Montag, 1. Juni 2015

Über das Alleinsein

In regelmäßigen Abständen erreichen mich in letzter Zeit niedliche Bildchen, kryptische Formulierungen und mit mystischen Verzierungen versehene Sprüche. Ihnen allen wohnt ein tieftragender Gedanke inne: Wer alleine sein kann, ist glücklich. Alleine sein, das sollte wirklich jeder in seinem Leben beherrschen lernen.

Diese Message trifft mich. Nicht weil ich nicht gelernt hätte, alleine zu sein. Sondern viel mehr, weil ich es viele Jahre aus selbstentschiedenen Gründen und mal mehr, mal weniger war. Als Single einerseits und Sporthungrige andererseits kämpfte ich mich Monat für Monat mutterseelenallein auf diverse Berge und kam abends, schwitzend und müde alleine heim. Dem Zubereiten der Mahlzeit sowie dem Kontakt zur Außenwelt über den Laptop kam eine nahezu schamanenhafte Ritualität zu.

Das waren natürlich nur Phasen. Es gab immer nette Menschen rund um mich herum, fast schon schienen sie mich zu jagen mit Anfragen, ob ich denn nicht heute mit ihnen fortgehen wollte. Doch ich wollte nicht nur nicht, ich konnte auch nicht. Ich hatte aus diversen Gründen das Gefühl, alleine besser dran zu sein. War ich bei anderen, so war alles so lähmend und langsam. Wie konnte man nur stundenlang an einem Ort sitzen und quatschen, während die Berge riefen? Ich verstand es nicht. Mehr als alles andere wollte ich anders sein.


Nach und nach mutierte ich zum fleischgewordenen Outsider. Ich trug nur noch spärliche Kleidung, um maximal flexibel zu sein und jederzeit vor und nach der Vorlesung die nächsten Klippen zu besteigen, ins Wasser zu springen oder aber laufen zu gehen. Es interessierte mich schon, was andere dachten, doch ich tat so, als wäre es nicht so. Denn das was die meisten anderen wohl dachten war wohl irgendwas zwischen "Weirdo..." und "Ohgott, wie ist die denn drauf?".

Ich kann mich aus heutiger Sicht so sehen, weil ich inzwischen wieder in Shirt und Hosen einer mehr oder weniger durchschnittlichen 25-Jährigen geschlüpft bin und meine Angst vorm Gleichartigsein verloren habe. Ich lebe in einer glücklichen Beziehung, zog bereits nach vier Monaten mit meinem in diesem Blog bereits häufig erwähnten Allerliebsten zusammen. Denn als ich ihn kennen lernte, war mir als bald klar: Ich will nicht mehr alleine sein.

So sehe ich diese Sprüche, die ich zu anfangs erwähnte, eher kritisch. Man kann schon alleine sein und vermutlich hilft es niemanden, wenn man sich in jeder freien Minute verzweifelt an jemanden dranhängt, nur weil man es nicht erträgt, sich ein paar Stunden mit sich selbst und eigenen Hobbys zu beschäftigen. Auch das Zusammenbleiben in einer Beziehung, die schon lange nicht mehr glücklich macht, und alleinig aus der Furcht vorm Alleinsein ist vermutlich nicht weiterführend.

Doch nach der Beendigung einer unschönen Beziehung, nach ein paar Stunden des Laufens, Schwimmens, Lesens, Meditierens oder was auch immer man sich für die Zeit für sich auserkoren hat, ist für die psychische Gesundheit nach meiner persönlichen Erfahrung und auch laut Experten nur noch eines wichtig: Menschen bei sich zu haben, die man liebt.

Und zu spüren, dass man eben doch nicht allein auf diesem verwirrenden Planeten wandelt.

Montag, 30. März 2015

Ein bisschen Leiden

First of all: "30 Rock" ist eine wahnsinnig witzige Serie. Die überaus anbetungswürdige Tina Fey spielt darin eine vom Stress und hier und da auch vom Sexismus gebeutelte Intendantin eines erfolgreichen Fernsehsenders. Doch in diesem Artikel soll es nicht darum gehen. Nur um eine Folge. In der nämlich sagt Liz Lemon (so der Serienname) dem Showbusiness für kurze Zeit Lebewohl – und trifft auf eine Horde vergnügungssüchtiger Damen, deren Leben zwischen Designerklamotten und Maniküren im Vergleich zum Arbeitsleben wie das schillerndste Paradies erscheint.

