Sonntag, 1. Juli 2012

Ja, und dann?



In diesem Leben räumen sich die Menschen in Schubladen. Aber Anna nicht, läuft frei herum. „Wie geht’s dir?“ fragt sie wen. Nicht in echt, sondern im Internet bei Facebook. Da sind jetzt alle, denn das ist einer der wenigen schubladen-verschont gebliebener Räume. Kann man einfach sein, muss nicht fragen, warum. Geht ja auch ganz schnell. „Gut“, antwortet der andere. Sie wird es wohl glauben müssen, sein Gesicht sieht sie ja nicht. Sagt halt nur jeder, kann es dann stimmen?

Sie ruft ein paar Leute an. Es hat keiner Zeit, sie arbeiten. Sie lernen. Sie sind auf jeden Fall zu beschäftigt, um sich unerhörte Zeit zu nehmen. Wächst nicht auf Bäumen, Anna. Wächst sie doch, murmelt sie leise. Wächst auf den Bäumen, an denen ich vorbeilaufe. Hat sich flink Badesachen in den Rucksack gepackt und macht sich auf den Weg. Läuft an Menschen vorbei, die zusammen in der Sonne sitzen. Die Genießer, denkt sie fröhlich. Sieht dann das Smartphone in der Hand. Sieht den gehetzten Blick immer wieder auf die Uhr. Hört sie reden „Muss gleich weiter.“ Ja, sie sitzen nicht um des Sitzens willen. Es ist ein Warten auf die nächste Episode. Anna geht weiter. Atmet ein, atmet aus, es ist ein wirklich heißer Tag. Sonne brennt, hin und wieder ein Windstoß, der sich erbarmt, den erhitzten Körper mit kühlerer Luft einzutauchen, zu umspülen. Einatmen, ausatmen, ein Fuß folgt dem anderen und die Baumwipfel ziehen einer um den anderen allmählich an Annas Kopf vorbei, als würden sie ihre Schritte zählen. Neben ihr der Fluss bestätigt sie auf ihrem Weg, fließt in die selbe Richtung. „Wohin des Weges, Wasser?“, fragt sie, fühlt sich erst dumm, dann merkt sie, dass sie eh keiner gehört hat. Fluß fragt prompt frech zurück, das hätte sie ahnen müssen: „Ja, wohin des Weges, Anna?“ „Na, zum See!“ Und dann?

Es ist das „und dann“, das ihr Unruhe bereitet, sobald sie zulange in der Welt verbringt, die die Leute modern nennen. Es wird das gemacht, dies geschaffen, hier gelernt, da beworben und immer wieder bitte etwas Neues, an dem man sich ganz frisch entdecken kann. Neue Wege jeden Tag. Und dann?
Was wäre denn, wenn und dann gar nicht da wäre. Wenn es einfach nur wäre „So hier und jetzt und basta. Nix dann. Jetzt eben.“
Ist es das, was die Philosophen und all diese Bio-Ökos mit trendigen Titeln wie „Slow Food“ und „Entschleunigung“ meinen? Ist es genau das, „und dann“ von der Liste zu streichen und mit einem fröhlichen Achselzucken zu beantworten? Einfach so keinen Plan zu haben, das kann doch nicht erlaubt sein.

Aber ohne das hinterhältig gegen den modernen Weltgedanken geplant zu haben, gibt es kein großes „Und dann“ in Annas Kopf. Sie geht und geht, das einzige was sie weiß, ist das am Ende ihres Weges der See ist. Die Sehnsüchte des Sommers, der Ruf der Sonne und von spritzendem Seewasser und dem Gefühl von gluckerndem Wasser um die Ohren,n wenn sie abtaucht. Die treiben ihre müden Beine immer weiter zu ihren Gefilden des Glücks.

Nackte Füße berühren dann das Gras, schön kühl trotz all der Hitze. Spürt die Halme an den Zehen, Schritt, Schritt weiter, und dann hat sie es bald um sich tanzen, Wasser nass und heimlich.
Ein paar Züge geschwommen, Kopf kurz nach unten und sie ist angekommen.

Und dann? Wen kümmert's.

Freitag, 22. Juni 2012

Leben in den Rucksack packen

"Und, was nehmen Sie aus dieser Präsentation mit?" Ein einfacher Satz von einer freundlichen Dozentin an einem sonnigen Vormittag an der Uni hat mir sehr gut gefallen. Er brachte mich zum Nachdenken. Wie wir da saßen, jeder in seinen eigenen Klamotten und Tasche oder Rucksack, den er mit seinem Kram am selben Morgen gefüllt hatte. Die eine hat es schon Montags früh geschafft, perfekt gekleidet, geschminkt und mit wachen Augen adrett Beine-überschlagenderweise auf ihrem Platz zu sitzen. Der andere flätzt mit verwuscheltem Haar, tiefen Augenringen und einem großen dampfenden Pappbecher Kaffee, irgendwo zwischen Stuhl und Tisch.

Ja, wir sind sehr unterschiedlich in diesem Kurs. Und doch waren wir alle versammelt. Und da kam dieser Satz "Was nehmen Sie für sich mit?"
Zunächst einmal kam es mir vor wie eine Standardformulierung. Man sitzt da, hört mehr oder weniger gespannt dem Vortrag einer Referentin zu und in besonders motivierten Momenten kritzelt man sogar ein paar Notizen mit. Übereifrig ist man spätestens ab Hälfte, sicher aber ab Ende des Semesters gewiss nicht mehr. Während nämlich die einen zunehmend routiniert und damit tendenziell öfter gelangweit sind und es vorziehen, einfach mal ein wenig Ruhe zu genießen, kommen bei anderen auch wesentlich tiefere und manchmal leider auch deprimierendere Gedanken auf. Warum das eigentlich alles? Was mache ich hier?
In solchen Momenten des Zweifelns tauchen sie auf, die Bilder von Sehnsüchten, die man eigentlich auch mal leben wollte. Ob sonniges Meerespanorama, vor dem man in exotischen Gewässern endlich tauchen lernt oder auch ein Großstadtlebenmit Party all-night und Starbucks-Kaffee all-day, mit coolem Flair und Neonlichtern.

