Mittwoch, 20. März 2013

Das Leben und so

Vor kurzem hatte ich eine Begegnung der besonderen Art. Ich ging mehr aus Planlosigkeit hinein und ärgerte mich zunächst über einen gefühlt zu hohen Preis. Doch wir waren in munterer Gesellschaft, also nahm man es in Kauf. Bei der Begegnung handelte es sich um einen Kinobesuch und einen für mich in diesem sehr speziellen Moment sehr speziellen Film.

Es war einer, der knapp an Reality-Show vorbeischrammte und authentischer daherkam als manch ein reales Gespräch, das man im Laufe des Lebens so geführt hat. In "Nägel mit Köpfen" ging es um all das, was eben dieses Leben ausmacht. Die Existenz alleine, zu zweit, in einer Familie im gemütlichen Häuschen mit Garten ringsumher oder schicken Zweizimmerwohnung irgendwo mitten im Takt einer wummernden Großstadt.

Gemeinhin könnte man manchmal annehmen, solche Gedanken, Grübeleien und Zweifel kämen nur im eigenen Schaltkasterl vor, nicht aber in den Köpfen der anderen. Sicher, man liest hier einen philosophischen Artikel, schnappt dort ein inspirierendes Zitat auf und kennt all die Neuzeitliteratur, die nicht müde wird, sich mit dem Sinn des Lebens und der Kunst, glücklich zu werden, auseinanderzusetzen.

Doch wenn ich in den Vorlesesaal meiner Universität gehe und mich umsehe, sehe ich erstmal nur lauter Menschen, die viel zu eingebunden sind, als dass sie sich ihren Kopf zerbrächen. Ebenso beim Spaziergang an der Salzach: Alles Leute gut verteilt in Gruppen, die Alltagsbeschäftigungen mit eben dieser Selbstverständlichkeit nachgehen, die ihnen ja eigentlich auch gebührt. Eigentlich. Aber was ist eigentlich selbstverständlich? Etwas, das sich mit der Zeit aufgebaut hat vielleicht. Fehlen dann einfach noch ein paar Reihen Klötze, damit die Existenzgrundlage endlich soweit aufgebaut ist, dass ich gar nicht mehr grübeln muss? Irgendwoher muss das ja kommen, dass man im einen Moment einfach gerade aus geht und im nächsten ganz unklar darüber ist, ob man nicht zurück oder zumindest nun abbiegen sollte.

Ich gehe mal stark davon aus, dass der sehr subjektive und situationsbedingt selektive Eindruck von der Unbeschwertheit und "Unbedachtheit" (ohne die negative Auslegung  des Wortes damit zu meinen) sowohl der Menschen in der Uni als auch an der Salzach, wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat. Tatsächlich wird man auch mich lachend in einer Gruppe antreffen, aus den Augen von jemanden, der mich seinerseits für unbedacht und einfach dahin lebend hält.

Einfach dahin leben. Das tut vielleicht eh keiner. Und hier komme ich endlich auf den Film zurück. Es wurden viele Schicksale gezeigt, die einerseits so normal wie nur irgend möglich, andererseits zumindest auf jeden Fall glaubwürdig wirkten. Das schwule Pärchen, das sich hin und wieder fetzt, aber genau seines Glückes bewusst ist, bis es sich am Ende leider doch trennt. Das hetero Pärchen, bei dem die Frau will, der Mann aber nicht. Das andere hetero Pärchen bei dem beide wollen, und zwar ein Kind, es aber erst am Ende mit einer Adoption schaffen. Und ein weiteres hetero Pärchen bei dem eigentlich auch beide wollen, aber sie muss halt ständig auf Tournee gehen. Diese Schicksale haben in ihrer Darstellung ein wenig an eine Realityshow erinnert, was schon für sich sehr interessant war, für mich aber abgesehen vom Unterhaltungswert nicht der springende Punkt ist.