Liz, die zuerst dachte, niemals ohne den Stress und die Hektik im mehr oder weniger wahnsinnigen Fernseh-Team leben zu können, verliebt sich in dieses heitere Leben ohne Sorgen, Deadlines und unfähige Untergebene. Bis es schließlich zu DER Szene kommt. Als sich Liz gerade auf die nächste Gesichtsmassage freut, eröffnen ihr die Damen, dass sie nun zu kämpfen gedenken. Dieses genussreiche Leben enthalte nicht die entscheidenden kontrastierenden Faktoren, um es genießen zu können: Probleme, Ärger, Leiden. Mit ein paar Stunden Kratzen und Beißen ließe sich das Adrenalin jedoch wieder zurück in die Blutbahnen bringen. Ob sie nicht zu erst zuschlagen wolle? Liz verlässt die Runde umgehend.

Genau diese Szene kam mir heute in den Sinn. Heute ist ein wettertechnisch absolut mistiger Tag. Wir, die wir in Österreich (und man sagt sich insbesondere Salzburg) nicht gerade um jeden Tropfen betteln müssen, führen auch keine Regentänze auf, wenn es wieder so weit ist und es schüttet als gäbe es kein Morgen mehr. Mein erster Gedanke in der Früh, die ich alltäglich nutze, um mich ein wenig körperlich zu ertüchtigen: "Hm, ich wollte doch eh mal einen Pausentag machen...". Mein zweiter: "Ach scheiß drauf."

So begab ich mich also mit wasserfester Jacke, die bei einem solchen Wetter ungefähr fünf Minuten lang wasserfest ist, auf meinen geliebten Drahtesel um meinen Weg zum Fitnessstudio zu meistern. Die ersten fünf Minuten waren, das will ich gar nicht erst leugnen, grässlich. Ich fand es kalt und fies und eklig. Doch nach den fünf Minuten stellt sich das ein, was ich gemeinhin als das "Basst scho"-Gefühl bezeichne. Dann nämlich, wenn der eigene Schaltkasten begreift, dass das Sudern gar nichts nützt und sich an der Situation nun einmal dank sturem Frauchen nichts ändern wird, sagt er einfach: "Nagut." Oder eben: "Basst scho."

Aufeinmal spüre ich den Regen auf meiner Haut und finde ihn eigentlich ganz schön. Kalt ist mir nicht mehr, weil ich fleißig in die Pedale trete und ja, ich gebe es zu, ich fühle mich fast ein bisschen stolz, als weit und breit einziger Radlfahrer inmitten hunderter Autopassagiere. Ich merke, wie meine Strumpfhose sich immer dichter vollsaugt und der Stoff sich an meine Haut schmiegt. Doch es stört mich nicht. Ich schaue einfach auf mein Ziel vor Augen und fühle mich ein wenig buddhistisch-philosophisch, weil ich endlich einmal einfach das Hier und Jetzt vollkommen annehme und darin wortwörtlich bade.


Auf dem Heimweg schüttete es noch mehr. Irgendwie ging's mir dann doch auf den Sack. Ich war nahe dran, meine Scheiß-Philosophie wieder über den Haufen zu werfen, als mir plötzlich eins klar wurde: Wie oft hat man im Leben eigentlich die Möglichkeit, jede Faser des Körpers zu spüren? Wie oft sitzt man im Kontrast dazu in einem wohltemperierten Büro, in dem man scheinbar wichtigen Details einer Werbekampagne nachgeht, meilenweit entfernt von jeglichem Schauspiel der Natur? Radeln durchs Nass, das ist etwas, von dem man sagt, dass es furchtbar ist, das man aber auch als etwas sehr wunderbares erfahren kann. Oder anders gesagt: Ein bisschen Leiden schadet nicht.

Zumindest bis man wieder im schönen lieben warmen Zuhause ist und sich der nassen Klamotten entledigt. Mal ehrlich: Gibt's was Besseres?!