Und man selber sitzt in einem zwar hübschen, aber doch inzwischen sehr gewohntem Raum und lauscht mehr oder minder interessanten Vorträgen und wundert sich. Wars das? Das hier? Wie als wenn man sich plötzlich, nachdem man sich eigentlich sicher war, im richtigen Raum zu sitzen, aufeinmal fragt: "Ja aber stimmt denn das Gebäude?" Das schaut nämlich grad nicht mehr so frisch und toll aus wie einst. Die Fassade springt ein wenig ab und auch sonst hat man schon wieder Fernweh nach neuen Abenteuern.
Ich weiß nicht, vielleicht bin ich auch die einzige, die sich ab und an mit solch existenzialisten Fragen plagt. Es ist zum Glück nicht die Regel, aber eine gewisse Tendenz zum Hinterfragen des Hier und Jetzt kann ich nicht verleugnen.

"Was nehmen Sie für sich mit?" Aufeinmal enthielt dieser Satz ein Wunder. Und plötzlich war es mir wieder klar. Die Sonne ging auf, der Horizont lichtete sich, das Boot stach wieder in See. Es passt hier jede pathetische Metapher, die veranschaulichen soll: Der Satz hat aufgeräumt.
Aufeinmal wurde mir bewusst Es geht nicht immer darum, das alles genau so passt wie es ist. Es geht auch nicht darum, sofort immer gleich im richtigen Gebäude zu sitzen.
Jeder in diesem Raum, mit seiner Tasche, seinem Rucksack, seiner Brotzeugbox und seinem karierten Papier-Block ist ein freier Mensch. Man kann morgen, ja sogar heute, zu jeder Zeit hingehen, wohin man möchte. Es ist nicht so, als würde man sich einen fixen Punkt suchen, auf dem man fortan Stellung halten müsste. Tatsächlich ist es so ein schöner Gedanke: Aus allem lässt sich etwas mitnehmen. Erscheint es auch im ersten Moment noch so klein und lächerlich.

Es geht darum, im Hier und Jetzt zu lernen. Dinge mitzunehmen. Erfahrungen, Erkenntnisse, ganz neue Menschen. Man lernt sich kennen, man lernt von einander. Man lacht, lebt, weint miteinander. Man probiert etwas aus, findet etwas toll, lehnt etwas ab. Man studiert nicht nur sein Studienfach sondern alles und jeden um sich herum. Und jeden Tag gibt es neues zu lernen, zu beobachten. Man muss nur die Augen offen halten.
Egal ob das Gebäude nun das richtige ist, oder der Raum, oder überhaupt das Land. Etwas mitnehmen kann man immer.
Der Urlaub, bei dem man sich wünscht, er würde nie enden: Nehmen Sie sie mit, die Bilder, Gerüche, die Luft und das Gefühl von tanzender Freiheit.
Der Abend voller Rhythmus und Tanz, das glückstaumelnde Gefühl und das beseelte Taumeln in Grenzenlosigkeit, all das lässt sich mit einpacken.
Und auch wenn mal etwas nicht so gelaufen ist, vielleicht sogar ein trauriges Erlebnis: Es ist nicht umsonst. Sogar die Frage nach dem Sinn, die sich mancheiner unter uns immer wieder stellt. Warum macht man etwas, was ist der Sinn, ist da noch mehr? Die Frage erübrigt sich, wenn man bedenkt, dass die Schätze, die man sich eingepackt hat, für ein Leben erhalten bleiben und glücklich machen. Der Horizont lichtet sich eben nur, wenn man weitergeht.

In diesem Fall ging es davon, aus einer Präsentation etwas mitzunehmen. Ich kann mich nicht mehr an den Inhalt erinnern, wohl aber an das Selbstbewusstsein, mit dem das Mädl ihren Vortrag gehalten hatte. Wie sie Fröhlichkeit ausstrahlte und so vermutlich auch ein Referat über die Binominalverteilung statistischer Variablen zur spannenden Show verwandelt hätte.
Sie erinnerte mich daran, dass es oft passiert. Ich lerne oft Menschen kennen, die mich verzaubern. Wie sie reden, wie sie lachen, sich bewegen. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich mich hin und wieder dabei ertappe, etwas zu übernehmen. Etwas "mitzunehmen".

Ich mag die Vorstellung von uns allen als Pilgern durch das Leben. Jeder mit Hab und Gut auf dem Rücken, jeder im Prinzip doch gar nicht so anders als der andere.
Und jeder in der Lage, ein Stückchen nebenher zu gehen.
Und hin und wieder etwas mitzunehmen, ohne es zu stehlen. Denn es sind Gedankengüter, Erinnerungen, kleine und große Geschenke, die uns das Leben im Laufe unseres Daseins macht. Sie begleiten uns ab da für immer auf unserem Weg. Man kann sie, wenn man in Gedanken herumschlendert, entspannt im Zug sitzt oder einfach nur auf dem Bett liegt, jederzeit hervorholen.

Ob das die Dozentin wohl meinte?
Schwer zu sagen.

Mittwoch, 6. Juni 2012

Wo sind all die Träumer hin?