Der springende Punkt waren tatsächlich und ganz besonders die Dialoge. Und die Monologe, wenn einer über seine derzeitige Lebenssituation sinnierte. Wie da gezweifelt, gezögert, gestaunt, gestanden und geredet wurde, das war wie heilendes Balsam für meine von Fragen immer wieder geschundene Seele. Sie reden zu hören, wie sie ohne großes Drama das aussprachen, was im menschlichen Kopf so vor sich gehen kann. Wie sie humorvoll damit jonglierten und damit durchaus Inspiration gaben, doch auch den Blick aufs eigene Leben mal ein wenig zu lockern.

Es war ein kleines Kino, genauer gesagt "Das Kino" in Salzburg. Was die Besonderheit dieses Abends für mich auch ausmachte, war das lauschige Gefühl, das sich ergibt, wenn deutlich unter 40 Leuten in einem Kinoraum sitzen. Keiner tuschelt, keiner knackt geräuschvoll mit seinen Tortillachips und ein ganz besonderes Wir-Gefühl kehrt ein. Es wird gemeinsam gelacht und Sympathien werden allein schon über diese simple Form der Kommunikation des Miteinander-etwas-Teilens ausgetauscht.

Und so war der Film und das Erlebnis das ich mit ihm verbinde für mich eben jene besondere Begegnung. Eine Begegnung mit einem Verständnis, das sich nun immer mehr hilfreiche Wurzeln in die Wirrungen meines Denkens schlägt: Letztlich im ärgsten Zaudern und Wundern teilen wir uns genau das. Denn das ist Menschsein.


Dienstag, 12. März 2013

Kleiner Zauderer

Man weiß genau, das ist das Richtige. Kennt all die Gründe, aus denen heraus man sich so entschieden hat beinahe auswendig. Hat sogar noch ein gutes Gefühl im Bauch. Ja, so muss es sich anfühlen, wenn man kurz davor steht, sein Leben zu verändern. Im Prinzip zunächst einmal unabhängig davon, ob es sich um den Kauf eines teuren Kleidungsstückes oder gar (wie bei mir) einen Umzug handelt. Besagter Umzug findet allerdings nur in die dritte Parallelstraße meiner vorherigen Wohnung, also im immer noch gewohntem Terrain statt und wird dadurch in seiner Gewichtigkeit vielleicht geschmälert.

Aber Umzug ist Umzug. Letztens ertappte ich mich selbst beim Drücken der Toilettentürklinke dabei wie ich innerlich seufzte: "Oh du Klinke, oft werde ich dich nicht mehr drücken". Ich sehe besonders oft aus dem Fenster, weil ich versuche, mir zu merken, wie das war, aus diesem Fenster zu sehen. Ich liege auf meinem Bett und sauge das Gefühl in mich ein wie ein Schwamm, wie das ist, in dieser Wohnung in diesem Bett und mit dieser Rundumbeschallung durch die St.Andrä-Kirche zu liegen. Wer sich jetzt denkt: "Ja Mädl, was ziehstn dann auch um?", der missversteht mich. Vielleicht bin es gar ich, die sich selbst missversteht.

Denn ich gestehe es hier und jetzt und (naja hoffentlich nicht) für alle Zeiten: Ich habe Angst vor Neuem. Das Alte kann noch so alt/ unpassend/ blöd/ nicht zufriedenstellend sein, das sich ankündigende Neue, das, je näher es kommt, fast schon einem dröhnenden immer lauter werdenden Getöse gleichkommt, macht es zum attraktivsten jemals dagewesenen Zustand. Vergessen die rationalen Argumente, vorbei das (durchaus objektive, aber eben auch auf gesunde Weise irrationale) Bauchgefühl. Madame "Ich-weiß-wo's-langgeht" macht sich klein, zieht den Schwanz ein und geht in Deckung. Versteckt sich hinter dem Altem. Das wiederum wendet sich nun gegen einen. "Tja, da musst du jetzt durch!", höhnt es. Man muss an dieser Stelle ja auch verstehen, dass es sich hintergegangen, verletzt und bald verlassen fühlt. Da braucht man nicht viel Mitleid zu erwarten. Im Gegenteil, in solchen Momenten  versteht es das Alte, nochmal mit Nachdruck all seine Vorzüge zu präsentieren.