Freitag, 20. Februar 2015

It's Trödeltime

Es ist dieser Moment, wenn ich gerade schwimmen war, mich abgebraust habe und dabei bin, mich trocken zu rubbeln. Wenn ich meine Schuhe binde und gleichzeitig über das nachdenke, was ich vielleicht gleich sehen, tun, erleben werde. Wenn ich auf dem Couchbett liege (Wir besitzen mangels einer echten Couch ein Bett-Bett und ein Couch-Bett. Kanns nur empfehlen, ist herrlich) und weiß: Eigentlich müsst ich jetzt einmal aus den Federn um zu laufen oder zu arbeiten. Die Liste könnte man endlos weiterführen.

Trödeln ist einfach herrlich. Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich gerade an besonders stressigen Tagen überhaupt gar nicht mehr das tue, was doch eben geboten wäre: Eile, Geschwindigkeit, gesteigert bis zur hochschlagenden Hetze. Was tue ich stattdessen? Ich öffne das Facebook-Fenster und sehe fleißig nach, was gerade so Neues passiert ist. Zum dritten Mal. Und ja, ich weiß, es gehört bei manchen zu ihrer Arbeit dazu. Bei mir nicht. Oder ich gehe aufs Klo und schaue meine Hautporen und Augenbrauen im Spiegel an. Das kann ich stundenlang machen.

Woran liegt das, dass ich mich so sehr ins Trödeln verliebt habe, dass ich manchmal alles um mich herum vergesse? Meine impulsive innere Stimme meint dazu: Dein Geist ist noch nicht so weit für die nächsten anstehenden Tagesagendapunkte. Du musst ein wenig Ruhe walten lassen. Das ist mir persönlich allerdings zu esoterisch. Ich rotze ihr entgegen: "Ge bitte, nerv nicht. Hier gibt es Arbeit zu erledigen, dalli dalli!" Die innere Stimme zuckt nur die Schultern und grinst in sich hinein – den Schalter zu dem was ich tue, hält nämlich sie.

Ich kann sagen, dass ich in meinem Leben noch nie aus der Arbeit heimgegangen bin, ohne das zu machen, was es zu machen galt. Letztendlich schafft man scheinbar also auch als Trödlerin seine Arbeit. Meine Mitmenschen nerve ich trotzdem damit – meinen Hauptmitmenschen, dem herzallerliebsten Mitbewohner-Imselbenbettschlafer (im Couch-Bett und im Bett-Bett) gleich vorangestellt. Immer wenn sie bereit stehen, um durch die Gegend zu ziehen, bin ich gerade in intensiver Gedankenverlorenheit dabei, meine Schuhbänder zu einem Schmetterling zu falten. Ups, da ist die Schlaufe schon wieder daneben gegangen, nein sowas... Mein Freund wirft mir Mutwilligkeit vor. Ich glaube, er hat Recht.

Am liebsten trödle ich beim Bummeln. Bummeln ist für mich, altabgetrottene Wege entlang zu latschen und dabei so in Gedanken verloren zu sein, dass ich dabei niemanden, und ich meine NIEMANDEN wahrnehme. Aber manchmal ist mir selbst der gemächlichste Spaziergang schon zu hektisch. Dann setze ich mich hin und schaue einfach nur und sehe vor meinen Augen aber alles das, was ich in Wahrheit nur denke.

Manchmal glaube ich, dass das Trödeln einer der letzten Reste Kindheit ist, die sich noch in meinem Kopf tummeln. Pauschalitäten in Bezugnahme auf die ach so furchtbar hektische Welt heutzutage – und das Internet und die Medien und ja! – erspare ich meinen werten Leserinnen und Lesern an dieser Stelle. Sie wären doch zu offensichtlich platziert und sind an anderer Stelle zur Genüge strapaziert wurden.

Auch wenn ich mich manchmal in den Hintern beißen könnte, wenn ich durchs Trödeln eine günstige Gelegenheit verpasse: Es ist in Wahrheit ein schönes Geschenk. Denn vertrödelte Zeit ist niemals verlorene Zeit. Jetzt muss ich mir erst einmal die Schuhe binden.

