast schmerzvoller Euphorie, näher zu kommen. Manchmal hat man Angst, die Träume zu vergessen, käme das gefühltermaßen doch einer Selbstverleumdung gleich. 

Und natürlich ist es auch ein Abschied. Abschied von dem was passiert ist, von der Freude über erreichte Ziele und der Trauer über gescheiterte Versuche im letzten Jahr. Man hatte ein Bild im Kopf, wie das Jahr werden könnte und gleicht nun ab: Besser? Schlechter? Oftmals: Einfach ganz anders als erwartet.

Am allermeisten kocht dann aber doch Freude hoch. Ein neues Jahr heißt 365 Tage mit jede Menge Chancen, Menschen, glücklichen, spannenden, vielleicht auch traurigen Momenten, mit Liebe und mit Hoffnung. Ein Hin und Her vom Zielestecken und Glücklich-im-Hier-und-Jetzt.

Alles in allem:

Ein neues Jahr und ein Riesen Stück Leben wartet nur darauf, erlebt zu werden.
Na, das klingt doch schon besser.

Samstag, 9. Februar 2013

Auf gute Freunde!

Wer heute etwas werden will, der erweitert seinen Horizont. Wer von einem spannenden Leben erzählen und mit der Zeit gehen möchte, der reist, fliegt, wechselt. Wechselt den Wohnort, Partner, Job, Hobbys und Gewohnheiten häufiger, als seine Schuhe. Wer still steht, verliert. Wer zufrieden ist, hat wohl noch nicht ausreichend hohe Ansprüche.

Ich wollte das nie direkt, aber diese Wandels- und Wandergelüste trieben mich immer weiter. Weit fort von Zuhause, bis ans andere Ende der Welt, durch Himmel und Hölle, mit einem Abstecher zuhause und weiter zu einem noch nicht erreichten ungewissem Ziel. Langsam komme ich nicht drumrum, mich zu fragen - Warum noch mal, das alles? Auf diese Frage brachten mich jedoch keine theoretisch-philosophischen Anwandlungen einer grüblerischen Nacht, noch nicht einmal selbstzerstörerisch-unfaire Vergleiche mit anderen, sondern ein ganz besonders schöner Abend mit ganz besonders schönen Momenten. Ein Abend mit zwei meiner engsten Freunde.

An dieser Stelle muss ich akuten Emotions- und Euphorieallergikern vom Weiterlesen tunlichst abraten, denn auf sehr kraftvolle, zuweilen schnulzig anmutende Formulierungen kann ich hier unmöglich verzichten. Ich stehe am Bahnhof und fühle mich unsicher und warte. Was grade noch wie ein guter Plan gewirkt hat, wird mal wieder von allen Seiten gedreht, beleuchtet, in Frage gestellt. So geht es mir oft, wenn ich mich auf eigenem Fuße bewege und auf zweite Absicherung verzichte. Je mehr Eigenverantwortung desto mehr eigene Fehler, je mehr Individualität und das Begehen seines "ganz eigenen Weges" desto weniger Fußstapfen, an denen man sich notfalls doch noch orientieren könnte. Jetzt stand ich hier am Bahnhof.

Und dann sind sie da. Zwei junge Männer inzwischen, in meinen Augen jedoch für immer die 15-jährigen Kumpels von damals. Ich werfe mich ihnen in die Arme und jeder Stress, jede Angst, in dieser Welt am falschen Fleck zu stehen, fällt urplötzlich von mir ab. Stattdessen ist da Wärme. Wenn ich sie mir so ansehe, die beiden Jungs, erzählen sie durch ihre bloße Anwesenheit all die tausend Geschichten, von denen ich nie genug bekommen kann.

Wir gehen ein Stück, wir reden, wir lachen. Vor allem sind wir einfach da und es spielt auf einmal keine Rolle mehr, welcher Tag und wieviel Uhr es ist, noch nicht mal das Kalenderjahr zählt jetzt noch. In diesem Moment gehört die Zeit einfach uns und steht still. Es ist auch ganz egal, was ich jetzt sage, denn, um es auf Gut-Bayerisch zu formulieren: Mir san mir.

Ja, und an dieser Stelle taucht dann wieder diese Frage auf: Warum kann das nicht reichen? Warum hat es mir damals nicht gereicht? Was soll das eigentlich alles, dieser Individualismus und Zeug, wenn man da am Glücklichsten ist, wo man sich in- und auswendig (aus-)kennt?

Mir ist klar, dass es darauf keine einzig wahre und doch viele möglicherweise richtige Antworten gibt. Dass einfach jede Medaille zwei Seiten hat und das Gras auf der gegenüberliegenden Seite 
selbst Zufriedene und Optimisten mit seinem Grün blenden kann.