Aber: Ich kenne seine Tricks und seine Kniffe. Gerade zu müden Abendstunden kommt es mit ihnen daher und versucht mir Angst einzujagen. Dagegen hilft eigentlich nur eine Sache richtig gut: Schlafen. Und am nächsten Tag aufwachen.

Wenn draußen die Sonne aufgeht, ein neuer Tag beginnt, dann bin ich wieder voller Energie. Energie, um den Tag anzupacken und damit ein weiteres Minikapitel meines Lebens. Denn wäre eben jenes ein Buch, würde ich schließlich auch nicht immer wieder das selbe schreiben wollen. Es gilt, eine Geschichte zu schreiben.
Meine eigene. Das soll kein Aufruf dafür sein, künftig nur mehr verrückte und neue Sachen zu machen. In meinem Fall ist der Plan gut durchdacht und lang ersehnt.

Das fällt mir dann auch wieder ein und die Aufregung und Freude packt mich wieder: Da wartet noch viel. Bei etwas zu bleiben, nur weil man Angst vorm Neuen hat, scheint mir nicht richtig. Stattdessen glaube ich fest daran: Das beste was man machen kann:

Loslassen. Frei sein.

Freitag, 8. März 2013

Vom Suchen und Fischen

Wie ist das eigentlich, wenn man morgens aufwacht und gar nicht genau deuten kann, woher diese Unsicherheiten kommen, die durch die Blutbahnen herumzischen, die tausend Fragen, aber keine Antworten haben? Was hat es damit auf sich? Mit der Zeit hat man sich doch sein Leben sondiert, gefunden, geordnet, gepuzzlet, immer wieder neu durchdacht und letztlich eine tägliche Kollektion an Beschäftigungen für sich zusammengestellt. Und nun kommt da auf einmal ein großes leeres Achselzucken daher, das einem gleich noch eins auf den Deckel gibt. Wie jetzt, so? Nicht anders? Warum nicht anders?

Wäre das Leben ein Computerspiel wäre es wohl das schwierigste und komplizierteste der Welt, bei dem selbst Fachredakteure von einschlägigen Gamer-Zeitschriften sich die Zähne ausbeißen würden. Soviele Möglichkeiten wird es auch in hundert Jahren in einem Simulator nicht geben. Soviele Arten und Weisen, das Hier und Jetzt aufzunehmen, zu gestalten, zu verändern.

Verwirrt verwundert ging ich raus und da strahlte mich die Sonne an. Sie lachte. Die lacht eigentlich immer, die alte und immer kommt dann die selbe Frage: "Ja was? Was ist denn?" Die versteht es nicht, die scheint einfach.
Hm, vielleicht eine gute Idee? Sollte ich das als Inspiration werten?

Ganz so einfach ist es nicht, denn ich kann eine Weile in der Sonne gehen und mit ihr im Taumel frühlingshafter Glücksgefühle ein wenig "scheinen". Aber nicht den ganzen Tag und vor allem nicht (zumindest nicht ohne den Konsum diverser bewusstseinsverändernder Mittelchen) mit dem Gefühl, den heutigen Tag sinnvoll und toll genutzt zu haben. So einfach ist es halt nicht. Da gibt es ungefähr eine millionen innere Dränge, Sehnsuchte und äußere Notwendigkeiten, die nach Aufmerksamkeit buhlen. Aber welchen soll man nun folgen?

Wie wenn das Leben ein Computerspiel wäre? Es kommen so viele Faktoren hinzu, die es schwer machen, das alltägliche Leben objektiv zu sehen. Auf dem Weg kreuzen einen Gerüche, Begegnungen, Gefühle, Menschen, manchmal auch Wunder. So packend und absolut alles bisher Erlebte aufwühlend wie es eben nur im echten Leben geht. Aber es gibt Anhaltspunkte, das Leben zumindest einigermaßen in den Griff zu bekommen.

Was will ich?
Was tut mir gut?
Scheint im ersten Moment ein feiner Leitgedanke zu sein.

