Freitag, 14. Oktober 2011

Be yourself, no matter what they say?

Ich bin verwirrt. "Be yourself, no matter what they say" singt Sting in seinem Lied "Englishman in New York". Gleichzeitig heißt es aus allen Ecken: "Lass los, probier Neues aus, lass dich inspirieren!" Man kommt nicht umhin, sich irgendwann zu fragen: Was denn nun? Man selbst sein, oder sich ständig verändern und entwickeln?


Neue Impulse
Denn einerseits hört sich das sehr gut an: Man wandelt sich, kuckt sich Gutes von Anderen ab, möchte an sich arbeiten. Ein Sportmuffel beschließt eines schönen Nachmittags, sich aufzuraffen und kramt die Jogginghose aus dem hintersten Winkel des Kleiderschranks heraus, um sich hinaus für ein paar Laufrunden zu begeben. Ein Workaholic schafft es zur gleichen Zeit, zu schöner Musik und in guter Gesellschaft, das erste Mal seit langem wieder richtig aufzuatmen und sich zu entspannen. Egal, was unser Problem ist, es gibt immer Impulse von außen, denen wir folgen können, um an unserem Problem zu arbeiten.


Oder lieber "be yourself"?
Doch: Dieses Problem ist doch Teil von uns. Würde man dem "be yourself, no matter what..." tatsächlich folgen, so müsste der Sportmuffel sich doch denken: "Ich möchte keinen Sport machen und das ist auch gut so!" Das wäre doch eine selbstbewusste und starke Position und insbesondere, wenn Besagter weder an Übergewicht noch an anderen gesundheitlichen Problemen leiden würde, absolut legitim und gerechtfertigt. Und was mit dem Workaholic? "Ich arbeite viel, aber ich schaffe auch viel und die Arbeit macht mich glücklich!", sagt er und man ist spontan ratlos, um ihm Gegenargumente zu liefern. Denn leidet er weder an Burnout, noch vernachlässigt er im starken Maße seine sozialen Kontakte, was wäre dagegen tatsächlich einzuwenden?


Beides!
Hier ist wohl einfach nur das "Ganz oder Garnicht"-Prinzip nicht angemessen. Natürlich darf ein Sportmuffel Sportmuffel sein. Und natürlich darf ein Workaholic schuften. Jeder Mensch hat ein eigenes Naturell, seine eigenen Wünsche und Ziele. Eine innere Stimme sagt ihm, was er möchte und Gefühle, die er bei seinem Tun und Schaffen hat, geben ihm Recht oder widerlegen das eigentlich Gewollte. Das ist dann wohl das "be yourself". Seinen Weg gehen und das tun, was man selbst für richtig hält und, manchmal noch wichtiger: Was sich einfach richtig anfühlt.


Das Loslassen und sich inspirieren lassen, Neues ausprobieren ist genau das: Ausprobieren. Es heißt nicht, eine Lebensdevise zu übernehmen. Ist bei vielen in Jugendtagen ja bereits schief gegangen, als man merkte, dass man doch nicht ganz so homogen ist in der Clique, in der man ein- und ausging.
Es heißt auch nicht, das Eigene, wenn es sich von dem Neuprobierten unterscheidet, gleich für falsch zu erklären. Man schnuppert einfach nur mal in eine andere Richtung.


Eine stabile Persönlichkeit
Es ist toll, wenn man weiß, wer man ist und was man möchte. Doch in der Welt da draußen gibt es viele große und kleine Dinge, die nur darauf warten, von uns entdeckt zu werden. Das hält das Leben spannend  und tut dem bereits Aufgebauten keinen Abbruch.
Wer wirklich er selbst ist und ein selbstbewusstes und stabile Persönlichkeit verfügt, wird sich nicht einfach von neuem frischen Wind umwerfen lassen. Er wird schnuppern und vielleicht Gefallen dran finden. Vielleicht aber auch nicht. Die Freiheit, genau das herauszufinden, macht meines Erachtens einen wichtigen Teil einer stabilen und gefestigten Persönlichkeit aus. Wie stabil kann sie sein, wenn sich Mauern darum befinden, um ja nichts Neues, Fremdes hineinzulassen?


