Samstag, 2. Juni 2012

Wer reist, nimmt sich selber mit



"Wer auf eine Reise geht, der nimmt sich immer selber im Gepäck mit."
"Das Leben ist ein Buch. Wer nicht reist, liest nur die erste Seite."
"Man wächst an neuen Erfahrungen."

Ja, es gibt viele schlaue Sätze zu dem Thema. Das Thema, um das es geht, Sie haben es schon erraten: Reisen, ins Ausland gehen und neue Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen mit sich nehmen. Es gibt viele Arten zu reisen, das Ausland zu besichtigen. Während die einen es bevorzugen als Tourist der ersten Klasse in teure Hotels einzuchecken, Cocktails zu schlürfen und sich schlichtweg die Vorteile des besuchten Landes samt Entspannung und Prinz/essin-von-Siam-Gefühl zu geben, schnappen sich die anderen lieber ihren Rucksack samt Schlafsack und nächtigen in Holzklassezügen, billigen Jugendherbergen oder am liebsten gleich im mitgebrachten Zweimannzelt. Das sind die Reisenden. Für einen bestimmten, in manchen Fällen sogar unbestimmten Zeitraum verlassen sie den heimischen Wohnsitz und die bereits eingesesssene Couch, um an abenteuerlich fremder Luft auf anderen Flecken der Erde neu durchzuschnaufen, die Gedanken zu sortieren, neues zu erleben und einfach: Mal was anderes machen.

Reisen ist etwas, das die Menschen wohl schon immer getan haben. Normalerweise ist ein zentraler Punkt daran, dass, auch wenn der Zeitpunkt noch fern ist, ein Zurückkehren zum Ausgangspunkt, der sogenannten Heimat, geplant ist. Mit anderen Reisenden von der ganzen Welt um den Esstisch des Hostels versammelt oder im Zug quatschend mit anderen Backpackern philosophiert man dann gern über Heimweh, über das, was man zuhause vermisst. Das gute deutsche Brot. Die Familie, Freunde.
Warum geht man dann überhaupt auf Reisen, wenn es zuhause doch so toll ist?
Der Grund ist einfach: Abenteuerlust.

Nach ein wenig Einleitung möchte ich hier ansetzen. Denn die Abteneuerlust lässt sich heutzutage oft nicht mehr alleine durch das Buchen eines Fluges weit weg befriedigen. Nicht einmal damit, dann auch einzusteigen. Denn egal, welcher Zeitraum, es handelt sich eben doch nur um begrenzte Zeit. Zeit, in der man viel Geld ausgibt und keines verdient. Zeit, die schon allein dadurch befristet ist, dass man ja nicht ewig Urlaub machen kann. Man muss kein Workaholic zu sein, um es nicht nur aus finanziellen Gründen eher abstoßend zu finden, so lange gar nichts zu tun zu haben. Was aber, wenn man nun eben doch für länger weg will? Egal ob Koller, den man allmählich zuhause bekommt oder Probleme, die sich daheim stellen. Das Gefühl, weg zu wollen, kann man manchmal übermächtig werden. Früher einfach nur stille Sehnsucht, lässt es sich heute ja sogar umsetzen und man beginnt zu planen. Aber was nun tun, wenn man eben nicht nur mal für ne Zeit weg will, sondern was ganz neues machen?
Die Lösung? Die haben sich schon viele schlaue Menschen in Agenturen überlegt und auch Privatpersonen sollen ganz ohne Hilfe schon allein darauf gekommen sein: Auslandsemester für Studenten, Auslandspraktikum, Work and Travel, oder, ohne klangvollen Namen: Einen Job und eine Wohnung im Ausland suchen. Auswandern auf Zeit eben, ob nun mit oder ohne Programm.
Der große Unterschied zum Reisen: Egal ob befristet oder nicht, baut man sich eine neue Existenz  auf. Man verfügt über eine fixe Adresse, die weder Ho- noch Hostel ist, man geht regelmäßig zur Arbeit und begibt sich weg vom (vom gemeinen Traveller gefürchteten) Touristenstatus. Man wohnt da, ist heimisch, ansässig und wird Teil einer neuen Kultur.

Klingt super, oder? Ich bin absolut der Meinung, doch fremde Stimmen beginnen wieder zu raunen: "Wer reist..." Nimmt sich selber mit, jaja, wir haben's verstanden. Springender Punkt ist eben schon folgender. Ob nun Rucksackreiser, schick mit Rollkoffer oder ansässig-werden-wollend mit drei Riesenkoffern: Der, der die Koffer schleppt, ihn hinter sich her zieht oder Rucksack auf dem Rücken trägt, ist immer noch die selbe Nase, wie noch daheim. Davonlaufen ist also weder vor persönlichen Charakterschwächen noch vor familiären Schwierigkeiten möglich. Wer glaubt, wo anders einfach "nochmal ganz neu anfangen" zu können und damit meint, einfach alles, was daheim eben nicht so gelaufen ist, hinter sich zu lassen, der begeht einen Denkfehler. Man stellt sich vor, wie man nun, frei von allem bisherigen Ballast, genau so ist, wie man gerne sein wollte. Frei und ungebunden, viel lockerer als sonst und überhaupt: Ein ganz neuer Mensch. Aber hat man das nicht schon zuhause versucht? Eben.

Menno, jetzt versau mir doch nicht meinen Auslandaufenthalt, höre ich es aus der Ecke murren. Und nein, das will ich wirklich nicht. Ich selbst werde nun wohl ins Ausland gehen, werde also einen Teufel tun wollen, mir das selbst durch Negativ-Denkerei zu vermiesen.

