Samstag, 29. September 2012

Die Meister


Neulich war ich auf einem Termin, der viel länger gedauert hat, als für Pressetermine üblich. Über drei Stunden wurde herumgeführt, erzählt, berichtet, präsentiert. Meine Geduld ist normalerweise recht erschöpflich, doch in diesem hätte ich genauso gut baden, ja vielleicht sogar einziehen können. So wohl fühlte ich mich.

Umgeben war ich auf dem Termin von Meistern. Kein Meister Yoda und kein Weltmeister, sondern die, die den Namen Meister vielleicht mehr, zumindest aber ebenso verdient haben, wie vorher genannte: Handwerksmeister. Vom Bäcker, über den Trachtenschneider, bishin zum Goldschmied und Buchbinder war alles vertreten. In meinen ersten Assoziationen beim Klang von Worten wie "Schmiede-Eisen", "Ambos" oder "Glas-Brennerei"  tauchte ich gedanklich ein in dunkle Zeiten des Mittelalters. Häuser aus Steinziegeln, Pferdekutschen, laut klappernde Hufen auf Kopfsteinpflaster und das laute Scheppern vom Hammer, wie er immer wieder vom Schmied auf das Eisen geschlagen wird. Ein Duft von Brot, der herbei weht, weil der Bäcker es gerade frisch aus dem Feuer geholt hat. Eine etwas betuchtere Frau, die sich ihre Halskette, selbstverständlich ein Unikat, vom Juwelier abholt.

Weg vom Mittelalter befand ich mich nun in einem durchaus traditionellem, aber doch auch modernen Haus des 21. Jahrhunderts. Die Menschen trugen keine Mittelalterskluft (bis auf eine Ausnahme, die man wohl durchaus zu der Sorte der exzentrischen Künstler zählen darf), sondern normale Hosen, Röcke, Blusen, Hemden, Strickjacken und was Menschen im Alter zwischen 30 und 60 halt so tragen.
Und doch umgab sie etwas ganz besonderes.

Man muss dazu sagen, dass es in vielen "modernen" Gewerben heutzutage durchaus üblich ist, sich in regelmäßigen Abständen zu Darstellungszwecken aufzuplustern wie ein Hahn in der Paarungszeit. Lebensläufe werden aufgemotzt, geringfügiger Aufwand zu Heldenleistungen modelliert und überhaupt ist jeder gefühlt sowieso ganz klar der Größte. Ist ja auch notwendig, bei so viel Konkurrenz. Wie soll man im Bewerbungsgespräch sonst auffallen.

Zwar haben die Handwerksleute nicht weniger Konkurrenz, aber vielleicht dafür mehr Ahnung, warum sie das tun, was sie tun. Das oder die Sache, der sie tagtäglich nachgehen, oder irgendetwas anderes scheint sie unendlich zu erden. Denn all diese Menschen um mich herum zogen mich aus einem Grund magisch an: Sie zogen keine Show ab und versuchten auch sonst nicht, irgendetwas irgendwie darzustellen. "Ich nähe halt Kleider."

Unsicherheiten, Übermut bishin zum Größenwahn, Ängstlichkeiten und Orientierungslosigkeit sind Nomen, die mir spontan zu unserer Generation einfallen. Es ist halt ein Riesendschungel da draußen. Wie soll man da noch wissen, wo man Auslandsemester machen, ob man freiwilliges soziales Jahr leisten oder wohin man die eigene Karriere verlegen soll? Ein paar scheinens immer genau zu wissen, denen folgt man dann, bis man irgendwann den eigenen Weg erkennt und sich reumutig wieder auf diesen begibt. Man findet sich mit der Zeit.

Ja, ich glaube, das war es. Die Leute da, der exzentrische Buchbinder, die etwas roh, aber sehr liebenswert wirkende Bäckerin, der unglaublich charmante Schmied: Es waren echte MENSCHEN, fern vom büroalltäglichen Einheitsbrei. Menschen, die ihrer Leidenschaft folgten und tagtäglich etwas taten, von dem sie wirklich wussten, warum, wofür und was am Ende dabei herauskam. Es muss ein schönes Gefühl sein, wenn man am Ende ein fertiges Dirndl in den Händen hält und weiß, dass es kein Zufall ist, wie der Stoff fällt und wo der Knopf angenäht ist. Man weiß: Das da hab ich gemacht, und das wird wer tragen.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich dieses Gefühl zuletzt beim Gestalten einer Powerpoint-Präsentation hatte. Beim Schreiben habe ich es. Auf dem Termin habe ich Menschen gefunden, die ihrem Handwerk, zwar mit bereits viel mehr Fachwissen und Erfahrung, aber mit der selben Liebe nachgehen. Ich fühlte mich ihnen nahe und bewunderte sie für ihren Fleiß und ihren Ehrgeiz. Sowohl auf Reisen als auch daheim sind es immer die selben Menschen, die mich inspirieren und mir zeigen, wie schön und lebenswert das Leben ist. Menschen, die ihren eigenen Weg gehen und nicht zwangsläufig gegen den Strom, aber ihre eigene Route schwimmen. Die wissen, wann man sich treiben lassen sollte, und wann es sich empfiehlt, mit Vollgas in eine Richtung zu paddeln. Die sich nicht reinreden lassen, sondern, ja ein bisschen Pathetik muss an dieser Stelle sein, ihrem Herz folgen.
 