Sie sind meist Figuren in Romanen und Kurzgeschichten. Sie lassen sich treiben, sind ein wenig weltfremd und haben von der Realität nur eine ungefähre Ahnung. Sie grübeln nicht den ganzen Tag darüber nach, was sie heute noch alles erledigen müssen. Stattdessen sitzen sie wahlweise auf einem Steg am See und werfen gedankenverloren Steinchen ins Wasser, spazieren am Meer entlang und sammeln Muscheln oder füttern Möwen. Es ist ein Bild, das sich gut eingeprägt hat: Letztlich ist es das Bild von Glück. Nichts zu tun (oder zumindest macht es den Anschein), die Seele baumeln lassen, frei sein. Rumsitzen, spazieren, alles. Bloß eins nicht: Hektik.

Doch was ist die Realität heutzutage? Zum Bersten überfüllte To-Do-Lists, ein Gerenne von Punkt a zu Punkt b um noch rechtzeitig zu Punkt c zu kommen. Sobald man gefragt wird, ob man nicht Lust auf ein Tässchen Kaffee hätte "Ja eigentlich voll gern, aber..."
Ja, aber. Dieses aber. Man sagt es ständig, man hört es ständig, es ist so sehr in den alltäglichen Sprachgebrauch eingeflossen, dass es fast schon schockiert wenn da einer mal daher kommt und sagt "ja gerne, jetzt gleich?"
Es gibt diese spontanen Frohnaturen, diejenigen, die abschalten können. Aber ich bekomme vermehrt den Verdacht, dass es sich um eine aussterbende Rasse handelt.

Man muss sich nur mal die Werbung und PR-Bildchen von Campus- und Universitätsseiten durchsehen. Junge Menschen, die entspannt im Gras auf einer Picknickdecke herumlümmeln, in einer munteren Diskussionsrunde miteinander quatschen. Man kann sich direkt vorstellen, wie hin und wieder einer sich gähnend streckt und die andere kurz genießerisch die Augen schließt, weil die Sonne grad so schön auf die Nase scheint. Es sieht nach Glück aus, nach Angekommen-Sein. Es muss einen Grund geben für diese Bilder, mit denen potenzielle Studenten-in-spe angelockt werden sollen. "Komm hierher, studiere hier! Hier sind wir alle eine Gemeinschaft und lassen uns treiben", scheinen sie zu sagen.
Und wie schaut das dann in echt aus?

Ich will nichts generell gegen das heutige Studentenleben sagenoder wie dieses aussehen sollte. Es ist für mich nur ein gutes Beispiel für das, was derzeit extrem um sich greift. "Bück dich hoch", ein trotz seiner Party- und Tanztauglichkeit sehr gesellschaftskritisches Lied der Band Deichkind spricht es meines Erachten ebenso an. Es ist der Drang danach, zu powern, zu leisten, zu schaffen, zu machen und am Ende zwar komplett erledigt zu sein und keine Zeit für nichts mehr zu haben, dafür aber um Himmels willen produktiv zu sein. Bin ich selber ein Opfer dieser Mentalität? Ja, gut möglich. Aber auch nicht immer. Den Rest der Zeit frage ich mich: Wo sind sie hin die Freigeister? Die Leute, die unter Glück nicht das Abliefern des fünften Projektes bereits zu Anfang des Monats verstehen. Sondern: Die Zeit, in der man einfach mal man selbst sein kann. Frei. Den Kopf voller Träume und die Zeit, sich diesen hingebungsvoll zu widmen. "Don't dream your life" heißt es und dabei wird ganz vergessen: Was gibt es denn schöneres als einfach mal alle Bilder und Sehnsüchte, Farben und Formen im Kopf zuzulassen? Urlaubserinnerungen bei altbekannten Liedern aus dem iPod hochkommen zu lassen, Menschen kucken, Düfte und Gerüche um sich herum wahrnehmen, Regen und Sonne auf Haut spüren.

Man will etwas leisten, klar. Das bloße Herumhängen ist für die wenigsten was. Aber mir scheint, dass angesichts von Workaholismus und Burnoutfall der dreimillionste heutzutage vergessen wird, was Arbeit ist und was Freizeit. Und worauf man da eigentlich hinarbeitet. Ist es nicht Freiheit, was man am Ende des Tages haben will? Wie kommt es, dass jemand soviel arbeitet, dass er am Ende all seine Träume von Reisen und Abenteuer vergisst? Oder sei es der einfache Ski- oder Badeurlaub. Wie kommt es, dass die Pauschalaussage irgendwann wie von Zauberhand aus dem Mund strömt: "Ich würd ja gern, aber..."
Ist es am Ende nicht eine Ausrede, die wahren Träume gar nicht erst angehen zu müssen? Ist das geschäftige Treiben das perfekte Alibi um keine schwierigen und manchmal quälenden Fragen mehr nach dem "Was genau will ich eigentlich wirklich?" stellen zu müssen?

Im Großen ist das eine Abenteuerreise mit dem Rucksack durch Südamerika. Im Kleinen ist es der gedankenlose Spaziergang, das Sitzen auf der Bank oder das verträumte und süße Nichtstun im Überall und Nirgendwo. Wenn der Wind draußen um die Nase weht, entweder alleine oder mit einer guten Freundin ratschend. Wenn man aufeinmal so lachen muss, dass man gar nicht mehr aufhören kann. Wenn einem auf einmal alles egal ist, außer der Tatsache, genau jetzt hier zu sein.
Ich habe immer eine grüne Wiese vor Augen, wenn ich an das Paradies denke. Ganz so kitschig muss es ja nicht in jedem Kopf ablaufen. Aber ich denke, jeder hat doch im Kopf so ein paar Bilder, denen er sich gerne widmet. Und Ideen, was man so anstellen könnte, wenn man eben mal nichts zu tun hat.