Es ist, denke ich, einfach wichtig, sich folgendes im Kopf zu behalten: Toll ist, was man schon hat. Man ist gewachsen, gereift, hat sowohl positive als negative Erfahrungen gemacht. Es geht nicht darum, zurückzulassen, sondern darum, neue Gefilde zu erkunden.  Neue Eindrücke sammeln, die zu den bereits gefundenen "alten" in die Erfahrungsschatzkiste der Erinnerungen gelegt werden können. Wie man da Unterhosen und Pullis faltet und in den Koffer legt, wie man Formalitäten unterschreibt und sich von Freunden verabschiedet, sollte man sich auch dafür Zeit nehmen: Das letzte Mal in der Heimat spazieren gehen und liebevoll seinen Blick über Gebäude, Bäume und Menschen gleiten lassen.

Denn Recht haben sie alle, die Befürworter der oben genannten Zitate. Man nimmt sich selber mit, man sammelt tolle und auch nicht so tolle Erfahrungen, man geht durch Höhen und Tiefen. Statt wegzulaufen, stellt man sich neuen Herausforderungen. Die alten Probleme von daheim gehen nicht weg, doch die eigene Perspektive ändert sich. Man gibt sich durch den Auslandaufenthalt, durch die Reise, Chance, weiter zu wachsen. Der Druck, ganz neu anfangen zu müssen, alles schlechte hinter sich zu lassen, fällt plötzlich von den Schultern. Das ist gut, denn an die Stelle der Lasten kommt nun der mit Abtenteuerlust gepackte Rucksack. Mit den Unterhosen, den Pullis und am allerwichtigsten:

Mit dem Kopf samt wertvollen Erinnerungen von daheim. Und das ist auch gut so. Auf zu neuen Gefilden und neuen Gedanken!

Mittwoch, 9. Mai 2012

Chatten. Mehr als leeres Blabla

"Ich hab's nicht so mit Worten." So oder so ähnlich formulierte es die weibliche Hauptfigur im aktuellen Kinohit "Die Tribute von Panem". Als sie dieses persönliche Manko leicht beschämt gestand, sprach sie wohl Millionen von Menschen aus dem Herzen. In Filmen gibt es solche Charaktere tatsächlich öfter: Sie drücken sich nicht gerne mit Worten aus, sie lassen lieber ihre Taten für sich sprechen. Es fällt ihnen schwer, ihre Gefühle zu artikulieren. Fatal wäre es hingegen im Folgeschluss anzunehmen, sie hätten gar keine. Denn wie es ja schon die Oma wusste: "Stille Wasser sind tief." Da hatte sie mal wieder Recht.


Es war einmal der Brief

Früher schrieb man sich Briefe. Nicht jeder jedem, aber es war eine anerkannte Form der Kommunikation, insbesondere, weil damit Gefühle, Gedanken und Mitteilungswürdiges auf Papier zunächst geordnet werden konnten, bevor der Brief den heimischen Schreibtisch verließ und auf Reisen zum Briefkasten des Empfängers ging. Mit Herzblut und Liebe Formulierungen überdenken, zu überlegen, schonungslose Ehrlichkeit in die sanftest und doch treffendsten Worte zu packen, Gefühle so zu beschreiben, dass es der Realität beinahe schon gerecht wird: Das alles offenbart die Kunst des Briefschreibens.
Heute schon einen Blick in ihre Post geworfen? Unwahrscheinlich, dass sich darin noch ein liebevoll mit Hand geschriebener Brief, geschrieben mit Schönschreibfüller und auf feinstem Büttenpapier befindet. In den meisten Fällen stapeln sich Rechnungen, Werbung, Informationsprospekte über die neuesten Angebote ihrer Mitgliedschaft bei Tchibo und ein Katalog für Damenmode in Übergrößen, bei dem sie sich wirklich nicht erinnern können, wann sie den denn bitte bestellt haben.

Obgleich es an und für sich schade ist, dass sogar die gute alte Postkarte aus dem Urlaub langsam aber allmählich deutlich seltener wird, möchte ich mich hier auf etwas anderes konzentrieren. Denn der Brief ist dabei, von uns zu gehen. Doch was an seine Stelle tritt sind eMails und, ganz besonders, Skype, msn, Facebook und alle Möglichkeiten, online zu kommunizieren, modern gesprochen zu "chatten".

Chatten = neumodischer Schnickschnack?

Zugegeben, Vorurteile gegenüber dem "Chatten" gibt es genug und klar von der Hand zu weisen sind diese nicht. Oberflächlich sei es. Leer. Zeitverschwendung, leeres Getippe innerhalb von Minuten oder sogar Stunden, die man sich doch auch hätte persönlich treffen können. Oder zumindest telefonieren! Doch hier möchte ich einmal klar darauf verweisen, dass auch die Qualität eines persönlichen Gespräches von Angesicht zu Angesicht klar von den zwei Nasen abhängt, die da miteinander kommunizieren. Wie ehrlich sie sind, was sie tatsächlich aussprechen, ob sie eine Maske der Fröhlichkeit aufsetzen, oder ihr "wahres Gesicht" (wenn auch leicht pathetisch formuliert) zeigen. All das ist nicht selbstverständlich, ganz sicher nicht der Regelfall. Muss es ja auch nicht. Nicht jedes Gespräch ist ein Gespräch unter engen Freunden und nicht jeder hat immer Lust, sein Herz dem Gegenüber auszuschütten und entsprechend kommentieren und bereden zu müssen. Aber soviel nur zum Klischee "Gespräche unter vier Augen sind besser".