Das Glück ist ja so ne Sache, Wenn man es nicht hat, dann sucht man es verzweifelt, probiert es am Ende, mit fragwürdigen Techniken wie Lachyoga, Meditation, groß angelegte Unternehmungen und ähnlichem  herbeizuzwingen. Dabei wissen wir doch selber, dass man es damit eher verschreckt.

Vielleicht kommt das Glück dann, wenn man konzentriert und mit Eifer bei einer durchaus simplen Sache ist und grad an alles andere denkt, als daran, ob man denn jetzt glücklich ist. Dann schleicht es sich heimlich dazu. Einfach so, wie man grad einfach tut, was man tut.

Das ist eine Kunst für sich und ich will sie lernen. Zum Beispiel von den Meistern.

Mittwoch, 19. September 2012

Der leise Schatz

Das Seltsame am Leben ist, dass die zwei wichtigsten Dinge in ihm gleichzeitig auch die leisesten und unauffälligsten sind. Die innere Stimme und die Menschen, die wirklich zählen.

Man geht seinen Weg, man tut dies, schafft das und meistens scheint alles einigermaßen Sinn zu ergeben. Wäre es so, dass jeder von uns soviel Zeit hätte, über alles nachzudenken, wie er wollte. Jederzeit die Möglichkeit, das Drumherum kurz auszublenden, um ganz tief und fest in sich reinzuspüren und zu hören. Wenn jeder die Muse hätte, sich eine Weile zurückzuziehen um in stillem Nachdenken sich auf das Wertvolle zu besinnen. Ja, dann würden wir alle auf unsere innere Stimme hören und genau das tun, was diese uns sagt.

Manche finden Nischen, in denen sie Genanntes zumindest ansatzweise für sich erreichen können. Meditation, Reisen, Sport, Malen, Schlafen... es gibt viele Wege.

Doch man kommt kaum aus. Oft ist das Leben wie ein reißender Bach, der in eine Richtung fließt, bei der man höchstens mit aller Kraft noch ein wenig nach links oder rechts (bitte nicht politisch auslegen) rudern kann, nicht jedoch rückwärts. Der Sprung heraus scheint schwer, geradezu absurd. Hektik im Alltag kann der Bach sein, es kann aber auch ein innerlicher Zwang sein, sein Leben nach bestimmten Maßstäben zu leben und bestimmten Kriterien gerecht werden zu wollen. Es können Verpflichtungen sein, sogar Ziele und Träume. Alles das, was uns antreibt, kann zu schnell werden.

Ähnlich läuft es denke ich mit den Menschen, die uns über den Weg laufen. Wir sind spontan begeistert, verliebt, befreundet, verzaubert und abgeneigt. Wir lernen neue Leute kennen und sind auf der Suche nach Menschen, die uns weiterbringen. Logisch, dass die als erstes ins Auge stechen, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzen. Auf die magische Leuchtpfeile in kräftigen Farben blinkend zu zeigen scheinen und die mit lauter, kraftvoller Stimme sprechen. Die, die wir bewundern. So will ich auch mal sein, wenn ich groß bin.

Worauf ich hinaus will? Wenn man den ganzen Tag das tut, was man sollte, das, was offenbar richtig ist. Wenn man seinen Zielen immer näher kommt, aber die Freude plötzlich ausbleibt. Wenn man merkt, dass man zwar eine Menge toller Menschen kennt aber das Gefühl von Vertrautheit und Geborgenheit nicht aufkommen will. Dann wird es plötzlich ruhig. Dann sieht man dem Bach mal kurz beim Strömen zu und will auch niemanden kennen lernen. Man setzt sich hin und sieht auf einmal, wer geblieben ist. Und dann hört man sie aufeinmal, diese Stimme. Sie hat die ganze Zeit geredet, aber wie soll man sie auch hören bei dem Getöse des Baches. Sie wiederholt freundlich und unaufhörlich immer das selbe: Unsere tiefsten Wünsche, meist relativ bescheiden und einfach. Ja, beinahe langweilig. Aber eben der wahre Kern.