Ich denke es gilt wie so oft im Leben, die Balance zu finden. Eine Balance zwischen produktiver Arbeit und dem Gefühl, etwas geleistet zu haben.
Und dabei, das der schwierigere Teil, nicht zu vergessen, wofür man es tut.
Ob es das ist, was man tun möchte.

Und ob da noch genug Platz ist für die eigenen Träume. Und sei es nur die Picknickdecke am See mit dem Liebsten drauf.

Samstag, 2. Juni 2012

Wer reist, nimmt sich selber mit



"Wer auf eine Reise geht, der nimmt sich immer selber im Gepäck mit."
"Das Leben ist ein Buch. Wer nicht reist, liest nur die erste Seite."
"Man wächst an neuen Erfahrungen."

Ja, es gibt viele schlaue Sätze zu dem Thema. Das Thema, um das es geht, Sie haben es schon erraten: Reisen, ins Ausland gehen und neue Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen mit sich nehmen. Es gibt viele Arten zu reisen, das Ausland zu besichtigen. Während die einen es bevorzugen als Tourist der ersten Klasse in teure Hotels einzuchecken, Cocktails zu schlürfen und sich schlichtweg die Vorteile des besuchten Landes samt Entspannung und Prinz/essin-von-Siam-Gefühl zu geben, schnappen sich die anderen lieber ihren Rucksack samt Schlafsack und nächtigen in Holzklassezügen, billigen Jugendherbergen oder am liebsten gleich im mitgebrachten Zweimannzelt. Das sind die Reisenden. Für einen bestimmten, in manchen Fällen sogar unbestimmten Zeitraum verlassen sie den heimischen Wohnsitz und die bereits eingesesssene Couch, um an abenteuerlich fremder Luft auf anderen Flecken der Erde neu durchzuschnaufen, die Gedanken zu sortieren, neues zu erleben und einfach: Mal was anderes machen.

Reisen ist etwas, das die Menschen wohl schon immer getan haben. Normalerweise ist ein zentraler Punkt daran, dass, auch wenn der Zeitpunkt noch fern ist, ein Zurückkehren zum Ausgangspunkt, der sogenannten Heimat, geplant ist. Mit anderen Reisenden von der ganzen Welt um den Esstisch des Hostels versammelt oder im Zug quatschend mit anderen Backpackern philosophiert man dann gern über Heimweh, über das, was man zuhause vermisst. Das gute deutsche Brot. Die Familie, Freunde.
Warum geht man dann überhaupt auf Reisen, wenn es zuhause doch so toll ist?
Der Grund ist einfach: Abenteuerlust.

Nach ein wenig Einleitung möchte ich hier ansetzen. Denn die Abteneuerlust lässt sich heutzutage oft nicht mehr alleine durch das Buchen eines Fluges weit weg befriedigen. Nicht einmal damit, dann auch einzusteigen. Denn egal, welcher Zeitraum, es handelt sich eben doch nur um begrenzte Zeit. Zeit, in der man viel Geld ausgibt und keines verdient. Zeit, die schon allein dadurch befristet ist, dass man ja nicht ewig Urlaub machen kann. Man muss kein Workaholic zu sein, um es nicht nur aus finanziellen Gründen eher abstoßend zu finden, so lange gar nichts zu tun zu haben. Was aber, wenn man nun eben doch für länger weg will? Egal ob Koller, den man allmählich zuhause bekommt oder Probleme, die sich daheim stellen. Das Gefühl, weg zu wollen, kann man manchmal übermächtig werden. Früher einfach nur stille Sehnsucht, lässt es sich heute ja sogar umsetzen und man beginnt zu planen. Aber was nun tun, wenn man eben nicht nur mal für ne Zeit weg will, sondern was ganz neues machen?
Die Lösung? Die haben sich schon viele schlaue Menschen in Agenturen überlegt und auch Privatpersonen sollen ganz ohne Hilfe schon allein darauf gekommen sein: Auslandsemester für Studenten, Auslandspraktikum, Work and Travel, oder, ohne klangvollen Namen: Einen Job und eine Wohnung im Ausland suchen. Auswandern auf Zeit eben, ob nun mit oder ohne Programm.
Der große Unterschied zum Reisen: Egal ob befristet oder nicht, baut man sich eine neue Existenz  auf. Man verfügt über eine fixe Adresse, die weder Ho- noch Hostel ist, man geht regelmäßig zur Arbeit und begibt sich weg vom (vom gemeinen Traveller gefürchteten) Touristenstatus. Man wohnt da, ist heimisch, ansässig und wird Teil einer neuen Kultur.

Klingt super, oder? Ich bin absolut der Meinung, doch fremde Stimmen beginnen wieder zu raunen: "Wer reist..." Nimmt sich selber mit, jaja, wir haben's verstanden. Springender Punkt ist eben schon folgender. Ob nun Rucksackreiser, schick mit Rollkoffer oder ansässig-werden-wollend mit drei Riesenkoffern: Der, der die Koffer schleppt, ihn hinter sich her zieht oder Rucksack auf dem Rücken trägt, ist immer noch die selbe Nase, wie noch daheim. Davonlaufen ist also weder vor persönlichen Charakterschwächen noch vor familiären Schwierigkeiten möglich. Wer glaubt, wo anders einfach "nochmal ganz neu anfangen" zu können und damit meint, einfach alles, was daheim eben nicht so gelaufen ist, hinter sich zu lassen, der begeht einen Denkfehler. Man stellt sich vor, wie man nun, frei von allem bisherigen Ballast, genau so ist, wie man gerne sein wollte. Frei und ungebunden, viel lockerer als sonst und überhaupt: Ein ganz neuer Mensch. Aber hat man das nicht schon zuhause versucht? Eben.