Doch die heutige Zeit macht es nicht leicht, die Frage erwächst sich nur immer wieder: Kann es nicht sein, dass das eigentlich was anderes wartet, das ich nicht machen kann, weil ich grad mit dem Falschen beschäftigt bin? Gibt es, wenn man so denken würde, dann im Prinzip nur falsches? Oder andersrum, nur richtiges?
Meine Gedankengänge kann an dieser Stelle wohl nur mehr jemand verstehen, dem sie selber einmal durch den Kopf gegangen sind. Wer angesichts solcher Verwirrtheit die Flinte des Nachvollziehens ins Korn wirft, für den hab ich größtes Verständnis. Das mach ich ja selbst fast jeden Tag (zumindest zu manchen Phasen).

Jetzt hab ich heut Morgen was über einen Fischer gelesen. An einer Küste auf einer französischen Insel, der kaum je am Festland war und wenn dann auch nur am direkt gegenüberliegenden. Er verbrachte sein Leben damit, Netze zu flicken und auszuwerfen, Fische zu fangen, vielleicht Holz zu hacken und mit seinen Liebsten zusammen zu leben. Er sah aus wie ein zufriedener alter Mann auf dem Foto. Wie man so liest, was er erzählt, kommt einem vieles in den Sinn, aber eins nicht: "Also der hat ja was verpasst". Vielmehr ist das einer, der weiß, aus welchem Holz er geschnitzt ist und wo sein Gewächs heimisch ist. Wo er heimisch ist, wo er hingehört.

Sollen wir jetzt alle Fischer werden? Hm, wohl eher nicht.
Aber vielleicht mal ein bisschen mehr im Hier und Jetzt, so wie der Fischer auf seinem Boot.
Geht nicht, mit all den Alternativen direkt vor der Nase?
Tja, da wären wir wohl bei der Herausforderung unseres Zeitalters. Sein Fischerboot finden, wo einem sämtliche megacoole Alternativen dezent den Buckel runter rutschen dürfen. Bleibt das Gedankenkarussell nach ein paar auslaufenden Runden schließlich stehen, ist man endlich bereit, einen lieben Gast zu empfangen: Die wohlige Zufriedenheit.

Sonntag, 17. Februar 2013

Neues Leben konstruieren

Ich bin ein wenig herumgereist in letzter Zeit. Zwar zeitlich nie so lange, wie auf Abenteurer-Rucksackreisen durch Australien, Neusee- und Thailand, aber dafür mindestens ebenso aufregend und alles verrückend. Ich wähle absichtlich das Wort "verrückt", weil ich das Wort in sich sehr passend für den Zustand finde, in dem ich mich derzeit wähne. Mit dem Zug war ich unterwegs nach Graz, nach München, nach Liechtenstein, also nicht unbedingt gigantische geographische Distanzen. Doch die mentalen Distanzen waren für mich umso größer. Denn wäre mein Kopf ein Zimmer, so war und bin ich dabei, ordentlich auszumisten, die Raumgestaltung noch einmal gründlich zu überdenken und - eben - sämtliche Möbel zu "verrücken". Ein kleiner mentaler Bauarbeiter, so fühlte ich mich. Dabei, mir mein Leben neu auf eine Plakatwand zu malen.

An einem besonders kalten Tag stieg ich aus dem Zug aus und begab mich in die nächtliche Finsternis von Graz. Mein Handy hatte ich vergessen, aber ich hatte eine Karte. Auf der war der Hauptbahnhof und eine von Google Maps (ja, ohne GPS aber bitte, das wird ja wohl noch erlaubt sein) entworfene Route zu meiner Unterkunft zu sehen. Ein bisschen sah das Ganze aus wie Salzburg, fand ich. Ein Fluß, ein Berg mit Schloss drauf, ja kann hinkommen. Wie ich sie vor mir hatte, wurde mir schlagartig klar, dass man sich eine Stadt wohl nicht nach einer schematischen Darstellung aus dem Internet imaginieren kann. Wie seltsam.