Und dann sieht man sich um. Da ist ein Mensch, ja vielleicht sogar ein paar, wenn man Glück hat. Und die waren die ganze Zeit da, sind still mitgeschwommen und haben uns begleitet. Sie schreien nicht, sie drängen nicht und sie haben auch keinen Plan für uns. Alles was sie haben, ist ihre Nähe. Und aufeinmal ist das alles, was zählt.

 
"Ich reise.
Alles, was lange währt,
ist leise."
Joachim Ringelnatz

Dienstag, 18. September 2012

Warum reisen?


Warum sollten Menschen reisen. Das ist eine Frage, mit der ich mich oft und viel beschäftige. Unter anderem deswegen, weil ich zwar wahnsinnig gerne reise, aber das Leben letztlich oft anders läuft. Es gibt die einen, die scheinen ständig auf Achse. Gestern New York, heute Madrid und morgen gehts auf nach Tokyo. Oft sind das diejenigen, die sich es halt auch leisten können und deren Absichten sind gerne durchaus konsumbedingt.

Es gibt welche, die leben quasi nur noch im VW-Bus oder aus dem Rucksack. Ich habe sie getroffen und sie haben mich gleichwohl verzaubert wie auch verwirrt. Seit Jahren sind sie unterwegs, bleiben hier mal einen Monat, arbeiten dort ein paar Wochen, könnten sich auch manchmal kurzzeitig vorstellen, sesshaft zu werden. Doch dann zieht es sie weiter wie der Wind Marry Poppins, wenn sie den Schirm aufspannt. Trägt sie zu neuen Orten, neuen Menschen und neuen Erlebnissen. Neuen Erkenntnissen?

Es gibt dann noch solche, die Reisen überhaupt nicht interessiert. Sie machen ihr Ding, arbeiten wahlweise an Studium, Ausbildung  oder sitzen bereits sattelfest im Beruf, verdienen ihre Brötchen, treiben ihre Hobbys, haben ihre Freunde und sind glücklich. Sollte das jetzt zynisch klingen oder gar herablassend, dann ist das wirklich nicht meine Absicht. Denn wer vom Leben mehr erwartet, als glücklich und zufrieden zu sein, dem tun sich ganz neue Probleme auf. Wer also einfach friedlich alles wie es ist genießen kann, der kann sich von wahrem Glück schätzen.

Natürlich ist das jetzt alles sehr oberflächlich und stark in Schubladen gepresst formuliert und letztlich ist jeder individuell, eh klar. Es handelt sich bei den Beschreibungen ja nicht um Und-so-wird-es-für-immer-bleiben-Zustände.

Doch auch mein Verhaltensmuster beim Reisen beobachte ich bei vielen anderen. Grundsätzlich  ist man mehr als interessiert, nahezu begeistert, wenn man auch nur irgendwie der Perspektive des Reisens über den Weg läuft. Sei es auf einem Plakat, in einer Broschüre oder in den Erzählungen von Freunden. Grundsätzlich hört man nicht auf, von Abenteuern mit dem Rucksack auf dem Rücken zu träumen, von fremden Kulturen, von schrägen, schönen, tollen und schaurigen Momenten, ja sogar von Kulturschock und vom Eingeschüchtertsein. Eine wilde Sehnsucht, wie das vielleicht der Mensch damals nach dem Fliegen empfand. Und dann erfand er das Flugzeug. Grundsätzlich wäre man ja schon viel rumgekommen. Wenn es da nicht immer das Wenn-und-aber gäbe. Mal passt es nicht ins Leben, mal passt es nicht in die Stimmung und dann wieder kommt es einem doch unnötig vor.

Mir ist jetzt denke ich eins klar geworden: Reisen ist wichtig. Zumindest für mich. Ich kann reisen und ich sollte reisen. Dass es den Horrizont erweitert, dass man so viel Schönes sieht und erlebt und vieles, das einen auf ganze neue Gedanken bringt. Dass man Faszinierendes erlebt und so viel für immer im Schatzkästchen der Erinnerungen aufbewahren darf. Allein schon das wären alles gute Gründe, doch es nicht meiner.

Genau wie Mary Poppins ihren Schirm aufspannt, bereit, wo anders wieder ihre Füße auf Boden zu setzen und dort weiter zu gehen, möchte auch ich das tun. Immer und immer wieder. Man lebt sein Leben und das ist in Ordnung so, doch wenn man nicht aufpasst, dann schläft man ein. Man sieht immer weniger von dem, was um einen passiert. Man erkennt die eigenen Perspektiven nicht mehr. Träumt vor sich hin, doch packt kaum etwas Neues an, einfach aus Gewohnheit. Es passt, wies passt und das kann einlullen.
Für mich war es erneut eine wichtige Erfahrung zu verreisen. Nicht  nur lernt man über sich selber, auch gibt es die Chance, alles mal zu betrachten, was man bisher so angestellt hat. In Ruhe und ganz weit weg.