Vom Füller zur Tastatur

Genauso wie ein sogenanntes "Face2Face"-gespräch nicht immer vor Offenbarung und Ehrlichkeit strotzt, tut es freilich auch kein per Internet geführter "Chat". Ich komme nun zurück auf vorher erwähnten Brief. Das, was im gesprochenen Wort oft verteufelt schwer ist zu formulieren, weil zu schnelllebig, zu spontan, zu sehr auf Extrovertiertheit und Offenheit angelegt, fällt vielen leichter, aufzuschreiben. Ob mit Hand und Füller auf Papier oder Fingern und Tastatur auf den Monitor spielt hierbei, wage ich zu behaupten, keine große Rolle. Möglicherweise ist der Chat DAS Kommunikationsmittel für Momente, in denen Menschen früher Briefe geschrieben haben. Die eMail setzt es noch eher eins zu eins um, da man hier einen gebündelten Text schreibt und wie ein Paket zusammenschnürt, Dinge wieder herausnehmen oder noch mit etwas Verzierung schmücken kann. Es sich durchlesen und überlegen, ob mit dieser Nachricht das gesagt wird, was man ausdrücken wollte.

Der Chat lebt!

Der Chat hat ein besonderes Feature: Er lebt! Er ist interaktiv. Person A schreibt etwas, Person B antwortet, Person sendet einen "Lachsmiley" und kontert fröhlich mit einer Retourkutsche. Lange Pausen werden wahrgenommen, emotionale Statements sind, genau wie bei gesprochener Sprache, auch in geschriebener vom jeweiligen Individuum abhängig. Wenn Anna "..." schreibt, heißt es etwas anderes, als wenn Peter kurz schweigt. Susi überlegt oft ewig, bevor sie zurückschreibt, ihr Chatpartner dagegen schickt ihr, um Unsicherheiten zu überbrücken, eine Amarda an fröhlichen Grinsegesichtern. Der eine hat ein Faible für den lustigen Smiley mit der Sonnenbrille, der andere ist ein großer Fan des Satzes mit einem einfachen "." dahinter. Klingt einfach viel cooler.
Also ein echtes Gespräch für "Nerds", für Leute, die sich einfach nur nicht trauen, in der "realen Welt" ihren Mund aufzukriegen? Würde ich nicht sagen, zumindest nicht nur. Ja, einerseits wird hier ganz deutlich denen unter den Arm gegriffen, die bisher Schwierigkeiten hatten, sich im Gespräch zu äußern. Es muss ja nicht bedeuten, dass diese nun zu einem Versauern vorm Bildschirm verdammt sind. Viel mehr können es die ersten Schritte hin zu einem geselligeren, kommunikativeren Leben werden, da man anfängt, Vertrauen zu anderen aufzubauen.

Kein Ersatz, viele Chancen

Andererseits: Der Chat ist, wie ich es sehe, nicht nur ein Ersatz für von Gesicht zu Gesicht, Augen zu Augen vorgetragene Unterhaltungen. So oder so kann man auch hier besser und in Ruhe über Antworten nachdenken und an Nachrichten feilen. So oder so eröffnet es die Möglichkeit, in Momenten, in denen man sich vielleicht gerade weder raustraut, noch jemanden anrufen möchte, dennoch wohlwollenden Kontakt anzunehmen. So oder so bedeutet es für viele die Möglichkeit, sich zu äußern, auf eine Weise, die sie vor fünfzig Jahren nur per Brief und damit verbundener (zumindest für eine Zeit) Einseitigkeit und Einsamkeit gehabt hätten.Sich mit geschriebenem Wort auszuprobieren, wenn die Zunge und Sprache sich noch nicht recht trauen mögen. Für viele, denen es aus diversen Gründen erschwert ist, zu reden und auf "normale Art" zu plaudern, eine Riesenchance.

Der Chat wird einen gemütlichen Abend unter Freunden, in denen man gemeinsam über alles quatscht nicht ersetzen. Ebenso wenig ein intimisches Gespräch zweier Menschen, die sich kennen und lieben. Menschen brauchen auf Dauer eine tatsächliche Nähe, eine körperliche Präsenz, da bin ich überzeugt.
Aber genauso wie man es dem Brief eingeräumt hat, den Mörsen und dem Telefon, verdient es auch der Chat:
Er ist eine eigene Kommunikationsform mit ganz besonderen Vorteilen.

Denn manches lässt sich eben noch besser aufschreiben. Und die Antwort folgt sofort.

Mittwoch, 25. April 2012

Zeit haben = sich Zeit nehmen

Es ist ein neues Buch rausgekommen, das nun in den Zeitschriften diskutiert, seziert und analysiert wird. Die meisten sind sich einig: Genial. Die Rede ist von der "Long-Life-Formel" von Howard Friedmann und Leslie Martin. Die Studie an sich, um die sich das Buch dreht, ist ziemlich interessant. Von ihrer Geburt in den 20er Jahren an bis zu ihrem Tod dokumentierten die Forscher die Lebensweise und den Lebensverlauf von anderthalb tausend Menschen. Sie alle ernährten sich unterschiedlich, hatten verschiedene Hobbys, Freizeitgestaltungen, Freundeskreise. Die Unterschiede im Lebensstil werden im Buch verglichen, analysiert, um so herauszufinden, welche Faktoren ausschlaggebend für ein langes Leben sein könnten.