Montag, 29. Dezember 2014

Die Besten


„Ich trinke auf alte Freunde...“, so oder so ähnlich beginnt der Refrain eines bekannten Böhse-Onkelz-Lieds. Die nun durchaus in die Jahre gekommenen Onkel kann man finden, wie man möchte – diese Worte sind denkbar wahr. Ich habe das jüngst am eigenen Leib erfahren. Es war Weihnachten.

Das Seltsame ist: Wenn ich ehrlich bin, denke ich zwar hin und wieder an früher und die damit verbundenen Menschen. Wirklich vermissen tue ich aber nicht. Nicht, weil ich sie nicht ehrlich lieb habe und schätze, sondern weil das Leben nun mal anders spielt. Da gibt es einen Haufen Arbeit zu erledigen, da will ich noch joggen und schwimmen gehen und bevor der Tag rum ist, bleibt noch ein bisschen Zeit für den Hausputz, die Spülmaschine und den Herzallerliebsten. Und wo ist da die Zeit zum Vermissen? Eben.

Wir trafen uns in einem italienischen Lokal, es war verglichen mit vorhergehenden Jahren eine deutlich dezimierte Zahl. Auch das scheint ein deutliches Zeichens des Alterns zu sein – klar, nicht nur ich habe mit zunehmend fortschreitendem Lebensstatus meine eigenen Pläne, auch die anderen haben sie. Ein paar haben doch den Weg am 23. Nnach Ebersberg gefunden. Und da hat es mich ein bisschen überschwemmt, dieses Gefühl der Wiedersehensfreude.

Es begann damit, dass mich meine allererste beste Freundin von der Haustür abholte – schon das ein altgewohntes Ritual. So hatten wir es Jahrelang gemacht, um gemeinsam zu Grundschule, Gymnasium oder zum Fortgehen zu stiefeln. Wir waren beide nicht die Helden der Pünktlichkeit, und immer wenn die eine unpünktlich war, war es der anderen grad furchtbar eilig – so implizierte dieses Verfahren einen ganzen Haufen Konfliktpotenzial. Wir haben uns auch durchaus oft gerauft, wie Mädchen das eben tun. Ohne Haue, dafür mit Sticheleien und ab und zu wutentbrannten Schreien. Um Pferdedeckchen eines Plastiktieres, darum, wer Nala beim Rollenspiel sein darf und manchmal halt auch einfach so.

Vielleicht ist das das, was eine echte Freundschaft ausmacht. Oder zumindest: Wenn sie es aushält, dann ist sie echt gut. Denn ich habe mich mit der überwiegenden Mehrheit meiner richtig guten alten Freunde eigentlich nicht gezofft – oder kann mich nicht erinnern. Wie ich sie alle in den Arm nahm, wie sie da im Italiener schon auf uns warteten, freute ich mich viel mehr, als ich mir das vorgestellt hatte. Auf einmal schien mir wieder alles möglich. Wir würden zusammen den Mond erobern können, oder zumindest die Welt – so wie einst mit dem Radel quer durch die Umgebung unserer bildschönen Heimat. Und früher war gar nicht mehr so weit weg. Vielleicht sollten wir bald mal wieder fortgehen, mit schief gezogenem Eye-Liner, zu viel Wimperntusche und Push-Up-BH?

Nein, Scherz, solche Aufreißer respektive Tussis waren wir eigentlich gar nicht. Wir waren mehr auf Wein- und Bauernfesten unterwegs denn in noblen Münchner Clubs. Die Pampa rund um uns herum hatte es so an sich, hier und da mal ein großes Bierzelt aufzustellen und dort nebst traditioneller Heimatmusik auch mal die Musik, die in den letzten zehn Jahren hip war, zu spielen. Wir genossens und tranken Malibu Kirsch und Wodka-O dazu.

Bevor ich jetzt noch von durch besagte wenig kultivierte Gegenden getragenen Bierkästen anfange, komme ich wieder zur Sache. Auch wenn wir heute eine Maracuja-Saftschorle den dürftig gemixten hoch alkoholischen Getränken von damals vorziehen: Die Freunde von daheim sind doch die allerbesten.