Menno, jetzt versau mir doch nicht meinen Auslandaufenthalt, höre ich es aus der Ecke murren. Und nein, das will ich wirklich nicht. Ich selbst werde nun wohl ins Ausland gehen, werde also einen Teufel tun wollen, mir das selbst durch Negativ-Denkerei zu vermiesen.

Es ist, denke ich, einfach wichtig, sich folgendes im Kopf zu behalten: Toll ist, was man schon hat. Man ist gewachsen, gereift, hat sowohl positive als negative Erfahrungen gemacht. Es geht nicht darum, zurückzulassen, sondern darum, neue Gefilde zu erkunden.  Neue Eindrücke sammeln, die zu den bereits gefundenen "alten" in die Erfahrungsschatzkiste der Erinnerungen gelegt werden können. Wie man da Unterhosen und Pullis faltet und in den Koffer legt, wie man Formalitäten unterschreibt und sich von Freunden verabschiedet, sollte man sich auch dafür Zeit nehmen: Das letzte Mal in der Heimat spazieren gehen und liebevoll seinen Blick über Gebäude, Bäume und Menschen gleiten lassen.

Denn Recht haben sie alle, die Befürworter der oben genannten Zitate. Man nimmt sich selber mit, man sammelt tolle und auch nicht so tolle Erfahrungen, man geht durch Höhen und Tiefen. Statt wegzulaufen, stellt man sich neuen Herausforderungen. Die alten Probleme von daheim gehen nicht weg, doch die eigene Perspektive ändert sich. Man gibt sich durch den Auslandaufenthalt, durch die Reise, Chance, weiter zu wachsen. Der Druck, ganz neu anfangen zu müssen, alles schlechte hinter sich zu lassen, fällt plötzlich von den Schultern. Das ist gut, denn an die Stelle der Lasten kommt nun der mit Abtenteuerlust gepackte Rucksack. Mit den Unterhosen, den Pullis und am allerwichtigsten:

Mit dem Kopf samt wertvollen Erinnerungen von daheim. Und das ist auch gut so. Auf zu neuen Gefilden und neuen Gedanken!

Mittwoch, 9. Mai 2012

Chatten. Mehr als leeres Blabla

"Ich hab's nicht so mit Worten." So oder so ähnlich formulierte es die weibliche Hauptfigur im aktuellen Kinohit "Die Tribute von Panem". Als sie dieses persönliche Manko leicht beschämt gestand, sprach sie wohl Millionen von Menschen aus dem Herzen. In Filmen gibt es solche Charaktere tatsächlich öfter: Sie drücken sich nicht gerne mit Worten aus, sie lassen lieber ihre Taten für sich sprechen. Es fällt ihnen schwer, ihre Gefühle zu artikulieren. Fatal wäre es hingegen im Folgeschluss anzunehmen, sie hätten gar keine. Denn wie es ja schon die Oma wusste: "Stille Wasser sind tief." Da hatte sie mal wieder Recht.


Es war einmal der Brief

Früher schrieb man sich Briefe. Nicht jeder jedem, aber es war eine anerkannte Form der Kommunikation, insbesondere, weil damit Gefühle, Gedanken und Mitteilungswürdiges auf Papier zunächst geordnet werden konnten, bevor der Brief den heimischen Schreibtisch verließ und auf Reisen zum Briefkasten des Empfängers ging. Mit Herzblut und Liebe Formulierungen überdenken, zu überlegen, schonungslose Ehrlichkeit in die sanftest und doch treffendsten Worte zu packen, Gefühle so zu beschreiben, dass es der Realität beinahe schon gerecht wird: Das alles offenbart die Kunst des Briefschreibens.
Heute schon einen Blick in ihre Post geworfen? Unwahrscheinlich, dass sich darin noch ein liebevoll mit Hand geschriebener Brief, geschrieben mit Schönschreibfüller und auf feinstem Büttenpapier befindet. In den meisten Fällen stapeln sich Rechnungen, Werbung, Informationsprospekte über die neuesten Angebote ihrer Mitgliedschaft bei Tchibo und ein Katalog für Damenmode in Übergrößen, bei dem sie sich wirklich nicht erinnern können, wann sie den denn bitte bestellt haben.

Obgleich es an und für sich schade ist, dass sogar die gute alte Postkarte aus dem Urlaub langsam aber allmählich deutlich seltener wird, möchte ich mich hier auf etwas anderes konzentrieren. Denn der Brief ist dabei, von uns zu gehen. Doch was an seine Stelle tritt sind eMails und, ganz besonders, Skype, msn, Facebook und alle Möglichkeiten, online zu kommunizieren, modern gesprochen zu "chatten".

Chatten = neumodischer Schnickschnack?

Zugegeben, Vorurteile gegenüber dem "Chatten" gibt es genug und klar von der Hand zu weisen sind diese nicht. Oberflächlich sei es. Leer. Zeitverschwendung, leeres Getippe innerhalb von Minuten oder sogar Stunden, die man sich doch auch hätte persönlich treffen können. Oder zumindest telefonieren! Doch hier möchte ich einmal klar darauf verweisen, dass auch die Qualität eines persönlichen Gespräches von Angesicht zu Angesicht klar von den zwei Nasen abhängt, die da miteinander kommunizieren. Wie ehrlich sie sind, was sie tatsächlich aussprechen, ob sie eine Maske der Fröhlichkeit aufsetzen, oder ihr "wahres Gesicht" (wenn auch leicht pathetisch formuliert) zeigen. All das ist nicht selbstverständlich, ganz sicher nicht der Regelfall. Muss es ja auch nicht. Nicht jedes Gespräch ist ein Gespräch unter engen Freunden und nicht jeder hat immer Lust, sein Herz dem Gegenüber auszuschütten und entsprechend kommentieren und bereden zu müssen. Aber soviel nur zum Klischee "Gespräche unter vier Augen sind besser".