Anleitung zum Altwerden

Sicher eine sehr ungenaue und grobe Zusammenfassung, doch hat mich das Buch zum Nachdenken angeregt. Besser gesagt nicht das Buch, sondern die große Aufbereitung dieses in den Medien. Dass das Thema "Lange, glücklich und zufrieden leben" aus naheliegenden Gründen nicht uninteressant für den Homo Tausendmal-Sapiens ist, klar. Dass es Bücher ohne Ende gibt, bei sich Wissenschaftler, Experten (oder auch nicht) detailiert erklären, warum genau Brokkoli, Yoga oder dreimal Laufen in der Woche uralt werden lässt, wissen die meisten auch. Seit wir dank unserer Wohlstandsgesellschaft Zeit und Muse haben, um uns über so etwas Gedanken zu machen, ist es ein Riesenthema. Gesundheitsapostel schlagen sich seit langem geradezu die Köpfe darüber ein: Wie können wir möglichst lange auf diesem Planeten verweilen? Dennoch hatte ich persönlich bis zur Veröffentlichung besagten Buches von dem ganzen gar nicht so viel mitbekommen. Vielleicht weil ich noch der Generation angehöre, die Brokkoli isst und joggt, um knackig fit und nicht etwaum alt zu werden.

Wieso nochmal wollen wir alt werden?

Was mich nur verwundert, ist die Selbstverständlichkeit, mit der davon ausgegangen wird: Klar, wir wollen alle alt werden. Zeit auf Erden, sie möge vom Himmel herabfallen! Wir sind auch ganz artig.
Aber mal weg vom Vielleicht-in-einem-halben-Jahrhundert und zurück ins Hier und Jetzt. Da ist eine Uhr. Der Zeiger steht auf ein Uhr nachmittags. Was fällt Ihnen dazu ein? Pling, da ist er schon, der mentale Terminkalender. Das nächste Meeting, die Küche, die zu putzen ist oder ein Treffen. Selten der Gedanke: "Hurra ich habe noch elf Stunden, bevor dieser Tag zu Ende geht." (Es sei denn, beim nächsten Tag handelt es sich um eine Deadline für die längst abzugebende Arbeit.) Verstehen Sie mich nicht falsch, das ist kein Vorwurf: Wir sind nunmal einfach nahezu Meister darin, uns unsere Zeit zu verplanen. Für einen kurzen Zeitraum empfindet man es, besonders nach einigen hektischen Stunden, als angenehm, mal wirklich "Zeit zu haben", statt sie wieder in etwas zu investieren. Einfach nur herumzuhängen, durchzuatmen, zu denken, zu sein.
Doch dann geht es schon wieder los. Man wird unruhig, kribbelig, alle sind in Bewegung, tun etwas. Wer hängt denn schon den ganzen Tag rum? Als Tagesplan, in schlechten Momenten auch als Hamsterradl, wird das bezeichnet, was früher oder später jeder von uns hat. Wir suchen nach Möglichkeiten, Zeit zu vermehren. Gleichzeitig sind wir eifrig dabei, sie bloß wieder loszuwerden, sobald sie da ist. Vielleicht wäre es zunächst einmal wichtig, Zeit auch wirklich als solche wahrzunehmen und schätzen zu lernen.
 

Mehr Zeit zum Zeit Totschlagen

Noch verblüffender erscheinen nämlich in diesem Kontext Ausdrücke wie "Zeit totschlagen", die nicht selten gewählt werden. "Weg von der Straße sein", "endlich wieder was zu tun haben" und so weiter. Man will doch alt werden, um mehr Zeit zu haben. Und dann schlägt man sie tot? Es ist ja wirklich nicht so, als wüssten wir nichts mit unserer Zeit anzufangen, wenn keine Aufgabe anstehen würde. Im Kopf haben wir sie schon tausendmal gemalt, die Aquarellbilder und Bleistiftzeichnungen, oder drehen unseren eigenen Kurzfilm, den wir auf Youtube stellen wollen. Achja und da wäre noch der Modeblogg, den man ganz sicher bald mal machen will. Wenn man eben Zeit hat.

Leben + Sich Zeit nehmen = Zeit haben

Meine Frage, die nun niemanden in Verzweiflung stürzen, sondern einfach nur zum Nachdenken anregen soll (auch mich selbst): Hat man Zeit? Wann hat man die denn? Kommt die per Post? Mit einem Schleifchen drumrum und der Botschaft "Herzlichen Glückwunsch, Ihnen wurde so eben drei Tage, 72 Stunden, Zeit geschenkt. Viel Spaß damit."?
Oder aber... nimmt man die sich einfach? Hardcorevariante wäre, alles stehen und liegen zu lassen und einfach spontan in den Zug zum lange ersehnten Ausflugsziel einzusteigen. Fände schreiendes Baby, gestresster Chef oder wartender Partner vielleicht nicht so lustig. Aber es kommt der Tag, da kommt auch die Chance. Chance auf freie Zeit. Nichts tot schlagen, nichts planen, sondern das tun, was man möchte. Oder solange nichts tun und einfach nur Gedanken schweifen lassen, bis man weiß, was man tun möchte. Das würde ich als "Zeit haben" bezeichnen. Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, oft ist es tatsächlich schwer, sich überhaupt mal ein wenig Zeit für sich freizuschauffeln. Ich glaube nur, selbst das Schauffeln will gelernt sein. Statt also an in-einem-halben-Jahrhundert zu denken, wäre es vielleicht klüger, sich hier und jetzt, wann immer es geht, ein paar Stündchen oder sogar Tage zu nehmen.