Aber ich bin einfach glücklich, und das auch nach diesem Abend, inzwischen wieder da, wo mich mein Gefühl hingeleitet hat. Ich denke einfach zurück. Es gibt da einen Platz, an dem ich ausnahmsweise weder Sinn noch Bedeutung hinterfragen muss, an dem ich nicht zweifle und mögliche Alternativen abwäge. Und das beste: Ich kann jederzeit dorthin zurückkehren.


An die Seite meiner Freunde.

Mittwoch, 23. Januar 2013

Globale Waisenkinder?


In faszinierenden Zeiten leben wir. Gerade sitze ich im Zug mit einem jungem Kerl, der vor einem Tag erst mit dem Flieger aus Südamerika zurückkam. Was er dort gemacht hat? "Nen Freund besucht." Klar, was sonst. Wer, außer durch verworrene Zufälle, hätte das wohl früher behaupten können? Freunde haben wir nun allerorts. Und Existenzen mit dazu. Studium in Australien, Auslandsemester in Hongkong, Praktikum in Moskau. Da hat man mit einer Besuch von Freunden in Hamburg erzähltechnisch nicht unbedingt das Ass im Ärmel. Möchte man meinen, doch selbst das ist nicht wahr. 

Denn was, wie ich nun immer häufiger feststelle, unsere Zeit tatsächlich auszeichnet sind nicht (nur) die Fernreisen. Es sind eher die heutigen Umstände, dass Reisen für viele schon bald nicht mehr Reisen ist sondern mehr ein üblicher Zustand. Die Frage "und dann" immer im nächsten Atemzug.
Überall auf der Welt zuhause. Neuzeitnomaden. Über Couchsurfing binnen weniger Stunden einen Schlafplatz bei jemandem gefunden und das nicht nur in Metropolen sondern auch in Kleinstädten, wird einem bald ein viel tieferer Blick in das Leben des bereisten Ortes zuteil, als das im Hotelclub Adria oder der Pension Luisa-Marie je möglich gewesen wäre. Fast schon selbstverständlich reiht man sich einfach ein in die Menschen, die die Straßen entlang laufen. In interkulturellen Zeiten fällt man (zumindest in sehr vielen Länden) ohnehin nicht mehr auf. Der Begriff "Tourist" scheint ungefähr so modern zu sein wie das Tabakrauchen aus der Pfeife. Stattdessen arbeitet man, trifft Freunde und lebt Leben, nur eben mal im anderen Rahmen.

Es sind faszinierende Zeiten. Ich finde sie zuweilen sehr beängstigend. Wenn ich an Glück denke, dann fällt mir eigentlich zu aller erst ein: Meine Familie. Mein jetziger Studienort Salzburg, an dem ich nun doch schon drei Jahre ohne Unterbrechung bin. Schon auch an Abenteuer, aber das sind mehr die Ausreißer nach oben (und nach unten!). Es gibt diese Momente in denen ich mich unendlich angekommen fühle. Zufrieden mit mir und der Welt, im Einklang mit allen meinen Facetten. Als ich das das erste Mal in Salzburg gespürt habe, war ich überglücklich. Und jeder neue Ort bringt auch die neue Suche mit sich.
Geht das wirklich, was viele so sagen (unter anderem sehr religiöse Menschen)? Dass es eine reine Instanz tief in einem drinnen ist, unabhängig von Ort und Zeit? Oder ist es, wie auch von vielerseitens behauptet, ein Grundbedürfnis, ein festes Zuhause zu haben, das mehr ausmacht als einen Rucksack?

Wie fühlt sich jemand, der seit Jahren umherzieht und eigentlich nie wirklich wo länger bleibt? Vielleicht ist er ist grenzenlos frei und glücklich. Ich fühlte mich damals auf Reisen oft nur eins: verwaist. So frei wie ein Kind, das seine Eltern verloren hat. Es kann hingehen wo es will. Aber eine tiefe Sehnsucht lässt sich nicht verleugnen.
Heimatverbundenheit ist ein wichtiges Thema in praktisch allen Kulturen (wobei hier eine nähere Studie zu denen von Nomaden natürlich insbesondere spannend wäre). Lieder wurden komponiert, Gebäude errichtet, Dialekte haben sich verfeinert. Letztlich ist jedes Haus, das mit Liebe eingerichtet wurde, ein Zeugnis vom Schaffen einer eigenen Höhle, eines Zuhauses. 