Ich fühlte mich beängstigt, verloren und dann wieder so froh wie sich wohl Columbus auf seiner Reise nach Amerika gefühlt haben muss. Mindestens. Ich machte mehr, als Reisepläne. Ich entwarf hier echte Lebenspläne. Denn in Graz war es nicht irgendein Haus mit irgendeinem Bett, in dem ich schlief. Es war eine potenzielle Wohnung, in der ich hätte wohnen können. Die wirklich lieben Menschen drinnen meine möglichen künftigen Mitbewohner. Es war ein Eintauchen in ein neues Leben. Denn von vorneherein stand die Aussicht offen vor mir: Du kannst hier bleiben. Genauso weiter ging es am nächsten Tag beim Vorstellungsgespräch in einem fröhlichen und freundlichen Büro. Auch hier: Du kannst hier arbeiten.
Was man nicht alles kann, dachte ich mir erst freudig-erregt. Doch wie die Euphorie abklang, war es mehr ein klägliches Stimmchen das seufze: "Tjaja, was man nicht alles kann...." Daraufhin dieser fiese Gnom, der immer genau dann das sagt, was ich nicht hören will, in dem Moment, wo ich es genau am wenigsten hören will: "Aber was willst du denn???!" Scht, nicht so laut! Ich denk ja schon nach.

Es ist ein Tauchen durch Möglichkeiten, eine Reise durch potenzielle Leben und Zukunfts-Malerei in der echten Welt, die ich betrieben habe.
Es ist niemand zu Schaden gekommen, weil ich rechtzeitig für mich erkannt habe, dass der richtige Weg meist doch eher eine Mischung aus Sehnsucht und pflichtbewusster Notwendigkeit ist.

Mir konnte jedoch nur wieder zu Sinne kommen, weil ich mir erlaubt habe, zu probieren. So weit zu schwimmen bis ich müde wurde und so tief zu buddeln, bis ich anstieß. Wäre ich da gesessen und meine Aufbruchstimmung mühevoll in ihr Grab gedrückt, hätte ich doch nie gewusst, wie das ist. Zu viel, zu müde, zu tief. Bevor man etwas glaubt, das man gehört hat, will man es erst mal mit eigenen Augen sehen. Man will etwas anfassen, bevor man akzeptiert, dass es existiert. So ging es mir eben mit Träumen.

Das Internet bietet das Ganze in virtueller Form. Man klickt sich durch Studiengänge in Amerika, Yogalehrerausbildungen in Indien und Entwicklungshilfe in Südafrika. Man sucht sich Freunde in der ganzen Welt via Couchsurfing, man beamt sich mit Google Maps gedanklich zu deren Wohnorten und schaut sie sich über Skype an. Und irgendwann fahr ich dann hin.
Und bleib dann dort? Genau hier beginnt der Traum. 

Bleibt nur noch die Aufgabe des Lebens, die wahren Träume zu finden. Und sie zu verwirklichen. Eines Tages.

Dienstag, 12. Februar 2013

Schrecklich-schöner Geburtstag

Die Stunde der Wahrheit naht. Mit düsteren Schritten höre ich sie herbei stampfen. Sie lässt sich Zeit, nur wenn ich mal kurz nicht hinsehe, legt sie auf einmal einen deutlichen Gang zu. So hart es ist, ich kann es nicht leugnen: Ich habe bald Geburtstag.

Ach, ich kann mich noch gut erinnern. Als Dreikäsehoch und auch als Teenager gab es wenig das so cool war wie der eigene Geburtstag. In jedem Alter gab es einfach etwas Besonderes an diesem Tag. Wenn man mit fünf schon mit Heißhunger den bei Mama bestellten Schokokuchen erwartete, der erst zum Geburtstag seinen herrlich schokoladig-geburtstagskuchigen Duft und Geschmack entfalten wollte. Ihn im Ofen roch und schon wusste: Ja, das wird ein toller Tag. Natürlich spielten auch Geschenke eine große Rolle. Und dann all die Gratulationen. Überhaupt, man war einfach der Held, an seinem Geburtstag. Mit fünf wollten dann alle neben einem sitzen beim feierlichen Wiener- und Brezenessen im Kindergarten, mit sieben gab's doch auch bei fast jeder Lehrerin irgendein ganz spezielles Geburtstags-Highlight.