Stings Song könnte meines Erachtens auch umformuliert werden: "Be yourself, but listen what they say."
Wer weiß, was dann so kommt?

Montag, 10. Oktober 2011

Wenn sich der Sinn noch versteckt

"Na toll, das war ja echt umsonst." Einen solchen enttäuschten oder lustlosen Gedanken hatte jeder schon einmal. Sei es nach einer Vorlesung, deren Inhalt nicht sonderlich spannend erschien oder sei es das Treffen mit einem Freund, von dem man sich mehr erhofft hatte. Auch wenn man einen Nachmittag mal nur mit Träumen verbracht hat oder aber sonst wie das Gefühl hat, oder das Bummeln in den Geschäften am Ende wieder viel mehr Zeit geraubt hat, als man das vorhatte. Es schleicht sich ein ungutes Gefühl ein. Das Gefühl, Zeit verplempert zu haben, die man doch hätte viel besser nutzen können.


Der direkte Nutzen
Ein wichtiger Schlüssel zu einem glücklichen und zufriedenen Dasein ist vielleicht, damit aufzuhören, zu werten. Wir suchen unbewusst und bewusst nach einem tieferen Sinn unseren Tun und Seins. Ein paar meinen damit den Sinn des Lebens, die meisten eher einen weitaus pragmatischeren Sinn. Eine gute Vorlesung beispielsweise hinterlässt das Gefühl, etwas gelernt und Interessantes gehört zu haben. Ein gutes Treffen mit einem Freund enthält eine Menge Austausch und das Aufwerten des eigenen Selbstwertgefühles.


Wer weiß? Niemand.
Doch bei diesen Wertungen geht man davon aus, bereits genau zu wissen, welche Vorteile möglicherweise aus Situationen zu gewinnen sind. Was uns bestimmte Erfahrungen und Erlebnisse "bringen". In unserem Kopf ist eine breite Palette an Sachen, die es zu erringen gibt. Wichtig ist aber, sich klar zu machen: diese Palette ist keineswegs vollständig. Es ist uns oft keineswegs klar, welchen Sinn und welche Bedeutung bestimmte Ereignisse in unserem Leben vielleicht später mal eine Rolle spielen werden. Was, wenn in der Vorlesung ein einziger Satz fiel, an den wir uns erinnern, der uns jedoch später weiterhelfen soll? Was, wenn das Treffen mit dem Freund nur deswegen nicht so gut lief, weil er etwas gesagt hat, das nicht angenehm war zu hören, aber wichtig für unsere weitere Entwicklung? Auch nehmen wir viele Dinge in unserer Umgebung erst im Nachhinein richtig war. Wie schön eine Landschaft oder ein Ort wirklich war oder welche Emotionen in uns aufkamen, als wir dort waren: All das merkt man oft erst im Nachhinein. Nicht während man direkt dort steht.
Natürlich lässt sich das auch auf traurige Erlebnisse anwenden. Zunächst nur ein herber Schicksalsschlag, wachsen wir an diesen.


Nicht erwarten, sondern gespannt sein
Wir sehen nur den Sinn in Dingen, den wir bereits in irgendeiner Form erwartet haben. Wir kennen unsere Zukunft jedoch überhaupt nicht und somit wird uns besagter Sinn in Situationen im Hier und Jetzt noch sehr oft entgehen. Meine Mutter meint oft: "Wer weiß, wozu es noch gut sein wird" und damit hat sie Recht. Einfach sein Leben zu leben und gespannt zu sein, lautet die Devise. Wir sind nicht allwissend und das erlaubt uns viel öfter, als wir es zu lassen, uns einfach mal zurück zu lehnen und abzuwarten.


Denn, egal wie sinnlos und frustrierend etwas im einen Moment erscheint. Seine Bedeutung könnte schon bald direkt vor unserer Nase liegen.