Ich muss nicht wissen, was die Erde im Innersten zusammenhält. Mir würde schon reichen, zu wissen, was Globetrotter im Innersten zusammenhält.
Und deswegen werde ich reisen, immer wieder. Schon allein, um das zu verstehen.

Montag, 24. Dezember 2012

Es waren mal die Bücher

Sie stapeln sich zu Hauf im Haus meiner Eltern, sie füllen Regale und sie enthalten Unmengen an Wissen, Fleiß und Schreibkraft von Menschen, die eine unbestimmte Zeit aufgewendet haben, um das Buch zu schreiben. Vielleicht manch einer sogar zunächst von Hand, wie es vielleicht üblich war, als sich noch nicht jeder eines Computers auf den hauseigenen Schreibtisch, bzw. heute Laptops auf den Schoße eigen nennen konnte. Doch auch wenn am PC ein sehr persönliches Stück.

Auch heute gibt es sie noch. Bücher, die nicht zur spannenden undoder belustigenden Unterhaltung dienen sollen, sondern dem Zuwachs an Bildung und dem Füttern mit neuen Informationen, Fakten und Nützlichkeiten. Teilweise scheint sich geändert zu haben, was als nützlich empfunden wird. Ich spiele auf diverse Hobbyphilosophen an, deren Werke ich aus hochmütigen Vorurteilen heraus jedoch nicht gelesen habe, und mir daher hier gar nicht weiters ein Urteil erlauben will.

Zurück zum Thema. Die Wände voller Schränke, die Schränke voller Bücher, sehe ich mir deren Inhalt immer wieder gerne an. "Was fehlt meiner Topfpflanze?" ein Titel. "Katzen. Ein psychologischer Ratgeber" ein anderer. Es steht dann ein Autor da und ich frage mich: Was ist das wohl für ein Mensch, dieser H. N. Cevat, der all sein Wissen in Form eines Buches verewigt hat. Egal ob ich ihn mir als leicht verrückten Pflanzenforscher mit wirrem Haar, als Bankangestellten mit grünem Daumen und einem schönen Hobby oder aber als - die einfachste und daher langweiligste Lösung - Florist oder Gärtner vorstelle. Ich finde es irgendwie bewegend und toll, dass es da ein Buch gibt mit einem Autor. Es scheint vertrauenswürdig. Es ist klar: Wann immer meiner Topfpflanze was fehlt, dieses Buch wird mir helfen. Sicherer Boden in einer denkbar unsicher und irgendwie waage gewordenen Welt.

Denn was macht man heutzutage, wenn was nicht passt? Ja, man schaut im Internet. Da findet man ja alles. Das Problem: Wirklich alles. Von Schrott bis zur Weltformel vermutlich alles auffindbar, wenn man mit viel Glück und Erfahrung darauf stößt. Es ist eine Riesenplattform, auf der jeder schreiben kann, was er lustig ist. Dadurch steht immens viel Wissen und immens viel Bullshit. (dazu habe ich mich bereits in meinem Artikel "Kollektives Wissen oder allgemeine Verblödung?" ausgelassen)

Ich weiß nicht, wieviele Bücher H. N. Cevat letztlich an den Mann gebracht hat. Im Wohnzimmer von Mama und Papa steht es jedenfalls. Aber wie schaut das künftig aus?
Wer kauft heut noch Bücher zu einem Thema, wirklich zur reinen Info? "Wer bin ich und wenn ja wieviele", die "Anleitung zum Unglücklichsein" und wie sie nicht alle heißen kann ich da nicht ernsthaft dazu zählen.

An der Uni findet es noch statt, der Wissensaustausch mit Büchern und Skripten. Man schreibt an einer Arbeit zu einem Thema, leiht sich Literatur aus der Bibliothek aus, schreibt sich die Finger wund. Die Uni ist allerdings meines Erachtens auch in gewisser Weise ein von der freien Wirtschaft zunächst geschützter Raum.

Kaufen Leute also noch Bücher? Oder würden sie überhaupt im Buch nachsehen, selbst wenn sie eins in wilder Übermut an einem Shoppingnachmittag im Hugendubel gekauft hätten? Wäre nicht immer das Eingabefenster mit dem blinkenden Zeichen bei Google die wesentlich bequemere Wahl?

Ich glaube, das Internet ist dabei, Alltagswissen in Form von Büchern zu ersetzen. Eigentlich ist es ja vielleicht besser so. Mussten sicher schon viele Wälder für all die bedruckten Seiten und Umschläge dran glauben. Weniger Krempel spricht auch den Minimalisten in uns an.