Damals schon bedeutungsvoll, kam spätestens beim Erreichen eines zweistelligen Alters noch ein immens wichtiger Faktor hinzu: Die Party! Während man mit fünf noch alles die Mama hat herrichten lassen, angefangen von Kochtopf und Holzlöffel zum Topfschlagen bis zu den lustigen Luftballons, steigt nun der Ehrgeiz. Die eigene fette Party schmeißen, am besten ganz ohne (sonst eigentlich sehr geliebte aber in diesem Moment eben leider leider, sie mögen uns diese undankbaren Gedanken verzeihen) peinliche Eltern, das wär's doch. Besagte Erziehungsberechtigte wurden ins Kino geschickt, Wochen davor der Kopf zerbrochen über die richtige Musik und am Ende Unsummen für möglichst coole (ab einem hier nicht näher eingegrenztem Alter alkoholische) Getränke ausgegeben.

Egal ob noch unschuldige Kindergartenpupser, die brav nachmittags bei Kaba und Schokotorte saßen, oder später die 14-Jährigen, für die die eigentliche Party keinesfalls früher als 19 Uhr losgehen durfte: Da war immer dieses tolle Gefühl. Dieses sich wie ein heller Glücksschein über den ganzen Tag legende "Ich hab Geburtstag". Ein Gefühl, das sich nach einem weichen Kissen anfühlte, nach Kerzen und Schokolade roch und sich wie eine Mischung aus coolem Rock und schnulzig-glücklichem Pop anhörte.

Jetzt ist das irgendwie ein bisschen anders. Ich will mich deutlich abgrenzen von all jenen Geburtstagstragödianten, die weinerlich und nur unter Protest ein weiteres Lebensjahr für abgeschlossen akzeptieren. Die bei Nachfrage kurz aber sehr konzentriert nachdenken, ob sie nicht vielleicht doch lügen sollten, bevor sie seufzend ihr (wahres) Alter bekanntgeben.
Ich finde nicht, dass ich alt bin und ich finde (zumindest bis jetzt) auch die Tatsache an sich nicht schlimm, dass man als irdischen Wesen nunmal gewissen biologischen Notwendigkeiten wie der des Alterns unterworfen ist.

Aber der Geburtstag ist für mich schon irgendwie zu etwas anderem geworden: Der Tag, an dem ein Strich gezogen wird. Altes lasse ich Revue passieren, gesetzte Ziele des gerade abgeschlossenen Lebensjahres überdenke ich, bestimmte Schlussfolgerungen kommen zu Tage. Erkenntnisse, manche schmerzend, manche trügerisch, manche auch erst halbfertig. Es geschieht nicht immer freiwillig, aber es geht nicht anders. Ich weiß nicht mehr genau, was ich mir an Silvester 2011-2012 gedacht habe, aber sehr wohl, was mir an meinem 22. Geburtstag durch den Kopf gegangen ist. Man hat seine Träume und versucht ihnen, manchmal mit warmen Gefühl im Bauch und manchmal mit fast schmerzvoller Euphorie, näher zu kommen. Manchmal hat man Angst, die Träume zu vergessen, käme das gefühltermaßen doch einer Selbstverleumdung gleich. 

Und natürlich ist es auch ein Abschied. Abschied von dem was passiert ist, von der Freude über erreichte Ziele und der Trauer über gescheiterte Versuche im letzten Jahr. Man hatte ein Bild im Kopf, wie das Jahr werden könnte und gleicht nun ab: Besser? Schlechter? Oftmals: Einfach ganz anders als erwartet.

Am allermeisten kocht dann aber doch Freude hoch. Ein neues Jahr heißt 365 Tage mit jede Menge Chancen, Menschen, glücklichen, spannenden, vielleicht auch traurigen Momenten, mit Liebe und mit Hoffnung. Ein Hin und Her vom Zielestecken und Glücklich-im-Hier-und-Jetzt.

Alles in allem:

Ein neues Jahr und ein Riesen Stück Leben wartet nur darauf, erlebt zu werden.
Na, das klingt doch schon besser.

Samstag, 9. Februar 2013

Auf gute Freunde!