Vom Füller zur Tastatur

Genauso wie ein sogenanntes "Face2Face"-gespräch nicht immer vor Offenbarung und Ehrlichkeit strotzt, tut es freilich auch kein per Internet geführter "Chat". Ich komme nun zurück auf vorher erwähnten Brief. Das, was im gesprochenen Wort oft verteufelt schwer ist zu formulieren, weil zu schnelllebig, zu spontan, zu sehr auf Extrovertiertheit und Offenheit angelegt, fällt vielen leichter, aufzuschreiben. Ob mit Hand und Füller auf Papier oder Fingern und Tastatur auf den Monitor spielt hierbei, wage ich zu behaupten, keine große Rolle. Möglicherweise ist der Chat DAS Kommunikationsmittel für Momente, in denen Menschen früher Briefe geschrieben haben. Die eMail setzt es noch eher eins zu eins um, da man hier einen gebündelten Text schreibt und wie ein Paket zusammenschnürt, Dinge wieder herausnehmen oder noch mit etwas Verzierung schmücken kann. Es sich durchlesen und überlegen, ob mit dieser Nachricht das gesagt wird, was man ausdrücken wollte.

Der Chat lebt!

Der Chat hat ein besonderes Feature: Er lebt! Er ist interaktiv. Person A schreibt etwas, Person B antwortet, Person sendet einen "Lachsmiley" und kontert fröhlich mit einer Retourkutsche. Lange Pausen werden wahrgenommen, emotionale Statements sind, genau wie bei gesprochener Sprache, auch in geschriebener vom jeweiligen Individuum abhängig. Wenn Anna "..." schreibt, heißt es etwas anderes, als wenn Peter kurz schweigt. Susi überlegt oft ewig, bevor sie zurückschreibt, ihr Chatpartner dagegen schickt ihr, um Unsicherheiten zu überbrücken, eine Amarda an fröhlichen Grinsegesichtern. Der eine hat ein Faible für den lustigen Smiley mit der Sonnenbrille, der andere ist ein großer Fan des Satzes mit einem einfachen "." dahinter. Klingt einfach viel cooler.
Also ein echtes Gespräch für "Nerds", für Leute, die sich einfach nur nicht trauen, in der "realen Welt" ihren Mund aufzukriegen? Würde ich nicht sagen, zumindest nicht nur. Ja, einerseits wird hier ganz deutlich denen unter den Arm gegriffen, die bisher Schwierigkeiten hatten, sich im Gespräch zu äußern. Es muss ja nicht bedeuten, dass diese nun zu einem Versauern vorm Bildschirm verdammt sind. Viel mehr können es die ersten Schritte hin zu einem geselligeren, kommunikativeren Leben werden, da man anfängt, Vertrauen zu anderen aufzubauen.

Kein Ersatz, viele Chancen

Andererseits: Der Chat ist, wie ich es sehe, nicht nur ein Ersatz für von Gesicht zu Gesicht, Augen zu Augen vorgetragene Unterhaltungen. So oder so kann man auch hier besser und in Ruhe über Antworten nachdenken und an Nachrichten feilen. So oder so eröffnet es die Möglichkeit, in Momenten, in denen man sich vielleicht gerade weder raustraut, noch jemanden anrufen möchte, dennoch wohlwollenden Kontakt anzunehmen. So oder so bedeutet es für viele die Möglichkeit, sich zu äußern, auf eine Weise, die sie vor fünfzig Jahren nur per Brief und damit verbundener (zumindest für eine Zeit) Einseitigkeit und Einsamkeit gehabt hätten.Sich mit geschriebenem Wort auszuprobieren, wenn die Zunge und Sprache sich noch nicht recht trauen mögen. Für viele, denen es aus diversen Gründen erschwert ist, zu reden und auf "normale Art" zu plaudern, eine Riesenchance.

Der Chat wird einen gemütlichen Abend unter Freunden, in denen man gemeinsam über alles quatscht nicht ersetzen. Ebenso wenig ein intimisches Gespräch zweier Menschen, die sich kennen und lieben. Menschen brauchen auf Dauer eine tatsächliche Nähe, eine körperliche Präsenz, da bin ich überzeugt.
Aber genauso wie man es dem Brief eingeräumt hat, den Mörsen und dem Telefon, verdient es auch der Chat:
Er ist eine eigene Kommunikationsform mit ganz besonderen Vorteilen.

Denn manches lässt sich eben noch besser aufschreiben. Und die Antwort folgt sofort.

Mittwoch, 25. April 2012

Zeit haben = sich Zeit nehmen

Es ist ein neues Buch rausgekommen, das nun in den Zeitschriften diskutiert, seziert und analysiert wird. Die meisten sind sich einig: Genial. Die Rede ist von der "Long-Life-Formel" von Howard Friedmann und Leslie Martin. Die Studie an sich, um die sich das Buch dreht, ist ziemlich interessant. Von ihrer Geburt in den 20er Jahren an bis zu ihrem Tod dokumentierten die Forscher die Lebensweise und den Lebensverlauf von anderthalb tausend Menschen. Sie alle ernährten sich unterschiedlich, hatten verschiedene Hobbys, Freizeitgestaltungen, Freundeskreise. Die Unterschiede im Lebensstil werden im Buch verglichen, analysiert, um so herauszufinden, welche Faktoren ausschlaggebend für ein langes Leben sein könnten.

