Dienstag, 6. August 2013

Vertrauen

Da sitzt sie nun und stiert ins Wasser. Manchmal ist das Leben stumm. Sie ist weit gelaufen, hat die Musik sehr laut geschaltet, wollte sich müde machen. Die Kilometer hatten sich aneinander gereiht wie Perlen an eine Kette. Und schön wie eine Perlenkette konnte sie sich nur fühlen, wenn sie spürte, wie ihre Oberschenkel arbeiteten. Wie ihre Muskeln sich kontrahierten, um der großen Anspannung in ihrer Lunge Platz zu machen. Statt Tränen war es der Schweiß, der kullerte und irgendwann war selbst diese Kette beendet und verlangte nach Ihrem Öse, um einen Abschluss zu finden. Nun sitzt sie da und wüsste gerne, ob dies ein Moment war, bei dem andere weinen würden.

Ich würde gern schwimmen, denkt sie sich. Ich würde gern tauchen und dann wieder leben und spüren. Stattdessen ist da ein namenloses Nichts, das sie lähmt und benommen benebelt, dennoch leicht schockiert einfach nur geduckt dasitzen lässt. Ein bisschen fühlt sie sich, als wäre sie körperlich behindert, weil sie verkrampft da sitzt, wie ein Frosch vielleicht.

Was war da nur passiert. Sie konnte es selbst nicht wirklich sehen. In ihrem Kopf nur verworrene Gedanken, schlimme Erinnerung und doch über allen mehr als Hoffnung eher eineGrundeinsicht, dass alles gut werden würde. Aber in diesem Augenblick gibt es nichts, das sich mit dieser Grundeinsicht paaren würde.

Atme ein, atme aus. Das Wasser fließt seines Weges in dem Fluss. Das Leben tut es auch.

Sie schließt die Augen und in ihrer Vorstellung beginnt sie zu lächeln. Ein zögerliches und nur in ihrem Kopf. Doch der Gedanke macht sich breit, seit das Wasser in seiner Weise den Gang der Dinge demonstrierte. Und sie spürt, dass es wahr ist. Das Wasser murmelt es, die Blätter im Winde, wie sie rascheln, raunen es und selbst das tösende Geräusch der Autos auf der nahegelegenen Straße artikulieren es lautstark.

Das Zauberwort heißt: Vertrauen.

Freitag, 19. Juli 2013

Erinnerungen an eine Insel

Wann immer ich die Augen schloss, konnte ich das blaue Wasser spüren, wie es sich um meine Arme schmiegte. Das Gefühl, wenn man nur mit dem Nötigsten bekleidet und ganz ohne modernen Schnickschnack wie Schminke oder Armbändern durch den Tag geht auf nackten Fußsohlen. Wenn die Haut braun und das Gesicht abends ganz rot wird, weil man auch die Sonnencreme glatt vergessen hat. Auf dem Körper sind Hautfetzen, Schrammen, am Fuß ist die Hornhaut schon dicker. Die Lässigkeit lässt ihre Spuren, doch du nimmst es in Kauf, weil du dich nie im Leben so frei gefühlt hast. Ein bisschen ist es wie das Leben eines Wilden, hier am Meer und umgeben von Landschaft, die so riecht, wie du dir vorstellst, dass der Amazonas riechen könnte. Es knackt, fremde Vögel schreien eigentümliche Lieder, eine Kröte mit dem Resonanzkörper eines ausgewachsenen Ochsen röhrt, selbst die Luft scheint hier zu wispern.



Du kämpfst dich so durchs Gestrüpp, kletterst über Felse und schlenderst von Menschen notdürftig errichtete Holzpfade über die Küste entlang. Schaust den Menschen bei ihrer Arbeit zu. Wie die eine Dame, die wie 80 aussieht, aber vermutlich schon weit über hundert Lebensjahre zählt, sorgsam Kleider für den örtlichen Basar zusammenschneidet. Wie andere gemeinsam in einem größeren Menschengesammel ihren Müll verbrennen und es plötzlich so eigentümlich schlecht und auf fremde geheimnisvolle Art gut riecht. Wie Obst und Gemüse auf den Märkten angepriesen werden und Fleisch und Undefinierbares auf offener Straße gegrillt und direkt von der Hand in den Mund gegessen werden. Es duftet himmlisch, es stinkt bestialisch, es ist ein Mix, der süchtig macht.