Donnerstag, 6. Oktober 2011

How to be happy

Manche Menschen begegnen einem Tag für Tag mit einem von Innen heraus strahlenden, fröhlichen Lächeln. Die Sonne scheint aufzugehen, sobald sie einen Raum betreten und man fühlt sich automatisch wohl in ihrer Nähe. Sie sind mit sich und ihrer Umwelt zufrieden und das strahlen sie auch aus.
Andere hingegen haben einen relativ gleichbleibenden Gesichtsausdruck aufgesetzt: Irgendwas zwischen neutral, unglücklich, schlecht gelaunt und... müde? Man erlebt sie selten, wie sie mal richtig Spaß haben oder herzhaft auflachen (und selbst dann wirkt es eher wehmütig und im schlimmste Fall gekünstelt) und das Non Plus Ultra aller Antworten auf die Frage "Wie geht's dir?" lautet: "Hm ja, passt schon."

Warum sind manche glücklich und andere nicht?
Doch was macht den Unterschied zwischen den beiden? Werden Menschen als Sonnenscheinchen geboren oder eben nicht? Ist es Veranlagung oder ist es eine bewusste Entscheidung, die man in seinem Leben irgendwann gefällt hat, das Leben positiv anzugehen und einfach GLÜCKLICH ZU SEIN?
Wahrscheinlich ist es von Fall zu Fall unterschiedlich. Rein biochemisch und mit hormon-spezifischen Erklärungen kann man wohl einen Zusammenhang zwischen den Erbanlagen und des persönlichen Glückszustandes bzw. die Ausschüttung vom Glückshormonen wie Seratonin (um eines davon zu benennen) herstellen. Günstige Voraussetzungen gibt es also sehr wohl direkt von Geburt an.

Des eigenen Glückes Schmied
Von da aus geht es hingegen weiter mit dem Leben. Der Mensch sammelt Erfahrungen, Eindrücke, erlebt eine schöne oder weniger schöne Kindheit und ist irgendwann erwachsen und auf eigenen Beinen. Wer nun damit argumentiert, dass halt die glücklich sind, die möglichst viele glückliche Erfahrungen gesammelt haben, der irrt meines Erachtens. Denn genau hier geht es um die Entscheidung.
Anders kann man nicht erklären, dass Menschen mit der gruseligsten Vergangenheit immer noch lachend morgens aufwachen und den Tag begrüßen. Hingegen andere nie wirklich etwas Schlimmes erlebt haben, ein relativ normales und, wenn man es von außen betrachtet, schönes Leben führen, sich stets demotiviert und unzufrieden fühlen und genauso dreinblicken.
Es geht wohl darum, sich dafür zu entscheiden, das Leben positiv zu sehen.

Die Chance, glücklich zu sein
"Be happy": Klingt nach einem blöden Spruch und ist sicherlich nicht gerade das, was einen Depressiven spontane Heilung beschert. Aber mit "Be happy" ist nicht gemeint, einfach mal die Mundwinkel hochzuziehen und einen auf "Mir gehts ja so gut" zu machen. Es ist ein Weg, den man beschließt zu gehen. Kleinigkeiten, Details im Leben wahrzunehmen, wie die Sonne die gerade aufgeht, oder der Geruch der nassen Straße nach Regen. Der Geruch nach Kaffee und Croissants am Morgen, das zarte Gefiedel eines Straßenmusikanten am Abend. Sich an Dingen freuen und vor allem: nicht immer zu erwarten, glücklich zu sein. Sein Leben meistern, neues ausprobieren und anderen Menschen mit Freundlichkeit entgegen kommen. Zu schätzen lernen, was man an seinen Mitmenschen, seiner Situation hat. Und, wenn was nicht passt, zu wissen, dass man Umstände auch anpacken und ändern kann und das gegebenfalls sogar tun. Es gibt eine Riesenpalette an Dingen, die das Leben schöner machen können, wenn man sich selbst nur die Chance gibt.