Anleitung zum Altwerden

Sicher eine sehr ungenaue und grobe Zusammenfassung, doch hat mich das Buch zum Nachdenken angeregt. Besser gesagt nicht das Buch, sondern die große Aufbereitung dieses in den Medien. Dass das Thema "Lange, glücklich und zufrieden leben" aus naheliegenden Gründen nicht uninteressant für den Homo Tausendmal-Sapiens ist, klar. Dass es Bücher ohne Ende gibt, bei sich Wissenschaftler, Experten (oder auch nicht) detailiert erklären, warum genau Brokkoli, Yoga oder dreimal Laufen in der Woche uralt werden lässt, wissen die meisten auch. Seit wir dank unserer Wohlstandsgesellschaft Zeit und Muse haben, um uns über so etwas Gedanken zu machen, ist es ein Riesenthema. Gesundheitsapostel schlagen sich seit langem geradezu die Köpfe darüber ein: Wie können wir möglichst lange auf diesem Planeten verweilen? Dennoch hatte ich persönlich bis zur Veröffentlichung besagten Buches von dem ganzen gar nicht so viel mitbekommen. Vielleicht weil ich noch der Generation angehöre, die Brokkoli isst und joggt, um knackig fit und nicht etwaum alt zu werden.

Wieso nochmal wollen wir alt werden?

Was mich nur verwundert, ist die Selbstverständlichkeit, mit der davon ausgegangen wird: Klar, wir wollen alle alt werden. Zeit auf Erden, sie möge vom Himmel herabfallen! Wir sind auch ganz artig.
Aber mal weg vom Vielleicht-in-einem-halben-Jahrhundert und zurück ins Hier und Jetzt. Da ist eine Uhr. Der Zeiger steht auf ein Uhr nachmittags. Was fällt Ihnen dazu ein? Pling, da ist er schon, der mentale Terminkalender. Das nächste Meeting, die Küche, die zu putzen ist oder ein Treffen. Selten der Gedanke: "Hurra ich habe noch elf Stunden, bevor dieser Tag zu Ende geht." (Es sei denn, beim nächsten Tag handelt es sich um eine Deadline für die längst abzugebende Arbeit.) Verstehen Sie mich nicht falsch, das ist kein Vorwurf: Wir sind nunmal einfach nahezu Meister darin, uns unsere Zeit zu verplanen. Für einen kurzen Zeitraum empfindet man es, besonders nach einigen hektischen Stunden, als angenehm, mal wirklich "Zeit zu haben", statt sie wieder in etwas zu investieren. Einfach nur herumzuhängen, durchzuatmen, zu denken, zu sein.
Doch dann geht es schon wieder los. Man wird unruhig, kribbelig, alle sind in Bewegung, tun etwas. Wer hängt denn schon den ganzen Tag rum? Als Tagesplan, in schlechten Momenten auch als Hamsterradl, wird das bezeichnet, was früher oder später jeder von uns hat. Wir suchen nach Möglichkeiten, Zeit zu vermehren. Gleichzeitig sind wir eifrig dabei, sie bloß wieder loszuwerden, sobald sie da ist. Vielleicht wäre es zunächst einmal wichtig, Zeit auch wirklich als solche wahrzunehmen und schätzen zu lernen.
 

Mehr Zeit zum Zeit Totschlagen

Noch verblüffender erscheinen nämlich in diesem Kontext Ausdrücke wie "Zeit totschlagen", die nicht selten gewählt werden. "Weg von der Straße sein", "endlich wieder was zu tun haben" und so weiter. Man will doch alt werden, um mehr Zeit zu haben. Und dann schlägt man sie tot? Es ist ja wirklich nicht so, als wüssten wir nichts mit unserer Zeit anzufangen, wenn keine Aufgabe anstehen würde. Im Kopf haben wir sie schon tausendmal gemalt, die Aquarellbilder und Bleistiftzeichnungen, oder drehen unseren eigenen Kurzfilm, den wir auf Youtube stellen wollen. Achja und da wäre noch der Modeblogg, den man ganz sicher bald mal machen will. Wenn man eben Zeit hat.

Leben + Sich Zeit nehmen = Zeit haben

Meine Frage, die nun niemanden in Verzweiflung stürzen, sondern einfach nur zum Nachdenken anregen soll (auch mich selbst): Hat man Zeit? Wann hat man die denn? Kommt die per Post? Mit einem Schleifchen drumrum und der Botschaft "Herzlichen Glückwunsch, Ihnen wurde so eben drei Tage, 72 Stunden, Zeit geschenkt. Viel Spaß damit."?
Oder aber... nimmt man die sich einfach? Hardcorevariante wäre, alles stehen und liegen zu lassen und einfach spontan in den Zug zum lange ersehnten Ausflugsziel einzusteigen. Fände schreiendes Baby, gestresster Chef oder wartender Partner vielleicht nicht so lustig. Aber es kommt der Tag, da kommt auch die Chance. Chance auf freie Zeit. Nichts tot schlagen, nichts planen, sondern das tun, was man möchte. Oder solange nichts tun und einfach nur Gedanken schweifen lassen, bis man weiß, was man tun möchte. Das würde ich als "Zeit haben" bezeichnen. Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, oft ist es tatsächlich schwer, sich überhaupt mal ein wenig Zeit für sich freizuschauffeln. Ich glaube nur, selbst das Schauffeln will gelernt sein. Statt also an in-einem-halben-Jahrhundert zu denken, wäre es vielleicht klüger, sich hier und jetzt, wann immer es geht, ein paar Stündchen oder sogar Tage zu nehmen.