Am liebsten siehst du den Fischern zu, wie sie auf ihren Kajaks aus dunklem Holz gen Horizont lossegeln, um für ihr täglich Fisch zu sorgen. Natürlich gibt es auch die Motorboote, die frech ihre Bahnen entlang der Strandung ziehen, die lärmen und ein bisschen so riechen, wie der Müll, der verbrennt. Aber hier ist alles viel zu träge, um sich an etwaigen Widersprüchen aufzureiben. Der 7Eleven existiert hier neben dem für diese Insel typischen Krimskrams-Wirhabenalles-Laden, ohne dass sie sich zanken müssten. Miete zahlen sie vermutlich beide nicht. Überhaupt, was du hier kaufen kannst, kennst du zu 95 Prozent noch nicht. Das Sortiment im Laden ist so fremd wie der Geruchscocktail in der Luft und die Gedanken des Menschens dir gegenüber, wie er dich anlächelt.

Es ist ein Inselleben hier, man hat es nie weit. Am Anfang gingst du noch alles zu Fuß, schließlich machte aber die Hitze den Roller, DEM Vehikel hier, nicht nur den Einwohnern sondern auch dir selbst sympatisch. Das Brummen und Wackeln und Scheppern ist ohnehin ein eigenes Highlight, fasziniert dich wie als Kind der Looping in der Achterbahn. Allein schon mit dem Tragen des Helms umgeben von wilder Dschungellandschaft und fremdartigen Holzbauten lässt dich so fühlen, als wärst du Teil irgendeines ziemlich coolen Sondereinsatzkommandos. Und dann, wrummwrumm, geht es los und du hältst dich fest und die Trillerpfeifen der Abenteuerlust stimmen ein Jubelkonzert im Magenbereich an.

Und dann dieses Essen. Ebenso einfach, wie du hier deine kurze Baumwohlhose und weit schlabberndes Batikoberteil auf nackter Haut trägst, setzt du dich hier an Tische aus Plastik oder Holz, ohne Formalitäten achten zu müssen. Sie sitzen hier und essen und reden und lachen und essen. Du setzt dich dazu, verstehst kein Wort, aber fühlst dich auch nicht alleine. Und du empfindest jeden Bissen als den größten Gaumengenuss, den du je kosten hast dürfen, wie das entscheidende Stück, das dich vor dem sicheren Hungertod rettet und nun Teil deiner Seele wird.

Sind es vielleicht doch nur die preisgünstigen Massagen und die feine Küche, die dieses Ort zu so einem Nirvana der Seligwerdung machen? Mitnichten, denn schon als du deinen ersten Thai getroffen hast, wurdest du neugierig auf ihr Leben. Wie sie dachten, was sie fühlten, warum sie die Dinge taten, die sie taten, überhaupt, wer sie sind.
Und dann ist es die Essenz der Insel selber, die dich auch ohne jede Annehmlichkeit in ihren Bann zieht und dich ganz stumm und aufmerksam werden lässt für das, was dich umgibt. Wie geht das, fragst du dich, dass man schon nach ein paar Tagen alles in eine Kiste packt, was man nicht mehr braucht, und auf dem Meeresgrund des türkisblauen Wassers blubbernd versinken lässt?

Es ist wohl die Freiheit. Du bist nun da, du hast nicht viel, du brauchst nicht viel, du gehst nicht mehr. Es ist warm und du kannst tagelang nur so sitzen und den Wind um die Nase spüren und deine Träume träge mit der Hand aus der Luft haschen, weil sie nun gar so nah an eben dieser Nase vorbeiziehen. Du kannst sie lesen, kannst nun schlafen und träumen.

Und den Fischern zusehen, wie sie gen Horizont steuern, mit ihren Kajaks.

Mittwoch, 10. Juli 2013

Ja, was will sie denn

"Hast du Probleme, das ist kein Drama. Das ist das Leben. Das ist das Programm(a, im Spanischen schöner gereimt)." So ist wohl das zu übersetzen, was ein Kerl mit dunkler aber irgendwie seltsam verständnisvoller Stimme auf spanisch in meine Ohrstöpsel haucht, wenn ich morgens meine Runden über die Ebersberger Hügel drehe. Ich fühle mich diesem Herren aufs Innerste verbunden, obgleich ich weder seinen Namen kenne, noch weiß, ob er sich diese Zeile überhaupt selbst ausgedacht hat. Aber es ausgesprochen zu hören war und ist für mich eine wahre Erleichterung.