Es ist die Chance, das Leben immer wieder neu zu sehen. Ein bisschen, wie es Metallica in ihrem weit bekannten "Nothing Else Matters" beschreiben: "Trust I seek and I find in you. Every day for us something new. Open mind for a different view and nothing else matters." Nur geht es für mich in dem Lied nicht um Vertrauen in einen Menschen, sondern Vertrauen in das Leben. Dass das Leben so viele Geschichten bereit hält, die es wert sind, zu erkunden.

Ich freue mich auf die nächste.

Sonntag, 16. September 2012

Die Thai

Zwei Wochen reisen haben mich eher nachdenklicher gemacht als Erholung gebracht. Diese Erkenntnis trifft mich hier und jetzt, wie ich wieder in heimatlichen Gefilden vor meinem PC sitze, alles wie gehabt im Bett mit Laptop auf dem Schoß und doch alles ganz anders wirkt.
Reisen bedeutet wohl für jeden etwas anderes. Die einen wollen einfach nur ein paar Abenteuer erleben , um dann ziemlich bald genug von der Fremde zu haben und sich mit Freudenschauern nach dem Tag sehnen, an dem es endlich wieder heimwärts geht. Schon allein das Gefühl vom Endlich-wieder-daheim ist manch eine Reise wert. Manche wollen Erholung und sind vielleicht dementsprechend etwas wehmütig, wenn die Chiller-Zeit offiziell mit dem Flieger nach Hause endet.

Meine erste Reise nach Thailand letztes Jahr war ein Urlaub, war spannende Abenteuer, war eintauchen in fremde Gewässer. Sowohl wortwörtlich als auch metaphorisch. Ich bin mit dem guten Gefühl heimgeflogen, viele Bilder für das heimische Album mitgenommen zu haben.
Die zweite Reise hat mich nun hungrig gemacht. Ich wäre am liebsten länger in Bangkok geblieben. Die Stadt, die mir anfangs Schlaf und Nerven raubte, die mich fast um den Verstand gebracht hätte. In Sinnkrisen, weil ich sie einfach nicht verstehen konnte, die Menschen, die dort lebten. Das komplette Haareraufen und Unverständnis angesichts zahlreicher Ereignisse die sich zwar vor meinen Augen abspielten aber wie Sand durch meine Finger rinnten, weil ich sie nicht fassen konnte. Dabei wollte ich. Ich versuchte von Anfang an voll Faszination und Gier jedes Fitzelchen der Thai-Kultur und dieser Stadt die allem, was ich kenne so fremd ist, in mich aufzusaugen wie ein Schwamm.
Ich fühlte mich hektisch, ich wollte rennen, um möglichst schnell alles zu sehen. Fliegen, um die Stadt von oben zu betrachten. Ich wollte wissen, wonach es da ständig roch, mal widerlich, mal unfassbar lecker und dann mal ganz undefinierbar aber seltsam inspirierend. Ich wollte sie besitzen, ich wollte sie aufessen, die ganze Stadt mit ihren Geheimnissen wollte ich lesen wie ein Buch.

Doch als ich das erste Mal die Erfahrung machte, alleine in Bangkok zu sein, entspannte ich mich. Ich fuhr mit den Öffentlichen, mit einem Stolz, den ich mich tunlichst bemühte zu verbergen. Ich aß so wie alle im FoodCourt, also gewissermaßen der Mensa für alle. Ich shoppte und feilschte wie ich es mir von den Thai abgeschaut hatte. Ich ging joggen im Lumphini Park und sah mit Freuden all die Yoga-, Athletik- und Tai-Chi-Begeisterten. Mir war, als hätte ich die Chance, ein ganz anderes Ich zu entwickeln und auszuleben. Nach und nach adaptierte ich, wie sie sich bewegten, wie sie redeten. All das tat ich nicht absichtlich, da hätte ich mich blöd gefühlt. Es passierte einfach mit mir.

Und dann passierte noch etwas anderes mit mir. Ich tanzte im Rhythmus der Stadt. Ich habe angefangen, zu begreifen, warum selbst ein so lauter, bunter und wilder Ort wie Bangkok trotz allem ein guter Ort sein kann. Mehr großer lebendiger Marktplatz, denn gefährliche Großstadt. So zumindest fühlte es sich an.