Vielleicht stellt sich dann auch irgendwann gar nicht mehr die Frage, wie man noch mehr Zeit zum Totschlagen auf Erden gewinnen kann. Weil man wichtigeres zu tun hat. In der Wiese liegen und nachdenken zum Beispiel. Und Aquarellbilder malen.

Samstag, 14. April 2012

"Generation Maybe"? Gebt uns Zeit!

Tausend Möglichkeiten, keinen Elan. Viele einladende Wege, doch weder Ehrgeiz noch jeden Tropfen Herzblut, sie zu gehen. Schwere Vorwürfe, die derzeit auf unsere Generation einprasseln.

Unsere Generation: Das sind wir Privilegierten, beschenkt mit Reichtümern an Möglichkeiten, von Geburt an. Vielleicht nicht Geld, vielleicht nicht Status, dennoch mit der Aussicht, generell alles aus unserem Leben machen zu können, wenn wir es nur wollen. Sicher, ein Anwaltstöchterlein aus gutem Villa-am-See-Hause wird die Welt voraussichtlich anders erleben als der Hoodie-tragende rebelierenden Kleinganove "aus der Bronx": Aber letztlich leben wir doch in der selben Welt. Gerade Internet, Globalisierung, Vernetzung und die Aufweichung von Grenzen, prägen uns von Schulzeit an.

Praktikum im Ausland. Work and Travel. Oder da bleiben, duales Studium. Normales Studium. Fachhochschule, wer's nicht ganz so theoretisch haben will. Auch Ausbildungen scheinen lange nicht mehr den Ruf der "unakademischen Holzklasse" zu tragen. Der aktuelle Zeitgeist und die Mentalität lautet: "Alles ist möglich! Live your dream. Yes, you can."

Das Resultat: Artikel wie "Generation Maybe hat sich im Entweder-Oder verrannt". Der latente Vorwurf: Wir haben viele Chancen, die wir ergreifen könnten, alle Tore stehen uns offen; und wir chillen in der Hängematte davor, träumend und grübelnd, welche glorreichen Wege wir wohl beschreiten könnten und was nun das wirklich BESTE ist.
Manche liegen nicht, manche rennen auch hektisch von einem Tor zum anderen, sind kurz davor, eines zu passieren und machen im letzten Moment vor lauter Panik kehrt.
Das Resultat bleibt das gleiche: Die Tore bleiben unbeschritten, die Menschen ohne fixes Ziel und ein großes Fragezeichen schwebt wie ein Damoklesschwert darüber.

Das Problem erkennt schon der Artikel: Unser eins neigt dazu, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen. Aber ist es denn ein Wunder? Früher waren die Perspektiven an einer Hand abzählbar, heute würde nicht mal ein Tausendfüssler reichen, um ähnliche Übersicht zu bieten.

Nun aber zu dem, was ich zu dem ganzen Schlamassel anzumerken habe: So wild ist es meines Erachtens nicht. Denn in der Theorie hört sich all das schön und gut (oder eben schlecht) an, hat sicherlich seine Richtigkeit. ABER: In der Praxis schaut's dann doch noch mal anders aus.
Ich kenne zuviele 20- bis 35-Jährige, die sehr wohl das haben, was uns angeblich fehlt: Eine Vision. Haufenweise Energie. Ein wahres Streben auf ein Ziel hin, das tief im Herzen danach schreit, erfüllt zu werden. Oder zumindest, weniger pathetisch formuliert, eine genaue Vorstellung von dem, was man gerne beruflich macht, machen möchte und wie man gedenkt, dahin zu kommen. Berufs- und Reiseziele, Familienpläne und Bausparverträge.
Auch sind diese Visionsträger und Zielstreber zuviele, um nur der Abweichung von der Norm, der Ausnahme des Regelfalls, zu entsprechen.

"Generation Maybe" äußert sich meiner Erfahrung nach oft eher in einem anderen Sinne: Man hat stets im Kopf, "maybe" vielleicht noch etwas anderes zu machen. Viele fühlen sich in dem was sie tun deutlich befreiter und bestärkter, weil sie wissen, dass sie sich hier nicht wahlweise ihr eigenes Fundament oder aber ihr eigenes Grab schaufeln, sondern nur eine der zahlreichen Möglichkeiten ausprobieren. Weil sie sich genau vom Zeitgeist inspirieren und ermutigen lassen, ihre Chancen zu leben und die Scheu vor dem Scheitern geringer wird. Je mehr Möglichkeiten, desto weniger Druck auf der einzelnen. Je mehr Alternativen, desto weniger Angst davor, eine davon abzuhaken und vom persönlichen mentalen Perspektivenplan zu streichen.
Sicher, manchmal mag dann vielleicht auch der Ehrgeiz fehlen, etwas durchzuziehen. Sicher werden viele von uns im Zweifelsfall den leichteren Weg wählen, statt sich mal ordentlich durchzubeißen. Am Ende will doch aber eigentlich jeder das finden, in dem er/sie wirklich aufgeht und das "genau sein/ihr Ding" ist, um es umgangssprachlich zu formulieren.

Woran ich fest glaube: Auch die Menschen unserer Generation sind immer noch Menschen. Das heißt: Sie atmen, sie leben, sie haben Energie, sie haben Gefühle und sie haben eben sehr wohl Leidenschaft, individuelle Sehnsüchte, Wünsche und letztlich daraus resultierend: Ziele.