Aber hier im Wohnzimmer meiner Eltern finde ich mich emotional befangen wieder, objektive Argumente kurzzeitig einfach unbeachtet. Es ist schön. All diese Bücher, in denen man blättern kann. Vielleicht sogar mit Bildern, auf jeden Fall mit Eintauchen-in-eine-andere-Welt-Effekt. Und sei es in die Welt der Zimmerpflanzen. So gesehen ist so ein Bücherregal eine lange Reihe von Portalen.
Ich werde mir jetzt keine Privatbibliothek mit Wissen zu verschiedensten Themen anlegen. Das rentiert sich einfach nicht mehr wirklich, das ist mir in meinem modernisierten Hirn ja klar.

Aber ich bin gern hier zuhause und schmökere mich durch die Riesenpalette an gedruckten Eingangspforten. Das Internet kann echt viel. Aber den Geruch von einem alten Buch, wenn man es nach länger Zeit wieder aufschlägt, nach Weisheit und Holz. Das Gefühl von Seiten, wie man die Finger über sie streichen lässt. Und diese immens seriöse und bodenständige Ausstrahlung.
Das vermisse ich bei Dr. Google schon jetzt.

Dienstag, 18. Dezember 2012

Und wieso und wieso und wieso

Seine Stimme klingt zerknautscht, müde, ein bisschen fertig. Nach zu langen Nächten und zu unausgeschlafenen Morgen, nach Ärmeln, die sich die leicht geröteten Augen reiben. Bei all den geradezu mütterlichen Beschützerinstinkten, die der Sänger Clueso mit seiner "Eigentlich bin ich ja schon groß aber"-Stimme in mir hervorruft, würde ich ihn wirklich am liebsten ganz fest drücken.

Er singt "Und wieso und wieso und wieso", wiederholt in seinem Lied "Pizzaschachteln" immer wieder diese Frage, die auch wir im Erwachsenenalter gerne mindestens zehnmal wiederholen könnten, ohne das Gefühl zu haben, bereits oft genug "wieso" gefragt zu haben. Gibt soviele Dinge, die man selbst hunderttausendmal hinterfragen könnte und verstehen täte man sie danach immer noch nicht. Clueso fragt: "Und wieso (...) fühl ich mich trotzdem so gut". Das Thema, um das es geht: Chaos. Unaufgeräumte Zimmer, Pizzaschachteln die sich stapeln, Staub in der Bude und, frei nach meiner Interpretation, auch ein bisschen viel Wirrwarr im eigenen Oberstübchen. Und dennoch (oder vielleicht gerade deswegen) glücklich durch die Gegend zu laufen.

Dieses Lied hat sich einen Platz in mir erschlichen, vielleicht sogar in meinem Herzen, in jedem Fall auf meiner Lieblings-Playlist. Und auch wenn dieser Satz nun vermutlich zum dreibillionsten Mal geschrieben sein dürfte, muss ich es gestehen: Es spricht mir mit seinem Text so sehr aus der Seele. Gleichzeitig, eben aufgrund dieses aus der Seele sprechenden Inhaltes, komme ich nicht drumrum, ihn kritisch zu hinterfragen. Hier ein paar Auszüge aus dem Lied: "Man könnte mein, dass ne Bombe in meinem 
Zimmer ziemlich gesplittert ist. Doch ich find immer noch'n alten Pullover, der noch nicht zu doll zerknittert ist.", "Pizzaschachteln stauen sich. Jeder weiß, dass es bei mir staubig is. Ich mein, aufzuräum ist kein Problem, nur ich glaub ich trau mich nich". Ja, ich glaub ich weiß, was du meinst, Clueso.

Wer mich schonmal zuhause besucht hat und mich ein bisschen besser kennt, der findet sich wahrscheinlich auch im Textteil wieder: "Wer mich nicht kennt, aber sieht wie ich hause für den ist das 'n krasser Schlag". Ohne jetzt zu genau darauf einzugehen, in wie weit ich tatsächlich "hause" (und wie man das definiert?) wird mir in dem Lied von Clueso viel bewusst.

Ich bin anders als viele andere. Es gibt Menschen, die falten gern, sortieren gern, ordnen gern. Ich gehöre dazu. Es gibt Menschen, die machen das auch im Alltag und deren Zimmer sehen trotz pikierter Ausrufe "Ohgott jetzt habe ich gar nicht mehr aufgeräumt!!" aus wie geleckt. Ich würde keine Sekunde zögern, von ihrem Fußboden zu essen. Ich gehöre nicht dazu. Die meisten Leute scheinen auch einfach nicht so viel Krempel zu haben wie ich. Ich räum einmal auf und fünf Minuten später quillt er doch wieder aus allen Ecken. Still und heimlich plane ich meine innere Revolte gegen all den Kram, der meinen Kopf und meine Wohnung belastet. Aber es sind einfach viele Sachen, die nicht durch Zufall und nicht plötzlich da gelandet sind, wo sie jetzt rumliegen. Ich habe sie gesammelt, habe mir zu dem Zeitpunkt auch was gedacht und mich oft sogar darüber gefreut. Dass es irgendwann Relikte einer vergangenen Zeit sein würden, hatte ich damals halt einfach noch nicht geahnt.