Dass ein Radlunfall im wunderschönen Lumphini Park schließlich zur Erleuchtung für mich führen würde, hätte ich wohl vorher auch nicht gedacht. Aber so war es. Eine Thaimama mit Schulkind fuhr mir in Schrittgeschwindigkeit in die Wade. Raus kam eine große blutige Schramme sowie eine versammelte Masse, die mit mir fühlte und die Frau strafend ansahen. Beschwichtigende Gesten und Worte ("Its ok, its ok!") konnten zumindest den Zorn schließlich von ihr lenken, nicht jedoch eine liebe Oma in anmutiger ehrwürdiger Erscheinung davon, mir alsbald heilsame Tropfen auf die Wade zu träufeln. Flink hatte sie diese aus dem Handtäschchen gepackt und verbeugte sich kurz, bevor sich ein angenehmer Geruch nach einem Kräutergemisch ausbreitete. Es hörte auf zu bluten und ist schnell geheilt.
Die Erkenntnis hat mich da getroffen. Oder die Liebe, wie man es sehen möchte.
Die Thai und ich, das könnte was werden.
Mal sehen, was die Zukunft bringt.

Sonntag, 19. August 2012

Liebes böses Facebook

Man liebt es, man hasst es, nichtsdestotrotz gilt für mehr als man glauben möchte: Man nutzt es. Wenige Dinge spalten derzeit die Menschen in ambivalente Gesinnungen wie Social Media und insbesondere Facebook. Wer etwas auf sich hält, findet Facebook natürlich blöd. Wer offen zugeben würde, seine Zeit mit Vorliebe damit zu verbringen, Posts zu schreiben, Bilder zu teilen und sich über die Likes und Shares mehr zu freuen, als über das letzte Geburtstagsgeschenk des besten Freundes, würde mit Verachtung gestraft. Wie armselig. Wie bemitleidenswert. Hat der denn kein Leben außerhalb von Facebook?

So der Status Quo. Schön und gut, jetzt werfen wir doch aber mal einen kurzen Blick auf die Nutzerdaten. 750 Millionen Menschen sind auf Facebook angemeldet. Davon sind frelich nicht alle aktive Nutzer - aber doch einige. Man muss sich ja nur mal überlegen: Das Ganze würde bei Weitem nicht so viel Furore erzeugen, wenn da nicht ordentlich im sozialen Netzwerk gewerkelt würde. Wenn da nicht so viele Menschen posten, liken, sharen und chatten würden, wäre das ganze Thema ja obsolet. Tatsächlich investieren eine Menge Leute bewusst und auch unbewusst einen beträchtlichen Teil ihrer Freizeit in den virtuellen Räumen der Kommunikation. Aber das offen zugeben? Nein, niemals! Entsprechende Artikel in Zeitschriften, im Internet und Diskussionen im Alltag machen eine äußerst kritische Haltung gegenüber Social Media und Facebook klar. Es sei etwas für Selbstdarsteller, die nach Aufmerksamkeit hungerten. Für Menschen, die es nicht zustande brächten, sich fern vom Computerbildschirm ein soziales Leben aufzubauen. Und nicht zuletzt für Stubenhocker, die sonst halt irgendein Videospiel zocken würden.

Dabei ist es doch so: In vielerlei Hinsichten entspricht Facebook genau unseren tief verwurzelten Bedürfnissen. Sei es Zugehörigkeit, Anerkennung, Selbstfindung und letztlich auch die Suche nach Nähe zu anderen Menschen. Kommunikation in ihrer reinsten Form findet auch dann statt, wenn jemand ein Bild postet und gespannt wartet, wie sein Umfeld darauf reagiert. War früher nicht anders, hat sich aber einfach verlagert und ist einfacher geworden. Die sozialen Bedürfnisse greifbarer. Damit ist auch die rege Nutzung zu erklären.

Man kann Facebok tatsächlich eine Menge ankreiden. Es ist weder der beste noch der schönste Weg, um mit anderen zu kommunizieren. Es ist kein Ersatz für das reale Miteinander an frischer Luft und mit tatsächlicher Nähe, Berührung, echtem Lachen. Es wird nie ein Treffen mit guten alten Freunden bei einer leckeren Tasse Kaffee und tausend geteilten Insidern ersetzen.

Aber selten war es so leicht, Diskussionen im öffentlichen Raum zu starten. Seiner eigenen Meinung Gehör zu verschaffen. Bilder und Ansichten mit Menschen zu teilen und die besten Freunde von früher, mit denen man tagtäglich die Schulbank drückte, wieder ausfindig zu machen.

Freunde auf Facebook sind nicht gleich Freunde im eigentlichen Sinne. Die eigenen Geheimnisse sollte man angesichts der Öffentlichkeit lieber nicht auf genau dieser Plattform zum Besten geben. Und genau wie im echten Leben, sollte man nicht außer Augen lassen, dass Aktionen eine Reaktion erzeugen könnten, möglicherweise auch eine negative.