Vielleicht stellt sich dann auch irgendwann gar nicht mehr die Frage, wie man noch mehr Zeit zum Totschlagen auf Erden gewinnen kann. Weil man wichtigeres zu tun hat. In der Wiese liegen und nachdenken zum Beispiel. Und Aquarellbilder malen.

Samstag, 14. April 2012

"Generation Maybe"? Gebt uns Zeit!

Tausend Möglichkeiten, keinen Elan. Viele einladende Wege, doch weder Ehrgeiz noch jeden Tropfen Herzblut, sie zu gehen. Schwere Vorwürfe, die derzeit auf unsere Generation einprasseln.

Unsere Generation: Das sind wir Privilegierten, beschenkt mit Reichtümern an Möglichkeiten, von Geburt an. Vielleicht nicht Geld, vielleicht nicht Status, dennoch mit der Aussicht, generell alles aus unserem Leben machen zu können, wenn wir es nur wollen. Sicher, ein Anwaltstöchterlein aus gutem Villa-am-See-Hause wird die Welt voraussichtlich anders erleben als der Hoodie-tragende rebelierenden Kleinganove "aus der Bronx": Aber letztlich leben wir doch in der selben Welt. Gerade Internet, Globalisierung, Vernetzung und die Aufweichung von Grenzen, prägen uns von Schulzeit an.

Praktikum im Ausland. Work and Travel. Oder da bleiben, duales Studium. Normales Studium. Fachhochschule, wer's nicht ganz so theoretisch haben will. Auch Ausbildungen scheinen lange nicht mehr den Ruf der "unakademischen Holzklasse" zu tragen. Der aktuelle Zeitgeist und die Mentalität lautet: "Alles ist möglich! Live your dream. Yes, you can."

Das Resultat: Artikel wie "Generation Maybe hat sich im Entweder-Oder verrannt". Der latente Vorwurf: Wir haben viele Chancen, die wir ergreifen könnten, alle Tore stehen uns offen; und wir chillen in der Hängematte davor, träumend und grübelnd, welche glorreichen Wege wir wohl beschreiten könnten und was nun das wirklich BESTE ist.
Manche liegen nicht, manche rennen auch hektisch von einem Tor zum anderen, sind kurz davor, eines zu passieren und machen im letzten Moment vor lauter Panik kehrt.
Das Resultat bleibt das gleiche: Die Tore bleiben unbeschritten, die Menschen ohne fixes Ziel und ein großes Fragezeichen schwebt wie ein Damoklesschwert darüber.

Das Problem erkennt schon der Artikel: Unser eins neigt dazu, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen. Aber ist es denn ein Wunder? Früher waren die Perspektiven an einer Hand abzählbar, heute würde nicht mal ein Tausendfüssler reichen, um ähnliche Übersicht zu bieten.

Nun aber zu dem, was ich zu dem ganzen Schlamassel anzumerken habe: So wild ist es meines Erachtens nicht. Denn in der Theorie hört sich all das schön und gut (oder eben schlecht) an, hat sicherlich seine Richtigkeit. ABER: In der Praxis schaut's dann doch noch mal anders aus.
Ich kenne zuviele 20- bis 35-Jährige, die sehr wohl das haben, was uns angeblich fehlt: Eine Vision. Haufenweise Energie. Ein wahres Streben auf ein Ziel hin, das tief im Herzen danach schreit, erfüllt zu werden. Oder zumindest, weniger pathetisch formuliert, eine genaue Vorstellung von dem, was man gerne beruflich macht, machen möchte und wie man gedenkt, dahin zu kommen. Berufs- und Reiseziele, Familienpläne und Bausparverträge.
Auch sind diese Visionsträger und Zielstreber zuviele, um nur der Abweichung von der Norm, der Ausnahme des Regelfalls, zu entsprechen.

"Generation Maybe" äußert sich meiner Erfahrung nach oft eher in einem anderen Sinne: Man hat stets im Kopf, "maybe" vielleicht noch etwas anderes zu machen. Viele fühlen sich in dem was sie tun deutlich befreiter und bestärkter, weil sie wissen, dass sie sich hier nicht wahlweise ihr eigenes Fundament oder aber ihr eigenes Grab schaufeln, sondern nur eine der zahlreichen Möglichkeiten ausprobieren. Weil sie sich genau vom Zeitgeist inspirieren und ermutigen lassen, ihre Chancen zu leben und die Scheu vor dem Scheitern geringer wird. Je mehr Möglichkeiten, desto weniger Druck auf der einzelnen. Je mehr Alternativen, desto weniger Angst davor, eine davon abzuhaken und vom persönlichen mentalen Perspektivenplan zu streichen.
Sicher, manchmal mag dann vielleicht auch der Ehrgeiz fehlen, etwas durchzuziehen. Sicher werden viele von uns im Zweifelsfall den leichteren Weg wählen, statt sich mal ordentlich durchzubeißen. Am Ende will doch aber eigentlich jeder das finden, in dem er/sie wirklich aufgeht und das "genau sein/ihr Ding" ist, um es umgangssprachlich zu formulieren.

Woran ich fest glaube: Auch die Menschen unserer Generation sind immer noch Menschen. Das heißt: Sie atmen, sie leben, sie haben Energie, sie haben Gefühle und sie haben eben sehr wohl Leidenschaft, individuelle Sehnsüchte, Wünsche und letztlich daraus resultierend: Ziele.

Gebt uns Zeit, wir finden unseren Weg schon noch.
Dank fehlender Rentenkassen werden wir wohl eh arbeiten, bis wir tot sind, um bei all der herrlichen Pathetik noch ein wenig Zynismus ins Spiel zu bringen. Wir haben also tatsächlich noch eine ganze Menge Zeit, uns auszuprobieren und aus "maybe" ein "definitely" zu machen.