Wer heute etwas werden will, der erweitert seinen Horizont. Wer von einem spannenden Leben erzählen und mit der Zeit gehen möchte, der reist, fliegt, wechselt. Wechselt den Wohnort, Partner, Job, Hobbys und Gewohnheiten häufiger, als seine Schuhe. Wer still steht, verliert. Wer zufrieden ist, hat wohl noch nicht ausreichend hohe Ansprüche.

Ich wollte das nie direkt, aber diese Wandels- und Wandergelüste trieben mich immer weiter. Weit fort von Zuhause, bis ans andere Ende der Welt, durch Himmel und Hölle, mit einem Abstecher zuhause und weiter zu einem noch nicht erreichten ungewissem Ziel. Langsam komme ich nicht drumrum, mich zu fragen - Warum noch mal, das alles? Auf diese Frage brachten mich jedoch keine theoretisch-philosophischen Anwandlungen einer grüblerischen Nacht, noch nicht einmal selbstzerstörerisch-unfaire Vergleiche mit anderen, sondern ein ganz besonders schöner Abend mit ganz besonders schönen Momenten. Ein Abend mit zwei meiner engsten Freunde.

An dieser Stelle muss ich akuten Emotions- und Euphorieallergikern vom Weiterlesen tunlichst abraten, denn auf sehr kraftvolle, zuweilen schnulzig anmutende Formulierungen kann ich hier unmöglich verzichten. Ich stehe am Bahnhof und fühle mich unsicher und warte. Was grade noch wie ein guter Plan gewirkt hat, wird mal wieder von allen Seiten gedreht, beleuchtet, in Frage gestellt. So geht es mir oft, wenn ich mich auf eigenem Fuße bewege und auf zweite Absicherung verzichte. Je mehr Eigenverantwortung desto mehr eigene Fehler, je mehr Individualität und das Begehen seines "ganz eigenen Weges" desto weniger Fußstapfen, an denen man sich notfalls doch noch orientieren könnte. Jetzt stand ich hier am Bahnhof.

Und dann sind sie da. Zwei junge Männer inzwischen, in meinen Augen jedoch für immer die 15-jährigen Kumpels von damals. Ich werfe mich ihnen in die Arme und jeder Stress, jede Angst, in dieser Welt am falschen Fleck zu stehen, fällt urplötzlich von mir ab. Stattdessen ist da Wärme. Wenn ich sie mir so ansehe, die beiden Jungs, erzählen sie durch ihre bloße Anwesenheit all die tausend Geschichten, von denen ich nie genug bekommen kann.

Wir gehen ein Stück, wir reden, wir lachen. Vor allem sind wir einfach da und es spielt auf einmal keine Rolle mehr, welcher Tag und wieviel Uhr es ist, noch nicht mal das Kalenderjahr zählt jetzt noch. In diesem Moment gehört die Zeit einfach uns und steht still. Es ist auch ganz egal, was ich jetzt sage, denn, um es auf Gut-Bayerisch zu formulieren: Mir san mir.

Ja, und an dieser Stelle taucht dann wieder diese Frage auf: Warum kann das nicht reichen? Warum hat es mir damals nicht gereicht? Was soll das eigentlich alles, dieser Individualismus und Zeug, wenn man da am Glücklichsten ist, wo man sich in- und auswendig (aus-)kennt?

Mir ist klar, dass es darauf keine einzig wahre und doch viele möglicherweise richtige Antworten gibt. Dass einfach jede Medaille zwei Seiten hat und das Gras auf der gegenüberliegenden Seite 
selbst Zufriedene und Optimisten mit seinem Grün blenden kann.

Aber ich bin einfach glücklich, und das auch nach diesem Abend, inzwischen wieder da, wo mich mein Gefühl hingeleitet hat. Ich denke einfach zurück. Es gibt da einen Platz, an dem ich ausnahmsweise weder Sinn noch Bedeutung hinterfragen muss, an dem ich nicht zweifle und mögliche Alternativen abwäge. Und das beste: Ich kann jederzeit dorthin zurückkehren.


An die Seite meiner Freunde.

Mittwoch, 23. Januar 2013

Globale Waisenkinder?