Doch wer diese Regeln beachtet, der kann sich in den Facebook-Räumen ruhig austoben, finde ich. Und danach dazu stehen. Denn wer darüber nachdenkt, was öffentliche Anerkennung, das Kommunizieren mit anderen und gemeinsame Gespräche zu den verschiedensten Themen emotional so auslöst, der kommt wohl nicht umhin, durchaus auf positive Gefühle zu stoßen.
Letztlich ist Facebook und all die Aufmerksamkeitshascherei und Selbstdarstellerei meiner Meinung nach einfach nur eins: Zutiefst menschlich. Und das kann man jetzt finden, wie man möchte.

Freitag, 17. August 2012

Die Entkreativierung

Für die nächste Zeit habe ich mir einen Vorsatz der eher unüblicheren Art gefasst. Ich will nicht kreativ sein. Klingt komisch, ist aber so. Ursprung des Ganzen ist die Tendenz des Menschen, sich mit etwas unter Druck zu setzen. Er könnte es lassen und friedlich, fröhlich, beschwerdenfrei leben, bis ihn jemand nervt. Tut er aber nicht, er nervt sich lieber selber. Er stellt Limits, Aufgaben und Ansprüche an sich, die er sonst niemandem zumuten würde. Dabei legt er einen Befehlston an den Tag, der den bellenden Feldwebel beim Militär vor Neid erblassen ließe.

Dass man lieb zu sich sein sollte, eh klar. Dass die Ziele nicht zu hoch gesteckt und die eigenen bereits erbrachten Leistungen nicht zu geringfügig wertgeschätzt werden sollten: Alles schon mal gehört und mal mehr, mal weniger eingehalten.

Aber ich bin jetzt auf was gestoßen, wo mir wohlgemeinte Ratschläge von hohem pädagogischen Wert nicht helfen, vielleicht sogar alles nur noch schlimmer machen. Was ist, wenn man frei ist? Wenn man die Welt aus den Augen eines Kindes sieht, lacht, bastelt und träumt, wie man lustig ist. Und dann auf einmal der Wunsch daher kommt, einfach mal gelangweilt zu sein? Einfach mal stupide etwas zu leisten, das mit Spiel und Spaß wenig am Hut hat? Was ist wenn man bei all der lachenden Spielerei nicht mehr aus der Rolle rauskommt und sich gar nicht mehr traut, unkreativ zu sein?

Ich meine, ich habe es versucht, das Kreativsein, wenn ich doch garnicht will. Hab mir meinen Block überall hin mitgeschleppt, auf dass mir eine schöne Zeichnung oder ein wahlweise frohlockendes oder tieftrauriges Gedicht einfiele. Ich packte Nylonfaden, Perlen und Anleitung aus, um japanische Perlentiere zu zaubern. Ich kaufte bunten Stoff, Tücher und Nähutensilien, um ein Kleid zu schneidern.
Und fand mich wieder, auf meinem Bürostuhl sitzend. Traurig bis leicht verzweifelt das ganze Zeug anstierend. Was wollt ihr denn jetzt von mir? Mit bösen Blicken sahen sie mich an. "Sei kreativ! Komm schon! Du kannst es! Überleg doch, wie individuell und cool du dann bist!"
Ich stierte noch eine ganze Weile, Schuldgefühle fraßen sich langsam in mein Inneres hinein und ich war wie gelähmt. Und dann tat ich das, was ich immer tue, wenn ich grad nicht mehr weiter weiß. Ich zog mir meine Schuhe an und ging raus, spazieren. An der Salzach.

Ich habe beschlossen, nicht mehr so unbedingt kreativ zu sein. Das zum Trotze all der Pädagogen, die nicht müde werden zu erzählen, wie sehr man sich doch ausleben kann und wie glücklich das Gebastel doch machen soll. Was mit Händen machen und das Ergebnis in eben diesen am Ende stolz zu halten, zu seiner inneren Mitte finden. Bla bla bla. Ich bin lieber genau die, die ihre Zeit bei Facebook verschleudert und auch einfach mal nur rumsitzt. Und Sport macht, einfach weil man sich dann so stark fühlt. So erschöpft danach. Und eben gar nicht viel denken muss. Schon gar nicht basteln.