Montag, 15. Dezember 2014

Die verstoßene Strumpfhose

Ich habe da so eine Strumpfhose. Sie ist alt, ihre früher strahlend "lilane" Farbe ist längst irgendwo in den Abgründen der Waschmaschine verschwunden. Früher war sie mal dick und flauschig, jetzt ist sie dünn und leicht. Früher ein beliebter Begleiter zu festlichen Anlässen (sie ist eine ganz feine Dame, aus Kaschmir und von Falke), verbringt sie nun ihren Lebensabend auf eine ganz andere Weise: Sie ist meine Lieblings-Über-die-Radlhosen-zieh-Hose. Denn jetzt wo es draußen zwischen 0 und 3 Grad hat, hat sie genau die perfekte Konsistenz, um meine Waden zu wärmen.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Tja, also die Sache ist die: Die Strumpfhose hat noch ein anderes Manko. Sie hat ein Loch. Mitten am Hintern. Bevor jetzt wilde Spekulationen starten, werfe ich es gleich vorweg: An dem Loch war früher ein Etikett. Ich hasse Etiketten, so fühlte ich mich bemüht, es restlos zu entfernen, was leider nicht ohne Folgen blieb für das arme lila Geschöpf. Und jetzt ist da eben ein Loch, wo einmal das Etikett war. Früher hat man das Loch nicht gesehen, da ich die Strumpfhose schließlich UNTER Rock und kurzer Hose trug. Nun kommt sie über die Radlhose – und das Loch entblößt nicht etwa nackten Hintern sondern schlichtweg ein schwarzes Stück Polyamid-Elasthan-Gemisch.

Die Menschen um mich rum zeigen sich dennoch pikiert. Als mich neulich eine ältere Dame im Pelzmantel darauf ansprach, ich hätte da ein Loch, und ich ihr daraufhin strahlend berichtete: "Ja, ich weiß, das zieh ich immer über meine Radlhose an", war ihre Reaktion nicht "Ah, natürlich, wie konnte ich das übersehen!" sondern ein Paar überaus skeptisch hochgezogene Brauen. Ich hielt sie für dämlich und eitel und versuchte anschließend meinen Ärger über sie hinfort zu strampeln. Auf einmal hatte ich das Gefühl, ein Straßenpenner oder ein Drogenjunkie zu sein. Vielleicht beides.

Dann war eine Weile Ruhe. Ich strampelte in alle Herren Richtungen, genoss die Sonne, den Wind und den Bergblick und dachte an nichts Böses. Dann kaufte ich im Supermarkt meines Vertrauens ein und wie ich an der Kassa stand, erhob sich meine Lieblingsverkäuferin auf einmal von ihrem Stuhl. Sie kam auf mich zu. Ich war verwirrt. Da nahm sie mich beim Arm und flüsterte mir ganz ganz leise ins Ohr: "Du, du hast da ein Loch! Am Popo!" Plötzlich fühlte ich mich erneut vom Pein geplagt. Meine Erwiderung "Ja ich weiß, die trage ich immer über meiner Radlhosen" klang schon deutlich schwächer.

Zuhause sah ich mich im Spiegel von hinten an. Ja, ein kleines Loch am Popo, stimmt schon. Aber doch über der Radlhosen. Mein Hintern ist ja wohl kaum schwarz. Jetzt frage ich mich: Soll ich so eine schöne Strumpfhose wegwerfen, die genau jetzt die perfekte Konsistenz erreicht hat, um mir noch viele Monate, vielleicht sogar Jahre, einen treuen Dienst zu erweisen? Ich will sie nicht auf Business-Meetings und Hochzeiten tragen. Es geht doch nur um meine geliebten Stunden alleine, nur mit mir und meinem Radl-Ross. Und gelegentliche Abstecher in den Supermarkt.

Fast schon treibt mich das Sujet zu einer viel übergeordneteren Frage: Muss man sich dann anpassen, wenn alle sagen, dass etwas nicht richtig ist? Oder kann man so weiter machen, wenn man ganz genau weiß, dass man bestimmt niemandem weh tut und sich alles ganz locker flockig anfühlt?