Zurück zum Lied, der wichtigste Satz meines Erachtens ist nämlich darin: "Dass mit mir was nicht stimmt, dass glaub ich nich. Und 'n guten Ratschlag, den brauch ich nich". Spontaner Gedanke dazu: Also echt, Clueso, wie kann man nur. Sich auch einfach garnichts sagen lassen! Geht ja mal garnicht.
Geht vielleicht doch? Weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass dieses Chaos sich auch oft in meinem Verhalten verankert. Ich wandere naiv durch die Gegend, vertraue hier, glaube da und lasse mich dort einfach fallen. Hätte tausendmal in die Hose gehen können, ist es aber tatsächlich nur ein paar mal. Den Rest der Zeit war ich glücklich, weil ich mir damit ein bisschen was vom Kindsein erhalten habe. Unverantwortlich? Ja, weiß ich eben nicht. Eine einzig richtige Antwort wird man vermutlich ewig suchen.

Ich glaube, ich lasse Sie jetzt weiter Gedanken spinnen, wenn Sie Lust darauf haben. Das, worüber ich nachdenke ist einfach nur: Wie weit ist es denn einfach okay, dass man so ist, wie man ist? Wo soll man auf andere hören und ab wann sollte man tatsächlich aufhören, so zu sein, wie man ist? Es zumindest versuchen? Und wieso und wieso und wieso....

Sonntag, 9. Dezember 2012

Danke Papa

Heute ging's mir nicht gut. Nein, es war keine Verkühlung (gut, die auch, aber die nicht maßgeblich) und nein es war kein Kater. Es war ein trauriges Gefühl, eine tumbe Leere und ein düsterer Schatten der sich über mein Denken legte. Draußen schien die Sonne und der Schnee glitzerte doch in meinem Herzen, in meinem Bauch und in meinem Kopf wollte es nicht recht mitglitzern. Stattdessen fühlte ich mich ziemlich bleischwer und ein bisschen benebelt, ein bisschen beängstigt, woher nun diese Wolken kamen.

Und dann kam mein Papa. Ich hatte mit ihm telefoniert. Er hatte gefragt: "Wie geht's dir?" und ich: "Ganz ehrlich?" Ja er wollte ehrlich und er bekam ehrlich. Drei Stunden später war er da. Ich hatte eigentlich genug Sätze parat gehabt, um es ihm auszureden. Schließlich hat auch er nicht die Freizeit im Überfluss. Habe gesagt: "Das krieg ich schon." Hatte es nicht nur gesagt, war überzeugt davon. Na komm jetz, was soll das jetzt, muss doch nich sein, so ging es in meinem Kopf rundumher und genau das gab dann auch mein Mundwerk wieder. Man ist ja kein Baby mehr und kann nicht mal eben mit drei Kugeln Eis getröstet werden. Und überhaupt, selbst ist die Frau und so. Kann ja nicht jedes Mal nach Mama und Papa rufen.

Das Schöne an dem Ganzen war ja, dass ich nicht laut gerufen hatte. Mit den Ohren nicht hörbar. Aber für meinen Papa mit dem Gefühl.

Wie er dann da war ist mir eins klar geworden. So schlau bin ich gar nicht. Eine Umarmung von einem Menschen, der einen dermaßen gut kennt und lieb hat ist fünf millionen mal so viel wert wie drei Kugeln Eis als man noch klein war. Und mit ihm zu reden, all die kleinen und großen Dummheiten, Ideen, Möglichkeiten, wirres Zeug loswerden, rauspurzeln lassen, wies grad kommt. Mir ist klar geworden, dass man rational und im einsam-sturen Moment nicht erkennen kann, wie sehr man Menschen wie den Papa braucht. Wie unendlich gut es tut, ihn beim andächtigen Wandern durch die Winterlandschaft neben sich atmen zu hören. Seine Handschuhe zu klauen.

Und eins auch: man sollte nie glauben, dass man selbst am besten weiß, was gut für einen ist.
Stattdessen muss man auch mal loslassen. Zurücklehnen und vertrauen.
Danke, Papa.