Ich habe zudem beschlossen, weder Freunde noch Zeitschriften um Rat zu ersuchen für Freizeitbeschäftigungen. Nähen Sie einen Teddy! Malen Sie die Wand an! Kaufen Sie Wachsmalkreiden und kreieren Sie ein kunterbuntes Mosaik-Bild! Stellen Sie sich vor, wie befreit Sie sich dann fühlen! Wie entspannt, losgelöst, ja, und hier das Zauberwort der heutigen Zeit: SELBSTVERWIRKLICHT! Die lustigen und sinnvollen Sachen, die man machen könnte, all diese Anregungen fließen nur hinein in das große klaffende Loch der Dinge-die-ich-tun-könnte-aber-ich-machs-halt-nicht. Noch schlimmer wird es, wenn man dann sieht, dass andere genau das, woran man manchmal so denkt, tatsächlich tun. Und dabei genau so cool und individuell und kreativ sind, wie man es selbst doch auch gern wär. Selbstgeschneidertes Gewand und Polaroidfotos inklusive.

Naja aber letztlich schreib ich grad diesen Blogpost. Vielleicht ist das auch des Rätsels Lösung. Entweder es fällt einem von selber ein, oder man lässt es.


Samstag, 4. August 2012

Was ist schon Unvernunft?

Neulich laß ich einen Artikel zum Thema "Sind wir zu vernünftig?". Der Titel hat mich sehr neugierig gemacht und mit einer gewissen Erwartungshaltung machte ich mich ans Lesen. Denn genau diese Frage habe ich mir gerade in letzter Zeit des öfteren gestellt.

Doch ich war erstaunt. In dem zwar gut geschriebenen Artikel ging es inhaltlich recht einseitig zu. Zum Thema unvernünftiges Verhalten, das als erstrebenswert geschildert wurde, war letztlich primär eins im Vordergrund: Essen. Ich weiß nicht, wer den Text geschrieben hat, doch es war offensichtlich jemand, der sich von Diätregeln und Ernährungstipps im Alltag recht kasteien lässt. "Endlich mal wieder ein Hanuta", "Schokolade statt Obst", waren sehnsuchtsvolle Seufzer, die in den Worten durchklangen. Fast schon konnte man die Gelüste auf Kalorienbomben durch das Papier hindurch schmecken.

Klar, Ernährung ist definitiv ein Thema, das sich heutzutage viele (viel zu) wichtig nehmen. Es soll nicht nur gesund, es soll auch kalorienarm und frei von jeglichem Geschmacksverstärker und Konservierungsstoff sein. Es sollte natürlich und vielseitig sein, am besten gleich bio und reich an Nährstoffen. Functional Food. Man kann sich wirklich reinsteigern in das, was, könnte man meinen, doch eigentlich primär der Sättigung und dem Genuss dienen soll.

Zu vernünftig. Schuldig im Sinne der Anklage

 

So, bevor ich jetzt selbst genau zu dieser kulinarischen Thematik ausschweife, komme ich mal auf den Punkt. Denn ursprünglich sollte es im oben erwähnten Artikel laut Titel doch darum gehen, auch mal unvernünftig zu sein.
Wir stehen morgens auf, haben eine mentale To-Do-Liste im Kopf, die wir Stück für Stück den Tag über abhaken. Die meiste Zeit ihres Lebens verbringen die Leute damit, entweder sinnvolle Tätigkeiten zu absolvieren oder sich über deren Sinnhaftigkeit Sorgen zu machen. Zweifel dominieren den Alltag, Pflichtbewusstsein wird als Vorwand genommen, um nicht zu überlegen, was man denn eigentlich WIRKLICH tun möchte. Ist es Angst, von der Norm abzuweichen? Sorge, am Ende mit leeren Händen da zu stehen, weil man einmal nicht einem Ziel nachgerannt ist?
Indirekter Vorwurf im Text: Im Leben der Menschen dominiert die Arbeit. Der Lebenslauf des Durchschnittsbürgers ist fest in der Hand von Vernunft-geprägten und wohl durchdachten Entscheidungen. Studium und Ausbildung auf Kosten wilder Jahre in zügelloser Freiheit. Überstunden und disziplinierte Arbeit auf Kosten eines freischaffenden Künstlerdaseins ohne viel Geld aber auch ohne Zwänge. Wir sind einfach zu vernünftig, so die Quintessenz des Artikels.

... weil Menschen halt so sind?

 

Ich stelle jetzt mal eine waghalsige These auf: Ich glaube, letzten Endes MÖCHTE der Mensch einfach sinnvolles tun. Er möchte gebraucht werden, Aufgaben erledigen, sich gut fühlen, weil er etwas getan hat. Die Erziehung ist schuld, sagen die einen. Die anderen führen es auf die Leistungsgesellschaft zurück. Ich behaupte: Es ist schlicht und ergreifend Evolution. Mal im Ernst, können Sie sich vorstellen, dass sic Steinzeitmenschen früher sich sorgten, aufgrund pausenloser Bisonjagd und zu wenig Quality-Time beim Beeren-Sammeln möglicherweise einen Burnout erleiden zu können? Dass sie wegen der lästigen Familienpflege einfach zu wenig zur Höhlenmalerei kämen?