Gebt uns Zeit, wir finden unseren Weg schon noch.
Dank fehlender Rentenkassen werden wir wohl eh arbeiten, bis wir tot sind, um bei all der herrlichen Pathetik noch ein wenig Zynismus ins Spiel zu bringen. Wir haben also tatsächlich noch eine ganze Menge Zeit, uns auszuprobieren und aus "maybe" ein "definitely" zu machen.

Montag, 2. April 2012

Der schmale Grat zwischen Spiritualität und Wahnsinn

Meine Mutter und meine Oma haben eins gemeinsam: Sie sind mit einem ziemlich gesunden Pragmatismus ausgestattet. Empfand ich das vielleicht in naiv-verspielt-verspinnten Jugendjahren noch als unromantisch und beklemmend, bin ich heute über alle Maßen dankbar dafür.

Denn die Welt, in der wir leben, erscheint mir des öfteren verwirrend. Es strömen eine Menge Impulse, Kulturbräuche und Konsumgegenstände aus aller Herrenländer auf uns ein. Früher machte man das, was im eigenen Heimatsland eben üblich war. Der Bayer aß seine Leberkassemmel, der Japaner sein Sushi und der Mexikaner Tortillas (extrem überspitzt formuliert freilich). Das war einmal. Heute isst jeder alles, macht jeder alles und, scheinbar, darf auch jeder alles. Globalisierung, Vernetzung, We-are-one-world-Kultur. Alles top. Nur eben recht verwirrend, ab und zu.

Als besonders schwierig empfinde ich das Thema "Ashram". Nicht nur die gemeinsame Glaubensstätte ist gemeint, sondern alle mit der "Yoga-Kultur" einhergehenden Gepflogenheiten und Denkensweisen. Man schlürft grünen Tee, verbiegt sich hin und wieder in spirituell-sehnig anmutenden "Asanas" (Yogastellungen) und ist ansonsten ganz "free and open" in "mind and soul". Alles kann, nichts muss. Immer mit der Ruhe und nicht vergessen: Tiiiief ein- und ausatmen. Ich will mich nicht lustig machen, dafür interessiert mich das Gebiet viel zu sehr. Doch hier kann ich durch meine pragmatisch geprägte Erziehung nicht anders, als mit einer gewissen Grundskepsis an die Sache heranzugehen.
Denn ich frage mich: Wo ist die Grenze zwischen spirituell-gesunder Ruhe und esoterisch-übersinnlichem Wahnsinn? Das Risiko, sich in Meditationsgesängen und Klangschalen zu verlieren und den Blick für die tatsächlichen Inhalte des eigenen Lebens zu verlieren, scheint latent.
Erstmal lässt sich recht einwandfrei bestätigen, dass Yoga gesund ist. Gut für Haltung, Entspannung, Muskeln, Gesundheit, Herzkreislauf. Viele können dabei relaxen, andere nutzen es einfach, um Rückenschmerzen vorzubeugen. Auch Tee hat den Ruf, gesünder als Kaffee zu sein. Um hier nicht zu ernährungswissenschaftlich zu werden, möchte ich einfach zusammenfassen: Gesunde, bewusste Ernährung, wie in der Yogakultur durchaus propagiert, ist, man glaubt es kaum, gesund und daran ist sicher nichts falsches. Dass man die eine oder andere erhobene Augenbraue bei Fragen wie "Ist der Reis auch Vollkorn?" oder "Haben Sie denn kein Dinkelbrot?" riskiert, ist wohl in Kauf zu nehmen.

Solange sich das ganze noch im "normalen" Kontext abspielt, wirkt das ganze ja in Ordnung. Will heißen: Man lebt sein Leben, nur eben mit ein wenig Einfluss aus östlich-exotischen Kulturen und trinkt dann eben Tee statt Kaffee. Macht abends halt lieber Yoga, statt sich zum "Trimm-dich-schlank-Kurs" des heimischen Fitnesscenters zu begeben. Es gibt eh genug Vermischungen von West und Ost, so dass eine lockere Grenze für die meisten angenehm einzurichten ist. Poweryoga und grüner Tee gehören eh bereits zum Standard.

Wo beginnt es also, kritisch zu werden und das eigene Denken langsam aber sicher zu manipulieren? Die Persönlichkeit zu verkehren in eine Richtung, die man, hätte man es vorher gewusst, lieber verhindert hätte?
Möglicherweise beginnt es schon dann, wenn man sich des öfteren dabei ertappt, anderen ungebetenerweise Ratschläge und Tipps zu geben, davon ausgehend, dass Yoga und co ein Allheilmittel für jedermann sein dürften. Wenn es irgendwann der einzige Anknüpfpunkt wird und man sich beleidigt ins Schneckenhaus verkriecht, wenn andere mit Skepsis und Unwollen antworten. Wenn man merkt, dass man vielleicht schon zu sehr nur noch "sein Ding" macht.

Beruf, Familie, Freunde und irgendwie einfach das "normale Leben": Je mehr man sich davon entfernt, desto schwerer fällt das Zurück. Vor allem, wenn Probleme im Alltag der Grund für die innere Unzufriedenheit und Auslöser für die "Sinnsuche" waren, kann so ein Ashram meines Erachtens auch als Fluchtort dienen. Er bietet das, wonach man sich sehnt: Keine Probleme, keine Ängste und keine Forderungen. Doch was man in Kliniken "Hospitalismus-Effekt" nennt, gibt es, nehme ich an, in ähnlicher Form auch in Ashrams: Man gewöhnt sich so sehr an Menschen, die überdurchschnittlich tolerant, friedlich und "open-minded" sind, dass die tatsächliche Härte und so manch ein Umgangston des "realen" Alltags, wieder zurück aus dem Ashram, schlichtweg frustrierend und beängstigend wirkt. Es haut einen um. Irgendwann geht gesunde Skepsis verloren und naiver Gutglauben tritt an seine Stelle. Wer für immer im Ashram bleiben will, ok. Wer sich der Kultur anschließen und sein Leben danach künftig ausrichten möchte, klar, seine Entscheidung. Der Rest wird irgendwann jedoch leider aufwachen müssen und, zurück am Boden der Tatsachen feststellen, dass nicht alle von Ausdruckstanz und Klangschalen so begeistert sind, wie er.