Im Leben kommt es manchmal dicke und manchmal eigentlich nicht aber irgendwie doch. Eine seltsame Formulierung für etwas, das ich leider auf Anhieb nicht besser beschreiben kann. Was heute noch gut und glücklich, voller Tatendrang ist, kann morgen plötzlich stumm werden. Kann einen anschauen, mit unsicherem Blick und einem verlegenem Kopfkratzen. "Ja weiß ich jetzt auch nicht, was will sie denn..."
Wer von düsteren Momenten in seinem Leben spricht, weil die Oma gestorben ist oder das eigene Alkoholproblem endlich als solches samt drastischer Erkenntnisse eingesehen wurde, den versteht man. Man nickt, schaut verständnisvoll, ist es womöglich auch, sollte man bereits ähnliche Erfahrungen gesammelt haben.

Aber was ist, wenn da gar nichts ist? Eine ganze Weile baute man an einem Häuschen, Ziegel für Ziegel, dachte bereits in liebevoller Vorfreude an den zu bepflanzenden Vorgarten und freute sich seiner Dinge. Ein Ziegel hier, ein Ziegel da und die Sonne scheint auch. Doch waren es anfangs beeindruckende Fortschritte, wie aus einem Fundament bereits erste Häuserkonturen entstunden und schließlich sogar ein Dach darauf gesetzt werden konnte, ließ die Euphorie nach, als sich so etwas wie Alltag einkehrte. Es gab nicht jeden Tag einen neuen Ziegel zu platzieren und für den Garten blieb leider derweil keine Zeit.


Es ist die Krux eines jeden Menschen mit zu vielen Sehnsüchten, nehme ich an. Von Erzählungen weiß ich, dass ich mit meinem Häuschen-Problem wohl nicht die einzige bin. Wo ich viele der erzählenden Menschen dabei kennen gelernt habe, ist vermutlich auch kein Zufall: Auf Reisen, wie wir zusammen am Tisch in der gemeinsamen Küche von Hostels saßen oder aber auf der Rückbank eines Four-Wheel-Drives unterwegs durchs Irgendwo im Nirgendwo. Schön kann es fast überall sein. Aber am schönsten ist es eigentlich immer da, wo man gerade nicht ist.

Andere haben Angst davor oder verspüren zumindest deutliche Unlust, älter zu werden. Ich bin mir da nicht so sicher. Vielleicht hören dann irgendwann ja die nagenden Fragen auf. "Wohin willst du, wohin willst du", wird die eine Stimme nicht müde, mit zunehmender Dringlichkeit immer lauter um Gehör zu buhlen, während die andere mich mit Nachdruck erinnert, fast schon warnt: "Nicht stehen bleiben, Mädchen!" Und alle versammelten Kleingeister und Philosophen, die sich selbsternanntermaßen meine Beraterlein nennen, rufen sie im Kanon: "Da gibt es noch mehr!"

Und so kann es kommen, dass auf einmal jede Menge los ist, Gefühlschaos, Leere, Unsicherheit, Angst. Vielleicht sogar Trauer. Nicht, OBWOHL nichts ist, sondern WEIL nichts ist. Weil man das Gefühl hat, nun doch eher so stark gegen den Strom auf dem Tretboot zu rackern, dass man keinen Millimeter vorwärts kommt. Weil man andere vorbeiziehen sieht, die sich mit so vielen Dingen leichter zu tun scheinen. Weil man glaubt seine Ziele zu kennen, doch sich dann kurz vor der Zielgeraden plötzlich nicht mehr sicher ist. Weil man hier und da und leider oft auch an wichtigen Stellen aufs falsche Pferd gesetzt hat.