Klar, wir sind keine Steinzeitmenschen mehr. Unsere Gehirne sind weiter entwickelt (bei den meisten zumindest), unsere Wünsche definierter und unsere Ziele und Sinnkonstruktionen komplexer. Daraus jedoch gleich zu schließen, dass sich unser grundlegendes Wesen verändert hat, ist möglicherweise so nicht richtig. Noch immer sind wir, so meine These, dafür gemacht, sinnvolle Aufgaben zu erledigen.
Und das ist nicht eigentlich meine These. Der Begriff Eudaimonismus stammt schon von Aristoteles und grob gesagt formuliert er genau dieses Glück, das aus der Pflichterfüllung resultiert. Das gute Gefühl, ordentlich gearbeitet und etwas geschafft zu haben.

Das lässt sich ausweiten. Wir ernähren uns möglicherweise nicht deswegen von gesunden Dingen, weil wir zwanghaft vernünftig sind. Wir tun dies, weil wir unserem inneren Drang folgen, Sinnvolles zu leisten. Dass das auch auf die Ernährung greift ist wohl auf den heutigen Wissenstand und das Bewusstsein des Menschen zurückzuführen, den Körper lange fit halten zu wollen. Auch Ziele wie Schlankheit, schönem Äußeren (letzten Endes Attraktivität), könnte man so durchaus als Strategien der Partnersuche deuten. Ich glaube eben nicht, dass Vernunft automatisch unglücklich macht. Es mag unterschiedliche Menschentypen geben, aber die Gefahr, bei allzulanger Untätigkeit oder zuviel Freiheit in ein Loch zu fallen scheint, angesichts Fallbeispielen Arbeitsloser und gefallener Hedonisten, durchaus ein reelles Szenario zu sein.
 

Bloß nicht peinlich sein?

 

Soweit so gut. Und wie war das jetzt mit der unglücklich machenden Vernunft, dem Übermaß dieser?
Nun, es gibt da ein paar Regeln in der Gesellschaft, die fragwürdig sind, weil der Sinn dahinter eher im Verborgenen bleibt. Nicht auf den Straßen tanzen, zum Beispiel. Nicht singen, nicht zu laut lachen. Nicht unüberlegt einmal einfach einen Freund besuchen, einen Spontanausflug machen. Nicht alleine auf die Tanzfläche, schon gar nicht als Erster. Nicht wild über die Wiese rennen und sich dann mit klopfendem Herzen einfach fallen lassen. Es gibt soviele davon. Bloß nicht auffallen! Könnt ja peinlich sein.

Einfach mal rumspinnen: endlich frei sein

 

Das sind die Regeln, die wirklich kasteien, meiner Meinung nach. Es sind Scheuklappen und Handschellen für ein munter auf und ab springendes Herz, das einen eigentlich zu wilden Freudensprüngen motivieren wollte. Das einen dazu bringen wollte, lauthals das Lieblingslied aus dem iPod mitzuträllern oder spontan der Frau auf der anderen Straßenseite mitzuteilen, wie unglaublich hübsch sie aussieht.
Manchmal sind es auch andere kleine Wünsche, die man übersieht, weil es eigentlich Wichtigeres zu tun gibt. Die süße Katze knuddeln. Den Sonnenuntergang bewundern. Noch ein bisschen länger schnuppern beim Duft der Bäckerei, an der man vorbeischlendert.

Sinnvolles leisten und trotzdem auch mal bescheuert sein. "Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen", formulierte es Udo Lindenberg. Ich denke nicht, dass man gleich aus "allen Zwängen" fliehen muss. Es reicht schon, spontanen Wünschen zu folgen. Übrigens auch, wenn einen dieser gegenüber eines verlockend fröhlich grinsenden Hanutas überkommt. Man muss sich weder Maßlosig- noch Hirnrissigkeit ergeben, um sich zwanglos und frei zu fühlen.

Wenn ich laufen gehe, sehe ich bestimmt oft aus, als hätte ich einen Sonnenstich erlitten. Ich springe, ich shake zum Beat, ich gestikuliere wild und mime leidenschaftlich mit den Lippen den Songtext meiner Lieblingslieder mit. Mir ist vollkommen klar, dass ich in diesem Moment absolut bescheuert aussehe. Und es ist mir egal. Ich nehme mir einfach die Freiheit, einmal wild zu sein und möglicherweise für nicht ganz dicht gehalten zu werden. "Unvernünftig" zu sein. Und frei.