Neulich hatte ich dann eine schwarze Leggins über der Radlhosen an. Ohne Loch versteht sich. Die lila Strumpfhose blickte mich traurig an und fragte: "Wirklich? Wegen denen?" Und ich kann ihr gerade keine Antwort geben. Ich muss darüber nachdenken.

Sonntag, 7. Dezember 2014

Alle Jahre wieder...

Hurra, die Weihnachtszeit ist wieder da. Mit ihr ziehen leuchtende Sterne, Rentiere und Nikoläuse in jeden einzelnen Winkel Salzburgs. Selbst Industriegebiete erwärmen sich neuerdings für Lichterketten hier und da – klar, auch Ingenieure und Bauarbeiter haben schließlich ihre Bedürfnisse. Der Christkindlmarkt hat wie jedes Jahr vorsorglich schon gefühlt Anfang Oktober, tatsächlich Mitte November Einzug gehalten, damit schon viele Wochen vor dem eigentlichen Fest ordentlich Glühwein gebechert und entsprechend Geld auf den Kopf gehauen werden kann. Hachja, alle Jahre wieder.

Mit der herrlichen Weihnachtszeit kommen auch die vielen lieben Touristen in unsere schöne Stadt. Höchstwahrscheinlich sind es zu dieser Zeit mehr als zur berühmten Festspielzeit – denn während Mozart und Jedermann ein eher erlauchtes Publikum ansprechen, erfreut sich Weihnachten in unseren Breitengraden doch einer recht allgemeinen Beliebtheit. Kinder, die noch zu klein zum Selber-Entscheiden sind und eher unwillige Gatten werden da bei Widerworten ganz einfach mitgeschleift.

Da sind sie nun, die Heerscharen an Touristen. Die, die schon mal mit dem Auto da waren, begehen den Fehler selten ein zweites Mal. Stattdessen reisen sie mit der Bahn an. Doch seltsam: Man fällt tatsächlich nicht vom Bahnhof direkt in den Christkindlmarkt hinein – man muss sich entweder im verqueren Busnetz zurechtfinden oder den Weg zu Fuß finden. Beides eine komplizierte Angelegenheit, wie es scheint. Nicht selten picke ich arme Gestrandete irgendwo in Schallmoos oder Itzling auf – meilenweit weg vom Ziel.

Wenn sie sich dann auf dem richtigen Weg befinden, müssen sie sich oft furchtbar ärgern über die Salzburger Einheimischen. Dass das mitnichten freundliche Menschen sind, sondern vor sich hin grummelnde und nicht gerne Auskunft gebende Grantler, das mussten schon viele arme Touristen feststellen. Besonders jene, die sich auf einem Fahrrad fortbewegen, gelten als mit Vorsicht zu genießen. Sie bleiben nie stehen, sie steigen erst recht nicht ab und wenn es sein muss, fahren sie einen schon mal über den Haufen. Natürlich nicht ohne mit wutverzerrtem Gesicht düstere unverständliche Schwüre von sich zu geben.

Ok, ich geb's zu: Ich bin der Radlfahrer. Über den Haufen gefahren habe ich aber noch niemanden. Nur werde ich an Weihnachten, wenn die Brücken, Straßen, Gassen und eigentlich alles was sich im vagen Umkreis der Innenstadt befindet mit Touristen vollgestopft sind (erkennbar an den Fotokameras, asiatischen Gesichtern oder hochdeutschen Sprache), ganz besonders oft ermahnt und in meine Schranken gewiesen. Beispielsweise wenn ich mich erdreiste, auf dem Fahrradweg zu fahren und zu klingeln, wenn jedes einzelne Familienmitglied bei seinem Marsch geschätzte drei Quadratmeter für sich beansprucht und damit den eigentlich sehr breitangelegten Weg komplett versperrt.

Es gibt aber auch sehr nette Touristen. Sehr gerne zeige ich anderen Besuchern, kennengelernt über die Plattform "Couchsurfing.org" meine Wahlheimat und führe sie zu den Plätzchen, die mir persönlich am besten gefallen. Aber manchmal wäre andersrum ein bisschen Rücksicht auf und Nachsicht für die Einheimischen wirklich schön. Zum Beispiel wenn man es im Gegensatz zur bummelnden Besucherschaft gerade sehr eilig hat. Dankeschön.