Eines Tages möchte ich selbst mal für eine kurze Zeit in einen Ashram, um auf eigene Faust zu erkunden, wie das Ganze dort denn tatsächlich von statten geht. Brainwashing oder Friede, Freude, Eierkuchen für eine kurze erholsame Zeit? Kann man letztlich wohl nur herausfinden, indem man es sich ansieht.

Ich überlege nur noch, ob ich meiner Oma davon erzählen sollte.

Dienstag, 20. März 2012

"Savoir Vivre"

Zu deutsch: "Wissen, wie man lebt." Ob auf dem Flyer einer Weinwerbung oder an einer vollgeschmierten Bank in der Uni: Irgendwo ist mir dieser Satz neulich in die Augen gesprungen und hat sich in meinem Hirn weiter gesponnen. Erstmal scheint die Formulierung dämlich. Sicher, es geht darum, zu wissen, wie man "gut" lebt. Dennoch: Wer nicht weiß zu leben, der ist doch wohl tot, denkt man sich und verdreht im Geiste die Augen gen Himmel. Da hat mal wieder mit zwei Worten ein philosophisches Zitat erbracht. Hört sich ganz schlau an, jaja, danke, kenns schon. Genießen und so. Man denkt an Franzosen und Wein und Italiener, die im Café sitzen und je nach Tages- und Nachtszeit (oder auch nicht) kräftige Espressi oder aber Vini trinken (im stiefelförmigen Land ist "Savoir Vivre" eben dann die "Belllllla Dolce Vita"). Nein, verzeih, sie trinken nicht: Sie genießen! Sie kosten das Heiß- oder Kaltgetränk bis zum letzten Tropfen aus. Schließen vielleicht ab und an genießerisch die Augen; aber auch nur wenn sie nicht zu beschäftigt sind, mit "Parlare". Denn richtig, sie reden nicht, sie parlaren, will heißen mit schwungvoller Gestik und Mimik, mit lauter Stimme, voll Inbrunst und Emotionen. Erst klang es, als würden sie sich hassen und beschimpfen, im nächsten Moment lachen sie fröhlich miteinander.

Verzeihung, ich schweife ab. Ich liebe das französische und italienische Lebensklischee, auch wenn das mal wieder sarkastischer klang als gemeint. Nur: Können das echt nur die Franzosen? Die Italiener? Vielleicht noch die Spanier und ganz sicher auch die Australier? Was genau ist denn das, diese besondere Kunst, zu leben? Wissen, wie man RICHTIG lebt und nicht einfach nur lebt?

Ich glaube, es ist eine Kombination aus "Sich selber mögen", "Andere mögen" und "Das, was man tut, mögen". Wenn eins der drei Dinge die meiste Zeit des Lebens nicht zutrifft, könnte was schief laufen. Wer jetzt hofft, beim Weiterlesen das Patentrezept für ein glückliches, erfülltes, "gekonntes" Leben zu führen, den muss ich leider enttäuschen.

Aber manchmal habe ich so eine Idee: Wie wäre es wenn bei allem was wir tun und lassen im Hintergrund ein schönes, ruhiges und fröhliches Lied laufen würde? Für mich wäre es wohl das Auenland-Lied (ja ich weiß, das ist definitiv nicht der korrekte Titelname, aber fängt die Flöte nicht an zu trällern, sobald sie an das Auenland denken?), aber das ist sicher individuell je nach Geschmack und bevorzugter Musikrichtung. Was wäre dann? Stellen Sie sich vor, sie gehen an einem grauen, trüben Tag einen hässlichen Weg entlang. Düster oder? Trist. Jetzt stellen Sie sich das Ganze mit dem Lied vor. Sicher, Wolken, Sorgen, Trauer und Ängste werden von den schönsten Panflöten nicht weggeblasen. Doch die vier gehören unter anderem eben zu dem, was das Leben eben halt ist. Nur die Sichtweise ändert sich. Und wir besinnen uns auf das zurück, was wir mit dem Lied verbinden: Stärke, Träume, Ziele, Wünsche... das Lied kann viel in sich tragen.

Einerseits gestalten wir unser Leben selbst, andererseits ertrinken wir in genau der Riesenpalette an Möglichkeiten, die es uns bietet. Sein Leben in die Hand zu nehmen, seinen Tag zu gestalten, wie man möchte, ihn mit Menschen zu verbringen, die man gern hat und sich auch Zeit für sich und für Ruhe zu nehmen: Das kennt man, das weiß man.
Doch das Leben ist eben kein Ponyhof und nicht immer so, wie wir es haben wollen. Und manchmal wie wir es haben wollten und dennoch finden wir uns statt glücklich eher leer und zufrieden vor.