Das ist also das Programma. Nun gut, wenn das so ist, werde ich damit leben, so wie alle Menschen auch. Denn das bedeutet die Botschaft des oben erwähnten Zitats für mich: "Ja mei, passiert, jetzt stehst wieder auf und fängst was Neues an." Ein anderer Spruch, "Das Leben ist kein Ponyhof", den finde ich denkbar blöd. Mein Ziel: Das Leben zum Ponyhof machen. Auch das nicht ohne Verantwortung, schließlich will sich auch ein Pony versorgt wissen, von einem Hof ganz zu schweigen. Aber mit einem friedlich-fröhlichem Gefühl und der stillschweigend in sich hinein grinsenden Überzeugung, das richtige zu tun.

Geht das? Wir werden sehen.

Dienstag, 21. Mai 2013

Shared euch doch um euren eigenen Kram

"Shared euch doch um euren eigenen Kram." Ein Wortspiel, das meiner Mutter spontan über die Lippen kam. Erneut wurde sie auf einer Seite höflich darum angehalten, ob Sie denn nicht ihren Freunden mitteilen wolle, was sie da so eben durchgelesen habe. "Sharen", das Wort ist mittlerweile mindestens so bekannt wie "Liken" und hat seinen Ursprung in einer Mentalität, die es vielleicht schon immer irgendwie gab, aber nun zu einer Art Volksepidemie zu werden droht. Die Facebook-Mentalität.

Zunächst einmal entschuldige ich mich für die harte Wortwahl, denn Epidemien können selbstverständlich schlimmere Opfer verursachen als die von Facebook. Während bei einer Krankheit Menschen gar ihr Leben verlieren, verlieren sie auf und durch Facebook nur möglicherweise ihren Verstand. Dass ich selbst bereits infiziert bin, wurde mir klar, als ich die Widerworte in mir aufsteigen fühlte. Ist doch toll, dieses Teilen! Wir alle, eine Gemeinschaft, halten zusammen, gegen den Rest der Welt! (Der, der Facebook nicht nutzt...?) Ist doch eigentlich auch eine tolle Sache. Man sieht, hört, schmeckt, riecht, schnieft etwas (im medialen Sinne wohl primär die ersten drei, zumindest solange das GeruchsTV noch nicht eingeführt wurde) und kann daraufhin begeistert die ganze Welt an den so eben erlebten Wundern Teil haben lassen.


"Erlebnisse sind viel schöner, wenn man sie teilen kann" ist ja auch so ein Hauptargument, warum man nicht alleine reisen sollte/will. Allein hier ist schon eine Krux begraben, finde ich. Das ist so ähnlich wie all diejenigen, die verzweifelt alles mit der Digicam versuchen aufzufangen, was sie gerade sehen. Sie führen ein Leben hinter der Linse und sehen die Welt nur noch in einem viereckigen Rahmen. Die Frage, die sich stellt: Warum braucht es das eigentlich, dass da jetzt ein Foto sein muss, das Geschehenes genau dokumentiert und anschließend dem ganzen Rest der Welt präsentiert werden kann? In Zeiten als dann noch in gemütlicher Atmosphäre Bilder durchgereicht wurden und in der sich die Menschen noch die Mühe gemacht haben, in liebevoller Detailarbeit Fotoalben zu gestalten, erscheint es mir doch noch sehr verständlich. Klar, man will doch seinen Liebsten zeigen, was man da gesehen hat und wo man überall war. Faktum ist allerdings: Ein Freundeskreis von über 300 Menschen ist alles andere als eine Seltenheit auf Facebook. Und das sind dann alles liebe Bekannte, bei denen man möchte, dass sie die Welt ein wenig aus den eigenen Augen sehen können, die man so gern hat, dass man sie auf eine Reise mit zu Orten und Gedanken des eigenen Hirns mitnehmen möchte? Wohl kaum.