Samstag, 29. November 2014

Arme Generation Y?

Also, ich muss jetzt mal ein Wort für meine Leute einlegen. Meine Leute, das ist die mittlerweile verschrien-bekannte Generation Y. Per Definition all jene Menschen, die zwischen den 70ern und bis in den Anfang der 90er Jahre hinein geboren sind. Mit meinem Geburtsdatum darf ich mich zu dieser ominösen Gruppe zählen.

In einem jüngst publizierten Artikel in der Welt doziert ein Hobbyphilosoph anhand vieler hübscher Bilder, weshalb ich und meine gesamte Generation "so unglücklich sind". Gut, dass sich da mal einer äußert. Bis dato war mir nämlich gar nicht bewusst, dass wir so unglücklich seien, geschweige denn warum. Der Autor kam jedenfalls zum Schluss, dass wir uns eine bunte ekstatisch florierende Blumenwiese wünschen, jedoch entgegen unserer Eltern nicht bereit sind, für diese zu arbeiten und sie uns selbst zu verdienen. Stattdessen solle uns bitte alles ins offene Maul fliegen.

Hinsichtlich der Frage, woraus diese bunten Blumenwiese für jeden Einzelnen von uns besteht, ist der Autor überzeugt: Eine himmelhochjauchzende Karriere inklusive Glanz und Gloria. Ich stelle nun eine gewagte Hypothese auf: Das ist Bullshit. Mit einem mag der Autor vielleicht Recht haben: Viele von uns wollen kein langweiliges Mittelmaß, sondern etwas erleben. Spannung, Spaß und vielleicht noch Schokolade.

Dank der zumindest in unseren Breitengraden verwöhnten Kriegs-befreiten Wohlstandsgesellschaft, in die wir hineingeboren wurden, müssen wir nur noch aufgrund selbsterlegter No-Carb-Kasteiungen um unser täglich Brot bangen und können uns auf tiefere Lebenssinne und, ja, höhere Wünsche einlassen. Als Regenbogen-speihende Einhörner stellen die anrührenden Grafiken im Artikel diese Wünsche dar. Aber wer sagt denn a) dass das eine beispiellose Karriere sein muss, die mich berühmter als Angela Merkel und Miley Cyrus zusammen macht, und b) dass ich mein kotzendes Einhorn nicht schon gefunden habe?

Ich schaue mich um und muss sagen: Eine verzweifelt, blind nach unrealistischen Hoffnungen strebende Generation sieht für mich anders aus. Da ist die eine Bekannte, die von Timbuktu, nach Thailand, nach Australien und wieder zurück reist und dabei das tut, wovon sie schon als kleines Mädchen träumte: Die Welt erkunden. Das Geld dafür verdient sie sich hart beim Kellnern. Das ist es ihr wert. Wann immer ich sie treffe, wirkt sie sehr ausgeglichen und glücklich.

Ich sehe eine alte Schulfreundin, die Lehrerin wird und derzeit ihr Referendariat absolviert – auch sie ist happy, sie sagt, sie hat eindeutig den richtigen Beruf gewählt. Immer mehr kriegen auch langsam Kinder. Die scheinen ziemlich müde aber auch ziemlich erfüllt zu machen. Überhaupt kenne ich mehr Gleichaltrige mit abgeschlossenen Ausbildungen und glücklich stimmenden Jobs und/oder Familien, als jene Sinnsuchende und faule Kollegschaft, von der der Autor berichtet.

Vielleicht meint der Autor, dass wir uns alle selbst belügen und in Wahrheit ganz was anderes wollen. Nun, dann und wann liebäugelt man sicher mal mit einer anderen Realität, einem Abenteuer. Ich frage nur: Wer tut das bitte nicht? Wer weiß denn, ob sich nicht auch vorangegangene Generationen ganz tief drinnen ab und an nach mehr gesehnt haben, als das, was sie ihr Tagwerk nannten?

Aber wir wollen ja nicht so sein. Man darf Hobbyphilosophen schließlich nicht ihr Lieblingsspielzeug wegnehmen: Über unsere arme Generation Y zu sinnieren.