In faszinierenden Zeiten leben wir. Gerade sitze ich im Zug mit einem jungem Kerl, der vor einem Tag erst mit dem Flieger aus Südamerika zurückkam. Was er dort gemacht hat? "Nen Freund besucht." Klar, was sonst. Wer, außer durch verworrene Zufälle, hätte das wohl früher behaupten können? Freunde haben wir nun allerorts. Und Existenzen mit dazu. Studium in Australien, Auslandsemester in Hongkong, Praktikum in Moskau. Da hat man mit einer Besuch von Freunden in Hamburg erzähltechnisch nicht unbedingt das Ass im Ärmel. Möchte man meinen, doch selbst das ist nicht wahr. 

Denn was, wie ich nun immer häufiger feststelle, unsere Zeit tatsächlich auszeichnet sind nicht (nur) die Fernreisen. Es sind eher die heutigen Umstände, dass Reisen für viele schon bald nicht mehr Reisen ist sondern mehr ein üblicher Zustand. Die Frage "und dann" immer im nächsten Atemzug.
Überall auf der Welt zuhause. Neuzeitnomaden. Über Couchsurfing binnen weniger Stunden einen Schlafplatz bei jemandem gefunden und das nicht nur in Metropolen sondern auch in Kleinstädten, wird einem bald ein viel tieferer Blick in das Leben des bereisten Ortes zuteil, als das im Hotelclub Adria oder der Pension Luisa-Marie je möglich gewesen wäre. Fast schon selbstverständlich reiht man sich einfach ein in die Menschen, die die Straßen entlang laufen. In interkulturellen Zeiten fällt man (zumindest in sehr vielen Länden) ohnehin nicht mehr auf. Der Begriff "Tourist" scheint ungefähr so modern zu sein wie das Tabakrauchen aus der Pfeife. Stattdessen arbeitet man, trifft Freunde und lebt Leben, nur eben mal im anderen Rahmen.

Es sind faszinierende Zeiten. Ich finde sie zuweilen sehr beängstigend. Wenn ich an Glück denke, dann fällt mir eigentlich zu aller erst ein: Meine Familie. Mein jetziger Studienort Salzburg, an dem ich nun doch schon drei Jahre ohne Unterbrechung bin. Schon auch an Abenteuer, aber das sind mehr die Ausreißer nach oben (und nach unten!). Es gibt diese Momente in denen ich mich unendlich angekommen fühle. Zufrieden mit mir und der Welt, im Einklang mit allen meinen Facetten. Als ich das das erste Mal in Salzburg gespürt habe, war ich überglücklich. Und jeder neue Ort bringt auch die neue Suche mit sich.
Geht das wirklich, was viele so sagen (unter anderem sehr religiöse Menschen)? Dass es eine reine Instanz tief in einem drinnen ist, unabhängig von Ort und Zeit? Oder ist es, wie auch von vielerseitens behauptet, ein Grundbedürfnis, ein festes Zuhause zu haben, das mehr ausmacht als einen Rucksack?

Wie fühlt sich jemand, der seit Jahren umherzieht und eigentlich nie wirklich wo länger bleibt? Vielleicht ist er ist grenzenlos frei und glücklich. Ich fühlte mich damals auf Reisen oft nur eins: verwaist. So frei wie ein Kind, das seine Eltern verloren hat. Es kann hingehen wo es will. Aber eine tiefe Sehnsucht lässt sich nicht verleugnen.
Heimatverbundenheit ist ein wichtiges Thema in praktisch allen Kulturen (wobei hier eine nähere Studie zu denen von Nomaden natürlich insbesondere spannend wäre). Lieder wurden komponiert, Gebäude errichtet, Dialekte haben sich verfeinert. Letztlich ist jedes Haus, das mit Liebe eingerichtet wurde, ein Zeugnis vom Schaffen einer eigenen Höhle, eines Zuhauses. 

Ich muss nicht wissen, was die Erde im Innersten zusammenhält. Mir würde schon reichen, zu wissen, was Globetrotter im Innersten zusammenhält.
Und deswegen werde ich reisen, immer wieder. Schon allein, um das zu verstehen.