Fotos shared man auf Facebook ebenso wie Lieder, die man toll findet, Artikel, die man nicht toll findet, einfach alles, was den persönlichen Dunstkreist so berührt. Angeregt wird man ja, wie von meiner Mutter angemerkt, zu Genüge. Kaum mehr ein Produkt, auf dem nicht dazu angeregt wird, es doch bitte auf Facebook zu liken. Sucht man bei Google nach Bildern zum Thema "Mittelungsbedürfnis" kommt in tausendfacher Ausführung das allbekannte Fäustchen mit dem gestreckten Daumen. Das Ganze könnte suggerieren: "Es ist so wichtig, was ich da eben tue, das müssen meine Mitmenschen erfahren!" Als solches dient es vielleicht vielen zur Selbstbestätigung und zur Steigerung oder Aufrechterhaltung des Selbstwertgefühls. Aber: Ist das die geeignete Methode? Fast schon heischend wirkt da manch einer, mich selbst möchte ich da auf keinen Fall ausschließen. Um Aufmerksamkeit flehend. Spätestens wenn man quasi auf das Like wartet, das den eigenen Like liket, wird es absurd. Aber so ticken Menschen: Sie finden einmal eine Quell der vermeintlichen Integration und Anerkennung und wollen mehr davon. Wie weit ist es dann aber her mit dem vermeintlichen Selbstwert, wenn man so darum buhlen muss, angehört zu werden? Hat etwas denn keine Gültigkeit, wenn es nicht auch der Rest der Welt oder zumindest so viele wie möglich mitbekommen haben?

Ich will nicht ausschließen, dass auch manch ein sinnvoller Diskurs durch das Teilen von Informationen stattfinden kann. Ebenso wenig wie ich grundsätzlich jede Form des Sich-nach-außen-Mitteilens verteufeln würde (was als Blogautorin auch irgendwie ziemlich lächerlich wäre).

Auch meine Mutter hat sicher nichts dagegen, sich nach außen zu kommunizieren und verfügt über ein gesundes Interesse für ihre Mitmenschen. Aber sie hört Musik, liest Artikel und betrachtet und macht Bilder wohl überwiegend aus einem einfachen und sehr schönen Grund: Weil sie es mag. Weil es ihr persönlich gefällt. Vielleicht weil sie dadurch abschalten kann, sich ein wenig darin wiederfindet und letztlich eben genauso entspannen kann. Selbstfindung, heute verzweifelt in komplizierten Yogaverrenkungen gesucht, geht vielleicht viel einfacher als wir alle denken. Nicht so viel sharen. Nicht so viel liken.


Einfach machen. Und genießen.

Dienstag, 7. Mai 2013

Was sich liebt, das lobt sich?

Erst war ich stark irritiert. Dann peinlich berührt. Und schließlich kam da noch ein anderes Gefühl hinzu, das man als kühl und rational denkender Mitteleuropäer nur selten und sogar ziemlich ungern zulässt: Fast schon kindliche Freude, so pappsüß wie die zahnmordenden Lollipops und Doppelschokokekse dieser Welt. Heute traf ich einen Amerikaner.

Hin und wieder führe ich statt Hunde Menschen aus und zeige ihnen Salzburg. Die Opfer sind freiwillig und haben sich ihr Los auf Couchsurfing selbst gewählt. Einmal mit mir getroffen gibt es kein Pardon, ich habe noch jeden über die beiden Hausberge sowie die komplette Innen- und Außenstadt gejagt. Ernst beiseite: Den meisten hat das gut gefallen. Allerdings bin ich nicht sicher, ob sie sich getraut hätten, etwas Gegenteiliges zu behaupten ;-)


So kam es, dass ich heute einem 27-jährigen blonden und blauäugigen Amerikaner die schöne Mozartstadt aus allen erdenklichen Perspektiven zeigte (von oben, von unten, von im Berg drinnen, sprich Tunnel). Neben seinem strahlend weißen Lächeln immer eins in Begleitung: Die lobenden Komplimente die von eben diesen Zahnpasta-Werbebeißerchen herabregneten. Ich sei hübsch. Und klug. Und ich könne besser Englisch als er! (Ja, er ist Muttersprachler. Nein, ich nicht.) Ja und überhaupt sei es schon ein Wunder, dass ich meine Residenz nicht längst neben Gwyneth Paltrow und Heidi Klum aufgeschlagen habe. Ok letzteres habe ich erfunden, aber das mit dem Englisch hat er echt gesagt!