Die Chance, glücklich zu sein.

Montag, 3. Oktober 2011

Let the Cheese in!

Romantische Picknicks am See. Plätzchen backen und Engerl basteln zur Weihnachtszeit und dazu "Last Christmas" von Wham! hören. Tagebuch schreiben und dabei Herzchen hinein malen.
Klingt schön? Na, wenn Sie ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft sein möchten, das für Intellekt und Tiefgründigkeit geschätzt wird, dann hoffentlich nicht!

Es scheint immer mehr ein Tabu zu werden: Typisch romantisch-verspielte Sachen. Tausendmal in Filmen gesehen und in Büchern gelesen, auf Postkarten gedruckt oder in früheren Poesiealben, scheint vieles wie eine Floskel nur noch abgelutscht und verbraucht. Wer heutzutage romantisch sein will, muss früher aufstehen. Mit einem Candlelight-Dinner überrascht man heute niemanden mehr, greift nur noch in die Klischekiste.

Doch, Ansprüche an ein Date beziehungsweise den Datingpartner mal bei seite, muss das denn wirklich sein? Denn Kitsch und "cheesy" (englisch für schnulzig) haben ihre ganz eigenen Reize. Klar ist subtiler Humor und Sarkasmus cool. Klar leben wir in einer aufgeklärten Gesellschaft, in der man nur hinter vorgehaltener Hand von wahrer Liebe und Träumen vom Häuschen im Grünen spricht.
Es gibt jedoch Momente, in denen der Cheese die köstlichste Speise ist, die man sich in diesem Moment auf dem Teller vor sich nur wünschen könnte. Warm und klebrig serviert, schmeckt er wie Milchreis mit Vanille und Zimt. Oder wie Pudding.
Wenn man zusammen mit dem/der Liebsten auf der Bank sitzt und der Sonne beim Untergehen zusieht. Wenn man, an die beste Freundin gekuschelt und gemeinsam seufzend, einen der alten Liebesfilme mit Julia Roberts ansieht. Oder Titanic, nicht ohne sich verstollen am Ende die Tränen aus den Augen zu wischen. Und die Gefühle, wenn man ein Baby lachen sieht.

Das sind doch so Dinge, die das Leben so viel schöner machen. Denn egal, wie subtil und intellektuell man ist: Letztlich funktionieren wir doch alle gleich und relativ simpel. Der Riesenschwall an Wärme, der einen empfängt, wenn man diese wundervollen Erlebnisse hat, die sich ein Schnulzenautor nicht besser hätte einfallen lassen können, dann ist man einfach nur noch glücklich.

So: Let the Cheese in!

Samstag, 1. Oktober 2011

Die Ära der Luxusprobleme

Lebensmittelunverträglichkeit, spontan auftretender Burnout und Hypochondrismus. "Das hätts früher nicht gegeben!", hört man die ein oder andere ältere Dame sagen und an einem gewissen Punkt kann man ihr zustimmen: Wir leben in einer Zeit der Luxusprobleme.
Als es noch ums nackte Überleben ging oder, vielleicht nicht ganz so dramatisch, einfach nur die Existenzerhaltung eines gutbürgerlichen Lebens, kannten die Leute ihren Platz. Es hatte jeder eine Arbeit und wenn nicht, sollte er sich doch bitte schleunigst etwas suchen. Zu tun gab es ja genug. Gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Ich bin mir nicht sicher, wie es damals mit Lebensmittelunverträglichkeiten gehalten wurde, aber ich vermute nicht, dass klein Uwe immer etwas anderes auf den Teller bekommen hat als die anderen (schwerwiegende Allergien natürlich mal ausgeschlossen).