Ich glaube "Savoir vivre" greift weiter. Wissen, wie man lebt, heißt für mich nicht nur, den Moment zu genießen. Für mich bedeutet es eher, das Leben entspannt zu nehmen. Sich bei dem was man tut, fragen, wie man sich dabei fühlt. Ob es sich richtig anfühlt. Ob wir das wirklich wollen, oder glauben es zu wollen. Ob wir es wirklich NICHT wollen, oder glauben, wir dürfen einfach nicht.

Für mich ist "Savoir Vivre" letztlich genau das, was ich eigentlich vermeiden wollte, in diesem Wortlaut zu schreiben:
Seinem Herzen zu folgen.

Freitag, 16. März 2012

Ich muss gar nichts?

Ich beneide Jungs (verzeihung, junge Männer) um ihren Zivildienst. So jetzt ist es raus. In Deutschland wurde dieser offenbar bereits abgeschafft, aber hier in Österreich ist er nach wie vor Usus. Nach der Schule gehts demnach erstmal ins soziale Feld (oder aber ins Militär). Krankenhaus, Altersheim, Rotes Kreuz... die Möglichkeiten sind groß. Sie haben eins gemein: Man sammelt Erfahrungen. Mitunter vielleicht deswegen die wertvollsten aller Erfahrungen, weil im Umgang mit Menschen.

Man kann mir mit Fug und Recht vorwerfen, ich habe leicht reden. Schließlich bin ich ein Mädl und bin somit ohnehin "fein raus". Argumente wie "Dafür werds dann halt schwanger" und ähnliche greifen heutzutage auch nicht mehr so treffsicher wie noch vor vielleicht zwanzig Jahren. Aber das sei jetzt mal dahingestellt.

Warum beneide ich die Zivildienstleistenden? Der Grund ist einfach: Sie werden gewissermaßen zu ihrem "Glück" gezwungen. Natürlich ist Glück hier ein eher weitläufiger Begriff und wäre wohl besser mit "Dazulernen" und "wertvolle Lebenserfahrungen" zu ersetzen. Dass eben diese neuen Eindrücke letztlich jedoch ein wichtiger Schritt zum Glück sind, davon bin ich überzeugt. In einem Gespräch mit einem Freund bin ich überhaupt erst darauf gekommen. "Freiwillig hätt ich des nie gemacht", so sagte er. "Aber dann war's echt cool, weil ich wusste, ich muss das eh. Dann hab ich mich halt drauf eingelassen und das beste draus gemacht. Es wurde ne echt gute Zeit."

Doch es geht mir nicht nur um soziale Ehrenämter und Tätigkeiten. Man kann das auf so vieles im Leben projezieren. Egal ob selbstloser Akt der Nächstenliebe oder auch nur die ersten harten Wochen in einem schwierigen Job: Heutzutage sind Freiheit und Möglichkeiten manchmal vielleicht mehr Fluch denn Segen. Erscheint eine Situation schwierig, gibt es einfach oft genug Möglichkeiten, dem auszuweichen. "Ich muss gar nichts", scheint ein gewisses Credo zu sein, das zunächst nach Selbstbewusstsein und nach selbstbestimmtem Leben klingt. Im Prinzip ist das ein guter Leitsatz, der einem, richtig angewandt, gleichzeitig ein wärmender Mantel und ein sicheres Schutzschild zugleich bietet. Doch der Teufel liegt schon in dem Satz: "richtig angewandt".
Denn es ist die latente Verlockung da, einfach wegzulaufen. Oder es gar nicht erst zu beginnen, wenn man denn nicht muss.

Sich selber zwingen, könnte eine Alternative sein. Ist jedoch alles andere als leicht, denn letztlich versucht man, sich selbst auszutricksen. "Du musst das!", versucht man sich einzureden, wähernd ein sicheres Gefühl und Bewusstsein in einem kontert: "Ne, stimmt nicht. Musst du garnicht."
Selbstredend ist das hier mal wieder ein Luxusproblem und ich möchte nicht bestreiten, dass es durchaus Situationen gibt, in denen man eben durchaus muss.

Ich spreche mehr von dem, was man könnte, es aber nicht tut, weil man es eben auch lassen kann.
Dann einfach lassen? Schade um die tollen Erfahrungen. Wie soll man wachsen, wenn man sich nicht über den Horizont hinaus wagt. Wie neues lernen, wenn man sich immer an Altgewohntes hält.
Ja richtig, es geht hier auch um Dinge, vor denen man sich fürchtet, die man sich aber wünscht. Reisen in ein fernes Land, allein und nur mit Rucksack als Gesellschaft. Freiwilligenprojekt in Südafrika. Sich selbstständig machen als Webdesignerin. Vielleicht auch nur, endlich diesen Yoga- oder Sprachkurs zu machen. Man profitiert in so vielen Weisen, am allermeisten im Herzen: Denn man wird offener, froher, glücklicher, je mehr Alternativen und Perspektiven man im Leben kennenlernt. Das hat mich das Leben bereits gelehrt. Und was gibt es denn Schöneres zu erreichen, als einfach mehr Glück und Zufriedenheit durch neue Erfahrungen?

Sehnsuchtsvoll wünscht man sich jemanden, der sagt: "So, ne, Schluss mit denken, du machst das jetzt. Das ist so festgelegt, und weil das so ist, kannst du dich einfach deinem Schicksal fügen. Brauchst auch nix mehr zu hinterfragen, das wird einfach gemacht. Wird nicht immer leicht und toll sein, aber am Ende hast du was geschafft!"

Kann man das lernen? Ich hoffe es.
Denn es bedeutet: Lernen, das zu tun, was man möchte.
Und letztlich: Sein Leben auch wirklich zu leben.