So und bevor ich jetzt den Eindruck erwecke, ich hätte mich so einlullen lassen, dass ich nun wie ein Drogensüchtiger nach neuen Komplimenten hechle, muss ich zunächst einmal betonen: Komplimente zu hören ist echt komisch. Das macht man bei uns nicht, irgendwie. Oder doch, aber dann sehr pointiert. "Schöne Bluse!" oder "Siehst gut aus!" sind Worte, die einen Tag auch in unseren Breitengraden durchaus häufiger versüßen. Ich habe da so eine Theorie: Die geringere Anzahl und der niedrigere "Lobradius" (also nicht: "Du bist klug!" sondern "Toll, wie du mit Zahlen umgehen kannst!") hat seine Herkunft daher, dass wir einfach nur sagen was uns auffällt. Meist sogar noch mit eingebautem Filter ("Wirkt das jetzt schleimig, wenn ich das so sage? Nicht dass sie/er noch denkt..."). Quasi widerwillig gesteht man schließlich, was einem gefällt. So empfinde ich ein Kompliment als normal und ehrlich gemeint, ohne Hintergedanken und unnötige Euphemismen.


Ja und dann war da der Amerikaner. Und er war nicht der erste. Selbst ein guter Freund, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist und schließlich in später Kindheit mit seinen Eltern nach Amerika zog, entwickelte dieses typische amerikanische "Gen", wohl eher aber eine dort übliche Verhaltensweise: Die "Life's awesome" (nur echt in kaugummigesprochen)-Attitüde. Und nicht nur das Life ist awesome. Eigentlich ist so ziemlich alles awesome. Das Gegenüber. Das Drumherum. Die eben ausgeführte Tätigkeit sowie die davor und die danach. Dementsprechend wird es schon leichter, nachzuvollziehen, woher das kommt mit den vielen Komplimenten. Es gehört zu dieser Einstellung einfach dazu.

Schon in Australien fielen mir deutliche Unterschiede zwischen der Umgangsweise bei uns und dort auf. Das, was bei uns freundlich, bestimmt und geerdet wirkt (und irgendwie, wie ich finde, auch sehr beruhigend und erfrischend) ist dort schlichtweg eins: Unbeholfen und unfreundlich. An der Supermarktkassa ist man das "Darling" und "sorry" hört man sogar noch öfter als bei uns, egal zu welcher Gelegenheit. So balancieren sie sich gegenseitig wie rohe Eier, fast wie in einem Wettkampf: Wer ist der freundlichste?

Was ich dagegen habe? Gar nichts. Aber: Es ist echt irritierend, wenn man so im mitteleuropäischen Kontext (ich ordne das jetzt einfach mal Mitteleuropa zu ohne das genauer recherchiert zu haben oder gar zu wissen, ist nur so ein Verdacht) mit eher zurückhaltender Höflichkeit und sparsamen Komplimenten, in solch ein Schaumbad der lieb gemeinten Worte gerät. Ich persönlich reagierte eigentlich jedes Mal mit "Noooo!" und wild abwehrenden Bewegungen, absolut unfähig, mit den verbalen Geschenken umzugehen. Ein paar mal sagte ich auch mal was Nettes zu ihm und darauf lächelte er glücklich und sagte freundlich "Thanks".

Irgendwann sagte er dann aber was, was ich sogar für plausibel hielt und mich wirklich gefreut hat. Es war pointiert, der Zusammenhang war nachvollziehbar und es war etwas, das ich nicht oft höre. Besser, ich verrate hier nicht, was es war. Aber da kam dann statt dieser fast schon aggressiven Abwehrhaltung meinerseits ein komisches Gefühl hinzu: Blubberblasige Freude. Wer hat nun Recht, der bärbeißige aber ehrliche Komplimentgeizer oder der überschwängliche Worteschenker? Keine Ahnung.

Aber war wirklich nett, diesen amerikanischen jungen Herrn heute kennenzulernen. Er schenkte mir eine liebe Postkarte von seiner Heimatstadt und, mir fast noch lieber, die Inspiration zu diesem Artikel.
In diesem Sinne: Thanks!

Freitag, 3. Mai 2013

Die Inkognito-Leserin

Psst... Ich habe ein Geheimnis. Schon seit geraumer Zeit bediene ich mich eines Mediums, das offensichtlich nicht für mich bestimmt ist. Ich finde die Themen spannend, tauche hier mal in fremde Welten, dort in die niedlichen Weiten eines babyblaues Layouts mit Schafwölkchen ein... doch spätestens wenn sich die Redakteur/innen (vorzugsweise -innen) in ihren Texten und Artikeln über, ihrer Meinung nach, "allgemeine Themen" ergießen und sich an die vermeintlich gemeine Leserin wenden, wird es mir schlagartig klar: Die meinen nicht mich.