Doch wie ist das heutzutage? Ich spreche hier natürlich nicht von Entwicklungs- oder Schwellenländern, sondern von hier zulande. Mal ehrlich: Es geht uns ziemlich gut. Ein funktionierendes Sanitär- und Sozialsystem, zahlreiche Insitutionen zur Unterstützung bei beinahe jeder Form von Problem und ein immer größeres Bewusstsein und immer offeneres Ohr für unsere Sorgen in der Allgemeinheit. Doch bevor man hier aufhört zu lesen und sich denkt: "Jaja, wir habens kapiert, uns geht es ja sooo gut, die armen Kinder in Afrika, blah...", der sollte bitte dennoch weiterlesen.
Darum geht es mir nämlich nicht.

Ich bin mir nicht sicher, ob es uns wirklich soviel besser geht. Es scheint nämlich viel mehr, als ob der Mensch, sobald Problem a und b beseitigt und gelöst wurden, mit unfehlbarer Treffsicherheit flink Problem c ausgegraben hat. Denn es ist schon auffällig: Grundbedürfnisse gestillt und alle anderen Grundvoraussetzungen für ein stabiles funktionierendes Leben gestellt, treten plötzlich ganz neue Sachen auf: Da wäre der Klassiker, die Depression. Ob sie sich nun im Burnout äußert oder in einer Sinnkrise (wobei man hier garnicht unbedingt von einem entweder-oder-Ausschlussprinzip reden muss): Manchen geht es paradoxerweise genau deswegen schlecht, weil es ihnen so gut geht.
Denn kaum hat man alles, was man braucht, bleibt aufeinmal Zeit, sich zu überlegen, was einem denn sonst noch so fehlt.

Je mehr der Mensch erwartet, jetzt doch eigentlich glücklich sein zu müssen, desto unwahrscheinlicher ist er es denn auch.
Die Folge: Nie zuvor gesehene Zahlen in Kliniken für Depression, Magersucht, Angststörung und co.
Auch Lebensmittelunverträglichkeiten, Allergien und ähnliches sind Dinge, die erst auffallen, wenn man denn mal die Zeit dafür hat.

Einerseits ist es sicher gut, dass sich der Fokus der Allgemeinheit auf Details verbessern kann und nach der Beseitigung grober Rückstände, auch Feinheiten ihre Beachtung bekommen.
Mancher eins hat ja tatsächlich Probleme, die ihm früher genauso zu schaffen gemacht hätten. Nur, dass es damals keinen interessiert hätte. Solchen Menschen kann heute geholfen werden, was einfach nur toll ist.
Dennoch glaube ich, sollten wir uns alle (und damit meine ich eindeutig auch mich) zu mehr Pragmatismus begeben. Manch ein Problem ist erst dann eins, wenn man eins draus macht. Depressionen werden nicht von heut auf morgen vom positiven Denken verschwinden. Aber auch nicht, wenn man sich jeden Tag damit auseinander setzt, warum es einem nur so furchtbar dreckig geht. Wie wäre es mit: Leben anpacken?

Letztlich lernt man damit nämlich wieder eins zu schätzen: Es ist im Grunde schon ein ziemlich schönes Leben.

Dienstag, 27. September 2011

Die Traveller

Man spricht über sie, hört über sie, lernt sie manchmal sogar kennen. Mitten im Zeitalter der Globalisierung, Smartphones und Social Networks macht sich eine ganz neue Form der Gesellschaft und der Lebensgestaltung breit: Die Traveller.

Sie bewegen sich mit kompakten Rucksäcken und pragmatisch praktisch ausgerichteter Kleidung (jedoch nicht ohne einen gewissen "Bohemian Chic" zu bewahren) in aller Herren Länder und sind immer genau da zu Haus, wo sie so eben ihre Sachen auf Bett und Boden verteilt haben. Zahnbürste und Duschgel mal eben im Bad drapiert: schon ist das Hostelzimmer annektiert, ein Zuhausegefühl kann sich nun breit machen.