Die Rede ist von Frauenzeitschriften. Die klassische Zielgruppe scheint mit mir maximal das Alter und bestimmte ästhetische Ansprüche zu teilen. Ansonsten ist sie wie folgt: Berufstätige "Business"-Frau, und das nicht irgendwie, sondern in einem 9to5/6, manchmal 7, wenns blöd kommt 8-Job, hat maximal ein Kind, ist liiert und steht auf alles, auf dem der Begriff "Lifestyle" prangt. Sie ist bestens integriert in einen umfassenden Freundeskreis inklusive ihrer "Girls-Clique" (Achtung, Grundvoraussetzung!), mindestens einem schwulen besten Freund und natürlich einer allerallerbesten Busenfreundin. Zu ihren Eltern, insbesondere der Mutter, hat sie ein distanziertes bis zeitweise krisenhaftes Verhältnis, da sie zu oft anrufen. Sport ist für sie ein lästiges Mittel zum Abnehmen. Sollte es doch mal Spaß machen, wird sogleich ein himmelhochjauchzender Artikel geschrieben. In dem wird das neu entdeckte Anziehen der Laufschuhe dann mit einem derartigen Enthusiasmus verkündet, dass der Erfinder des Rades ganz blass wird. Das Power-Gefühl ebnet aber auch schon wieder ab, sollte es doch mal ziepen und am Ende sogar anstrengend sein. Die Themen der Zeitschriften sind durchaus bunt und vielfältig, aber wenn es um gewisse Bereiche geht, wird die vornehmliche Adressierung an die Leserin überdeutlich.


Allein das mit dem Job: Die Standard 20- bis 30-jährige Frau scheint ständig wichtige Präsentationen zu leiten, hat immer einen schwierigen Vorgesetzten, mit dem sie endlich über ihr zu niedriges Gehalt verhandeln sollte und eine Kollegschaft, bei der von der Lästerkuh bis zum Machoarsch und der netten Kollegin von nebenan jedes Klischee bedient wird. Sie sollte jeden Tag zu neuen Ideen anregen, wie beispielsweise mittags, statt zu Essen, ein fröhliches Mittagstänzchen zu zelebrieren, wie es nun ein Trend in Schweden zu sein scheint. Oder das nächste Meeting doch bitte nicht in den hauseigenen Räumen sondern auf einer hübschen Alm zu halten. All das mag Realität in einer schicken Marketingagentur mit neuzeitlicher Einstellung (und viel Geld) sein. Aber im Krankenhaus, in der Schule, auf der Post? Naja, wer arbeitet da schon.

Ich könnte mich jetzt noch seitenweise darüber ergießen, welche anscheinend selbstverständlichen Eigenschaften so eine 20- bis 30-jährige Frau offenbar mit sich bringen sollte, aber ich denke, es langt. Ich will nun nicht zu weit ausholen, mich von diesem Standard des weiblichen Leserinnen-Archetypus abzugrenzen. Nur soviel: Ich habe NICHT fünfhundert Freunde und meine Mutter ruft mich nicht zu oft an. Ich habe mehr männliche als weibliche Freunde, von denen zugegebenermaßen einer wirklich schwul ist. Eine beste Freundin habe ich nicht, dafür aber eine Handvoll Menschen, denen ich mein Leben anvertrauen würde. Und eine "Girls-Clique" habe ich in meinem Leben höchstens in schweren Teenager-Tagen vermisst.

Da man nicht nur von sich auf andere schließen sollte, habe ich mal nachgedacht. Tatsächlich fallen mir in meinem näheren Bekanntenkreis durchaus Beispiele ein, die Frauenzeitschriften vermutlich adressieren und als ihre Zielgruppe erkennen. Zwei. Der Rest? Hat hier ein extremes (eher den Männern zugeordnetes) Hobby, da einen Pflegerjob, bei dem sie jede erdenkliche Schicht und nicht "nur" von 9 bis 5 abarbeiten muss. Dort eine vehemente Abneigung gegen ernährungswissenschaftlich anerkannte Abnehmtipps und: Die Nägel lackieren sie sich auch nicht, nicht einmal mit diesen neuen hübschen Mustern, wie neulich in der Zeitschrift XY präsentiert.