Wer sind sie und wieso widerlegen sie alle Theorien vom Menschen, der ein Zuhause braucht, der trotz Abenteuerlust und Suche nach neuen Erfahrungen doch immer wieder gern zum Altgeliebten zurückkehrt? Zunächst muss man feststellen: Traveller ist nicht gleich Traveller. Auf meinen eigenen Reisen habe ich bereits die verschiedensten Typen kennen gelernt, von "Ich bin für vier Wochen unterwegs, freue mich aber schon wieder auf Zuhause" bishin zu "Ich habe mir gerade ein neues Visum beantragt, möchte noch ein weiteres drittes Jahr reisen". So unterschiedlich die Typen sind, sie haben alle Gefallen an dieser einen Sache gefunden: dem Leben eines Reisenden. Man hat nur das Nötigste dabei, das sich im Rucksack befindet, aus dem man lebt. So ganz ohne zu putzende Wohnung und fixen Alltagsroutinen ist der Geist aufeinmal frei. Es gibt eine kurze Phase der Überwindung, des Unglaubens und der Verwirrung, und dann plötzlich hat man es kapiert: Ich bin hier und die Welt direkt vor mir! Wie noch nie zuvor öffnet man die Augen und will leben. Sehen. Verstehen. Erleben. Und Menschen kennen lernen, Erfahrungen sammeln.
Wie man dann so dasitzt, im bereits ein wenig mitgenommenem T-Shirt, das man aus dem vorvorherigen Ort im Supermarkt gekauft hat, im Kreise von Leuten, die alle von einem anderen Kontinent stammend und trotzdem munter gemeinsam in der Verbindungssprache Englisch plaudernd, erkennt man sich aufeinmal selbst nicht mehr. Denn man hat sich weiter entwickelt und merkt: Ich bin so viel mehr als die Rolle, die ich zuhause eingenommen habe.

Doch was ist mit den Leuten, die gar nicht mehr aufhören zu reisen? Die nicht seit Wochen, nicht seit Monaten, sondern seit Jahren unterwegs sind, mal hier länger bleiben, mal dort einen Job annehmen, aber letztlich immer weiter ziehen? Es sind wohl die Neuzeit-Nomaden. Ich selbst bin keine von ihnen, denn egal wie schön die Erfahrungen und Erlebnisse und wie wichtig die Horrizonterweiterung, ich weiß: ich brauche meinen Platz irgendwo. Brauchen den die anderen denn nicht?
Denn einerseits lernt man Menschen kennen, die einen in der eigenen Denkensweise weiterbringen und außerdem, auf eigenen Füßen zu stehen. Frei und man selber zu sein. An einem Zuhause und Menschen, die einen letztlich aufatmen und sich fallen lassen, fehlt es jedoch.

Vielleicht ist für die Erweiterung des Horizonts und das Finden der Gangart, wie man den eigenen Lebensweg meistern möchte, genau das, wofür es sich eine Weile altgewohntes aufzugeben lohnt. Es gilt aufzupassen, sich nicht selbst zu verlieren, doch wer nicht vergisst, wer er ist, der wird einen Platz finden. Und den Rucksack wieder auspacken, gefüllt mit besagtem T-Shirt und einem Riesenbündel an Geschichten, Erlebnissen und Weisheiten, die einem für immer bleiben werden.

Denn das Reisen ist ein Geschenk. Ein Geschenk an die Seele und den Geist, das eigene Leben nochmal ganz anders zu betrachten und neue Wege auszuprobieren.

Freitag, 2. September 2011

Angst vorm Fliegen

Er ist verschrien, er ist unbeliebt und keiner will in ihn geraten: der Alltagstrott. Immer dem selben nachgehen, an den selben Orten mit den selben Tätigkeiten und selbst die Abwechslung (Hobbies, Ausflüge etc.) ist doch irgendwann einmal "immer das selbe". Auf kurz oder lang ist der Mensch ein Gewohnheitstier, der, wenn er einmal ein funktionierendes Gesamtsystem und einen Platz im Leben gefunden hat, in und an dem er sich wohlfühlt, auch nicht mehr so schnell davon weicht.

Doch freiwillig oder unfreiwillig: Neue Dinge passieren. Ganz egal ob Schwangerschaft, Reise, neue Liebe oder Trennung von der alten: Aufeinmal ist der "Trott" passé.