Wer denkt, die würden dann entsprechende Zeitschriften auch gar nicht lesen, ist auf dem Holzweg. Andersrum müsste man ja annehmen, jeder, in dessen Händen man den Rücken des jeweiligen Mediums erkennen kann, entspräche dann wohl auch dem jeweiligen Leserinnenklischee. Wohl kaum.
Warum ich die Zeitschrift lese? Weil ich sie mag. Ich entspreche zwar nicht der Vorstellung der Redaktion von ihrem Publikum, aber viele Themen und die lustige und durchaus intelligente Schreibweise entsprechen meinem Geschmack. Das reicht mir.

Donnerstag, 28. März 2013

Lebst du noch oder bewirbst du dich schon?

Wenn es ein papierlichtes Ding gibt, das die heutige Zeit perfekt präsentiert, dann sind es wohl die Bewerbungen. Zum hundertsten-, tausendsten mal gleiten die Finger über die Tastatur, werden Bilder, Lebensläufe, Zeugnisse wie diverser veranschaulichender Kleinkram angefügt, wird über den richtigen Schleimgrad zwischen "zu uninteressiert" und "triefend" sinniert und möglichst pfiffige aber doch professionell klingende Adjektive in den Weiten des Kopf- und Internetwortschatzes gesucht. Willkommen im Paradies der unendlichen Möglichkeiten. Eine gelungene Bewerbung und du hast den Jackpot geknackt. So zumindest wirkt es, wenn man sich mal durch die Jobannoncen durchklickt.

Ich wage mal die Vermutung: Es gibt keinen Job, der nicht hin und wieder angenehm geeignet wäre, ihn gegen einen anderen Job einzutauschen. Weil einfach jede noch so tolle Tätigkeit ihre Schattenseiten hat, weil sogar die zunächst reizvollen Faktoren mit der Routine langsam abgeschliffen und irgendwann genauso rund und lauwarm wie alles andere werden können. Und dann wäre da noch das Gras, das bekanntlich immer auf der anderen Seite grüner ist. So kann man also bereits in einem schönen Hafen mit netten Menschen und ansprechenden Aufgaben angekommen sein, das Phänomen packt viele dennoch. Man sieht wahlweise das Boot, mit dem wir in Richtung See mit Abenteuer im Herzen starten und das Blut wieder in Wallung bringen könnten oder aber auch schon den Hafen der nächstgelegenen Insel, der tatsächlich noch viel prächtiger und spannender wirkt, so aus der Ferne. Manch einer hat vielleicht auch von einer noch viel entfernteren Insel gehört, von dessen Existenz er sich nun unbedingt auf eigene Faust überzeugen muss.

Genug der Metaphern, ich glaube, ich habe meinen Punkt erläutert. Im Hier und Jetzt ist alles schön und gut, "kann nicht klagen" trifft es. Doch wer wird denn da bitte stehen bleiben wollen? In der heutigen Zeit voll Digitalisierung, Globalisierung und noch viel mehr -ierung? Von Wandel, Wachstum und Welterkundung?
Auf auf, zu neuen Ufern. Es wird ja auch wirklich alles in Frage gestellt, MUSS in Frage gestellt werden, wenn man doch ständig per Facebook und das Internet generell die Vergleiche mit anderen vor die Nase gezerrt bekommt. Das eigene gefällt vielen nur so lange gut, wie die anderen nicht was Besseres haben. Und da sich wohl niemand wirklich bis in den letzten Eckzentimeter seines Bewusstseins und seiner Persönlichkeit kennt, bleibt immer zumindest eine Restunsicherheit: Ja, bin ich denn wirklich so? Und nicht eher so? Was nochmal war es, was ICH wollte?

Also schreibt man Bewerbungen. Ganz gleich, ob man bereits einen Job hat oder eigentlich schon andere Pläne hatte. Hier winkt ein Angebot, dort die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Sich selbst präsentieren, die eigenen selbstständig gemeisterten Schritte sorgsam aufzählen und weiter im Namen der höchstpersönlichen Ich-AG im Strudel von Millionen anderen Ich-AGs für den höchstpersönlichen Fortschritt kämpfen. Was soll man in so einem Strudel auch sonst tun?


Jetzt definiere mir nur einmal jemand Fortschritt.