Geliebtes altes Sofa
Sehr oft wird uns erst bei einer anstehenden Veränderung klar, dass wir unser Leben eigentlich gut finden, so wie es ist. Der eigene Alltag kommt einem vor wie ein altes, abgesessenes Sofa. Es ist nicht mehr schön, es sind schon viele Flecken drauf und da wo Leute gesessen haben, sind Dellen. Doch wenn es darum geht, das Sofa aus dem Wohnzimmer zu verbannen und einen neuen Kollegen aufzustellen, da protestiert es in uns laut auf. "Nein, ich will das so. Das war immer gemütlich so, das soll so bleiben", motzt eine Stimme, die sich absolut sicher ist, was sie will. Man selbst, gerade im Ikea-Katalog nach einem neuen Sofa blätternd, kratzt sich nur verwundert am Kopf. Wie kann sich der da so sicher sein? Denn eigentlich lautete der bis gerade eben vorherrschende Gedanke: "Sofa alt, Neues muss her."


Träumen selber ist nicht schwer, umsetzen dagegen sehr
Auch beim Reisen ist der Grundgedanke: Neues sehen, Eindrücke gewinnen, Erfahrungen sammeln und fremde Kulturen erleben. Ob abenteuerlich als Jugendherbergen-Backpacker oder eher gemütlich als Hotel-Kofferant: Man will sich auf ein neues Land einlassen und exotische, fremdartige Luft schnuppern. Noch glückstaumelnd den Flug gebucht und wie frisch verliebt vom anstehenden Trip träumend, Bilder im Internet schwärmerisch verfolgend, ändert sich der Zustand bei mancher eins schlagartig: Nämlich sobald sich besagter Trip nähert. Denn die Zeit vergeht wie im Fluge und plötzlich ist klar: "Morgen fliege ich."
Und da wird es sehr ambivalent. Die Vorfreude ist noch da, klar. Doch aufeinmal kommt sie wieder daher, diese Stimme die wir noch vom Sofa(nicht)kauf kennen: "Also eigentlich ist das doch grad echt nett hier. Du hast doch hier alles was du brauchst. Und grad eben ist es sooo schön daheim. Was willst du denn jetzt groß weg? Jetzt sei doch mal vernünftig, das ist doch Quatsch."


Angst vor Neuem
Das was uns zur Flugbuchung getrieben hat, was uns zu letztlich jeder Entscheidung zu neuem im Leben treibt, sind unsere Träume. Unsere Wünsche und Sehnsüchte. Doch bei der Umsetzung der Träume haben viele Menschen eins gemeinsam: Die Angst vorm Fliegen. Gemeint ist hier nicht die Angst davor, ins Flugzeug zu steigen. Sondern die Angst vor Neuem.
Denn egal wie trottig dem Menschen sein eigener Alltag vorkommt: Etwas Neues bringt eine Menge nicht einschätzbarer Faktoren mit sich. Und die sind dem Mensch immer zunächst einmal vor allem eins: Unabhängig und wenn möglich zu vermeiden. (Nicht umsonst verdienen sich Verlage an Reiseführern und -ratgebern dumm und dämlich)
Zum fliegen muss man seine Flügel ausbreiten und: Springen. Genau davor haben Menschen, verständlicherweise, Angst. Sich auf etwas Neues einzulassen und von Altem loslassen. Neue Erfahrungen bringen zum Nachdenken und neue Erlebnisse locken Gedanken und Gefühle in uns hervor, zu denen wir im Alltag keinen Zugang hatten.

Doch nur wer sich fallen und einlässt auf ein Abenteuer, kommt im Leben weiter. Neue Liebe, neue Reise, neues Sofa: Egal. Nichts muss für die Ewigkeit seien, doch neue Impulse bringen frischen Wind und damit Luft zum Atmen.

Auf Dauer ist Glück wahrscheinlich die exakte Balance zwischen Neu und Alt. Dem alten Sofa und der Abenteuerreise. Und dann lernt man es: Das Fliegen.